Die perfekte Eurozone

Die perfekte Eurozone

Die Eurozone – angespannte Weiten. Ein Währungsraum, der Länder wie Deutschland ebenso umfasst wie geteilte Inseln à la Zypern oder Irland. Dass das nur unter Aufbringung beträchtlicher Mühen und Mittel funktioniert, hat man in den letzten Jahren gesehen.

Die Eurozone mutiert zur Transferunion, die Ungleichgewichte werden aber trotz billionsenschwerer Schutzschirme und hunderter Milliarden an Stützungskrediten nur an der Oberfläche ausgeglichen.

Wie angespannt die Lage nach wie vor ist, zeigt eine bis vor kurzem unvorstellbare Diskussion, bei der es um negative Zinsen in der Eurozone geht. So erklärte der italienische Notenbank-Chef Ignazio Visco, dass die EZB, sollte sich die Wirtschaftslage in der Eurozone weiter verschlechtern, bereit, willens und in der Lage sei, den Zins auf Einlagen der Banken bei der Notenbank unter null Prozent zu senken. „Wir sind uns im EZB-Rat alle einig, dass wir uns das genau anschauen müssen und gegebenenfalls den (Einlage)satz weiter reduzieren werden“, sagte der Nachfolger von EZB-Präsident Mario Draghi auf dem Chefsessel der Banca d'Italia. Er selbst denke, dass ein solcher Schritt „effektiv“ sei. „Wir wissen, dass wir damit umgehen müssen und wir wissen, wie wir damit umgehen müssen.“

Dass in Deutschland angesichts solcher Äußerungen die Alarmglocken schrillen, ist verständlich. Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen hat den Kurs der EZB in der Euro-Krise scharf kritisiert. „Die billige Liquidität der Zentralbank ist nicht gesund“, sagte Fitschen gegenüber der FAZ. „Wir sollten möglichst schnell dahin kommen, dass die Realzinsen positiv werden.“ Auch die Opposition schäumt. SPD-Chef Sigmar Gabriel griff Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Krisenpolitik scharf an. Merkel zerstöre mit ihrem Sparkurs nicht nur für Jahre das Vertrauen der Bürger in Europa, sondern organisiere „heimlich über die Europäische Zentralbank“ eine europäische Schuldenunion mit der Haftung Deutschlands, sagte Gabriel der Leipziger Volkszeitung. „Das dicke Ende kommt“, so der Sozialdemokrat.

Das dickste aller Enden

Das dickste aller Enden wäre wohl das Auseinanderbrechen der Eurozone. Käme es zu so einem Extrem-Szenario, stellt sich aber die Frage, wie man die Fehler der Vergangenheit vermeiden und einen – nach ökonomischen Kriterien – möglichst perfekten Währungsraum gestalten könnte. Grundvoraussetzung eines solchen Konstrukts wäre natürlich, dass die größte und wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft des Kontinents den Kern bilden müsste: Ohne Deutschland kein Euro.

Wer zu einer funktionierenden Union gehören würde, müsste also von den volkswirtschaftlichen Kennzahlen her so gestrickt sein, dass er nur in einer gewissen Bandbreite von Deutschland abweichen darf. Das erinnert ein wenig an die Maastricht-Kriterien – nur dass die neuen Kriterien an den realen wirtschaftlichen und nicht beliebigen, teils politischen Bedingungen orientiert wären.

Eurozone 1.1 – die Kriterien

Folgende Größen erscheinen in diesem Zusammenhang als relevant: BIP-Wachstum, Leistungsbilanzsaldo, Teuerung, Arbeitslosenrate, Neuverschuldung, laufendes strukturelles Defizit und natürlich die Schuldenquote. Um ein „Genügend“ und somit die Qualifikation zu erzielen, muss ein Land vier von sieben Kriterien erfüllen.

Beim BIP-Wachstum wurde als Voraussetzung angenommen, dass zumindest kein Negativ-Wachstum erzielt wird. Beim Inflationsziel haben wir ein aufgeweichtes EZB-Ziel als Benchmark genommen. Die Notenbank sieht „nahe“ zwei Prozent als erstrebenswert an, in der Praxis entspricht das einem Ziel-Band von 1,8 bis 2,2 Prozent. Dieses sollte um 15 Prozent flexibler werden – vor allem nach oben – womit man auf ein Inflationsziel von 1,5 bis 2,5 Prozent käme. Die Arbeitslosenrate muss unterhalb eines zweistelligen Bereichs bleiben, die Neuverschuldung darf das Wachstum nicht übertreffen, beim laufenden Defizit haben wir Maastricht-Kriterien angewendet, also maximal drei Prozent des BIP, der Schuldenstand muss unter 100 Prozent des BIP liegen. All diese Kriterien wurden so kalkuliert, dass Deutschland in etwa dem Mittel entspricht – das wird besonders bei der Leistungsbilanz ersichtlich, die um plus/minus 15 Prozent um die Deutschlands schwanken darf.

Zu Rate gezogen wurden die Prognosen des IWF für das laufende Jahr. Das Ergebnis würde zu einer nordöstlichen Verlagerung der Eurozone führen – Deutschland und Österreich würden von kartografischen Kernländern zu Grenstaaten mutieren. Geratet wurden alle Mitglieder der EU plus der Schweiz – und wer dachte, eine derart harsch zusammengesetzte Eurozone würde weniger Mitglieder haben, als die aktuelle, sieht sich gestäuscht: Inklusive der Eidgenossenschaft käme ein derartiger Währungsraum auf 20 Länder.

Einschnitte gäbe es allerdings bei der BIP-Kraft an sich, da Frankreich einen Beitritt nicht schaffen würde. Ebensowenig Spanien und Italien. Großbritannien würde sich die gesamte Euro-Diskussion ebenfalls ersparen, da sich die Briten für die Zone nicht qualifiziern würden.

La Petite Nation

Für die realen Zustände besorgniserregend erscheint, dass Frankreich in vier Kategorien durchfallen würde: Leistungsbilanz (minus 1,3 Prozent), Arbeitslosenrate (minus 11,2 Prozent), Neuverschuldung (minus 3,7 Prozent), BIP-Wachstum (minus 0,1 Prozent), auch Großbritannien fällt in vier Bereichen durch: Inflation (minus 2,6 Prozent), Defizit (minus 4,3 Prozent), Neuverschuldung (minus 6,9 Prozent) und Leistungsbilanz ( minus 4,4 Prozent).

Österreich würde die Qualifikation leicht schaffen. Gerade bei der Leistungsbiland (plus 2,2 Prozent) schweift man zu stark von den deutschen 6,1 Prozent ab. Die Neuverschuldung liegt laut IWF bei 2,2 Prozent und somit unterhalb des vom Fonds ausgewiesenen Potenzialwachstums von 0,8 Prozent.

Besser sind nur die Skandinavier Norwegen und Schweden, sowie die baltischen Länder Lettland, Litauen und die Schweiz, die es auf gerade einmal ein nicht erfüllte Kategorie bringen.

Die (fast) perfekt Zone

Letztendlich würde die perfekt Eurozone folgendermaßen aussehen:

Deutschland
Niederlande
Polen
Slowenien
Rumänien
Island
Tschechische Republik
Belgien
Estland
Lettland
Litauen
Malta
Slowakei
Dänemark
Norwegen
Schweiz
Schweden
Österreich
Luxemburg
Bulgarien

Zweier-Peripherie

Zugegeben werden muss, dass mit Bulgarien ein Land die Kriterien erfüllt, das strukturell alles andere als stabil eingeschätzt werden darf. Auch Sloweniens Bankenprobleme sind bekannt. Auf der anderen Seite würde die hier angeführte Eurozone über eine Peripherie aus gerade einmal zwei Ländern (Bulgarien, Slowenien) bestehen – und nicht wie derzeit vier. Beziehungsweise fünf, wenn man Frankreich hinzuzählt – und das wird man wohl machen müssen. Früher oder später.

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