Die Wahrheit über das deutsche Jobwunder

Die Wahrheit über das deutsche Jobwunder

Viele Arbeitsplätze seien befristet oder schlecht bezahlt und die Einkommensunterschiede würden immer größer, klagt Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA). Ein US-Ökonom meint, die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft sei zulasten der Arbeitnehmer zustande gekommen.

"Wir haben die Tendenz zu einer zunehmenden Lohnungleichheit", sagte Weise der "Süddeutschen Zeitung". Der Unterschied "zwischen oben und unten" wachse. Wer heute im Geschäftsleben bei der Entwicklung und Produktion von Produkten bestehen könne, der habe eine gute Schulausbildung, bilde sich weiter und habe in der Regel ein gutes Einkommen. Wer nicht mithalten könne, für den blieben, wenn überhaupt, nur niedrig bezahlte Jobs.

Weise sprach sich dafür aus, die Agenda 2010 im Sinne stabilerer Beschäftigungsverhältnisse weiterzuentwickeln. "Viele haben jetzt eine Arbeit, aber die ist oft noch atypisch, gefährdet, befristet, nicht gut bezahlt." Er plädierte auch für von Arbeitgebern und Gewerkschaftern ausgehandelte, differenzierte Lohnuntergrenzen. In den neuen Mindestlöhnen im Friseurhandwerk sieht er einen guten Einstieg.

Kurzfristige Erfolgsgeschichte

Auch der renommierter US-Ökonom Adam Posen hebt die Schattenseiten des Jobwunders hervor und hält den Erfolg der deutschen Unternehmen für kurzfristig. "Es gibt keine Belege für eine besondere Industrie-Erfolgsgeschichte Deutschlands", schreibt Posen, Präsident des in Washington ansässigen Peterson Institute for International Economics, in einem Gastbeitrag für die Zeitung "Die Welt" (Samstag). Die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sei erkauft durch niedrige Löhne und eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen. "Billige Arbeit ist der Hauptgrund des deutschen Exporterfolgs der letzten zwölf Jahre."

Die deutsche Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren versäumt, ihre Wettbewerbsfähigkeit stattdessen durch technologischen Fortschritt und mehr Bildung zu steigern. Die deutsche Investitionsquote liege seit 2001 deutlich unter denen der anderen G-7-Staaten, kritisierte Posen. Damit sich dies ändere, müssten Firmen dazu angehalten werden, ihre vergleichsweise hohen Geldbestände zu investieren, in höhere Löhne zu stecken oder den Anteilseignern auszuzahlen.

Die Betriebe planen laut einer Umfrage des Deutschen Industrie-und Handelskammertags (DIHK) inzwischen deutlich mehr Neueinstellungen als bisher geplant. Es sollten bis zum Jahresende insgesamt 250.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf die DIHK-Umfrage. Anfang 2013 war die Prognose noch bei 150.000 gelegen. Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte der Zeitung: "Der Arbeitsmarkt überrascht einmal mehr positiv."

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