"Die Russen sind daran gewöhnt, Geld zu verlieren"

"Die Russen sind daran gewöhnt, Geld zu verlieren"

Bei Pascucci ist von Panik nichts zu spüren: In dem noblen Tee-Salon in der zypriotischen Stadt Limassol, in dem sich gerne russische Frauen zum ausgiebigen Plausch mit ihren Freundinnen treffen, lächelt Natalija ungerührt: "Wie viele andere Russen bin ich wegen des Meers, des Klimas und der gesunden Luft für meine Kinder hierher gekommen. All das ist immer noch da."

Die 39-jährige gelernte Ökonomin versichert wie ihre beiden Freundinnen neben ihr, die seit mehr als zehn Jahren in Limassol leben, dass sie von der Zwangsabgabe auf Bankguthaben nicht direkt betroffen seien.

Von einer Massenflucht reicher Russen von der Mittelmeer-Insel wegen der dramatischen Finanzkrise kann bisher keine Rede sein. "Ich habe die Perestroika miterlebt, und wir haben 15 Jahre Unruhen durchlebt. Das, was auf Zypern passiert, ist nicht mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergleichbar. Das Leben wird hier weitergehen, man muss nicht in Panik verfallen", ist sich Slawa Mischin sicher. "Das Geld wird das Land verlassen, die Menschen nicht." Viele würden wie er und seine Familie abwarten, was nun passiert.

Der 42-jährige Mischin arbeitet im Finanzsektor in Limassol, der zweitgrößten Stadt Zyperns, in der sich viele Russen niedergelassen haben und die deshalb den Spitznamen "Limassolgrad" trägt. Seine in St. Petersburg ansässige Firma, die Anteile an dem größten zypriotischen Finanzinstitut Bank of Cyprus hält, kann über das Geld ihrer Niederlassung auf Zypern derzeit nicht mehr frei verfügen. Die Konten sind eingefroren und Mischin wird auch persönlich Geld verlieren.

Trotz Vertrauensverlust: "Wir bleiben hier"

"Niemand vertraut mehr dem zypriotischen Bankensystem", räumt der Russe ein. Doch selbst wenn viele herbe Verluste durch den Zwangsabschlag auf Bankguthaben über 100.000 Euro hinnehmen müssten, so würden doch nur wenige die Insel verlassen. Auch Mischin versichert: "Wir sind hier wegen des Klimas, der Religion, der Sprache - man kann Englisch sprechen - und weil wir nicht weit von unserer Heimat sind und wir unsere Kinder in einer sicheren Umgebung aufwachsen sehen wollen, mit einer europäischen Erziehung."

Auf 31 Mrd. Euro schätzte die Ratingagentur Moody's die Einlagen von Russen bei zypriotischen Banken. Der Zwangsabschlag auf Bankguthaben im Rahmen des Rettungsplans für die von der Pleite bedrohte Insel werde sich vor allem in Limassol auswirken, befürchtet der dortige Bürgermeister Andreas Christou. Die Stadt lebe von der Anwesenheit zahlreicher ausländischer Firmen, vor allem russischer.

Im Tee-Salon Pascucci versichert Anna, die aus Weißrussland stammt, dass sie "hier bleiben" und erst einmal "abwarten" wolle, wie sich die Lage entwickelt. "Es war nicht das Paradies hier, aber es war stabil und wir wussten, was wir zu erwarten hatten, aber jetzt wissen wir nicht, was die Zukunft bringt", sagt sie. Ihre russische Freundin Jana neben ihr, eine frühere Sportlehrerin, gibt ebenfalls zu, dass sie wegen ihrer Kinder und wegen Zypern "beunruhigt" sei.

Gewohnheitssache

Eine massive Abwanderung seiner Landsleute aus Zypern erwartet der Besitzer des russischen Restaurants Taras Bulba und der Radiostation Russian Wave nicht. "Für die Zyprioten ist es eine große Beunruhigung, Geld zu verlieren, aber für die Russen ist es etwas, an das sie gewöhnt sind", erläutert Alexej Wolobojew, der einen zypriotischen Pass im Gegenzug für seine Investitionen auf der Insel erhalten hat. Er berichtet, dass die Werbeeinnahmen in seiner Radiostation schon seit sechs Monaten zurückgegangen sind. Die Leute hätten viele Signale zur Lage der kriselnden Banken erhalten. "Wer sich mit Finanzen etwas auskennt, der hatte genug Zeit, um seine Anlagen zu transferieren."

Möbelspediteur Sergio Thoukis geht sogar noch weiter: Er ist überzeugt, dass die zypriotische Regierung "hinter den Kulissen" den Russen einen Deal anbieten wird, "damit sie bleiben". Seine Firma in Limassol hat seit Beginn der Finanzkrise auf Zypern jedenfalls noch keinen Umzugsauftrag von einer russischen Familie erhalten.

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