Der einsame Kampf der Bauern von Fukushima

Der einsame Kampf der Bauern von Fukushima

Für einen Moment strahlen die Augen des Japaners: "Wir hängen an diesem Land, verstehen Sie, was ich meine? Das ist guter Boden, schon unsere Großeltern haben hier hart gearbeitet und Gemüse und Reis angebaut." Dann wird seine Miene ernst.

Der Geigerzähler schlägt auf 1,3 Mikrosievert aus. "Ziemlich hoch", sagt der Biobauer betrübt. Der Grenzwert liegt bei 3,8. Die Werte in den Reispflanzen selbst seien jedoch unbedenklich, beteuert er. In diesen Tagen holen Sugeno und seine Kollegen den Reis auf ihren Feldern ein. Die zweite Erntesaison seit der verheerenden Katastrophe im nur rund 50 Kilometer von seinem Heimatort Nihonmatsu entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.

Doch Sugeno weiß, dass er seinen Reis kaum los werden wird. Da helfen auch alle seine Beteuerungen nichts, dass der Reis nachweislich sicher ist. Denn auch eineinhalb Jahre nach dem GAU in Folge des Erdbebens und Tsunamis haben viele Verbraucher weiter Angst vor Lebensmitteln aus Fukushima. Als Folge der Katastrophe fordert inzwischen die Mehrheit der Japaner einen kompletten Ausstieg aus der Atomkraft. Auch Bauer Sugeno. Nun gibt es erstmals für sie Anlass zu Hoffnung: In diesen Tagen will die Regierung ihre neue Energiepolitik bekanntgeben. Behalten japanische Medien recht, wird darin das langfristige Ziel festgeschrieben, Japans Abhängigkeit von der Atomenergie auf Null zu reduzieren. Das käme einer Revolution gleich.

"160.000 Menschen, die nicht nach Hause können"

"Wir haben hier immer noch 160.000 Menschen, die nicht nach Hause können, die keine Arbeit haben und nicht wissen, wie sie weiterleben können", erzählt Sugeno. Dass die Regierung nach der zwischenzeitlichen Abschaltung aller Atomkraftwerke zu Wartungsarbeiten kürzlich wieder zwei Reaktoren angefahren hat, findet er "unmöglich". Schließlich seien die Folgen von Fukushima noch längst nicht beseitigt. Der Biobauer im Ort Nihonmatsu erlebt dies am eigenen Leib. Verzweifelt kämpft er ums Überleben, pflügt und pflügt die Äcker, weil dies helfe, die Werte im Boden zu senken.

Er streut Siedesteine, die Strahlen absorbieren sollen und misst unablässig die Werte. Der Biobauer kooperiert dabei eng mit Forschern der Universität Niigata, studiert komplizierte Messtabellen, fertigt selbst Strahlenkarten an, organisiert Messinstrumente - doch es hilft alles nichts. Die meisten Verbraucher sind misstrauisch. Aus diesem Grund soll in diesem Jahr in Fukushima nicht nur stichprobenweise, sondern jeder einzelne Sack Reis auf Strahlen untersucht werden.

Zu der Angst trügen auch die Medien bei, die mit einseitigen Berichten über vereinzelte Funde an hohen Werten den falschen Eindruck vermittelten, ganz Fukushima sei hochgradig verseucht, klagt Sugeno. "Natürlich kann ich von Müttern nicht erwarten, dass sie unsere Produkte aus Fukushima essen. Ich wünschte mir aber, dass die Menschen die ganze Wahrheit erfahren, wenn in Produkten eben keine Strahlen gemessen wurden und dass wir Bauern ungeachtet all unserer Mühen am Ende dann trotzdem nichts verkaufen können", seufzt er.

Brache Reisfelder

Immer mehr seiner Kollegen geben ihren einsamen Kampf auf. Wer in der Provinz Fukushima heute übers Land fährt, sieht immer mehr Nassreisfelder brach liegen. Aufgegeben von verzweifelten Bauern, deren Familien seit Generationen von den Böden lebten, nach dem GAU im AKW Fukushima aber einfach nicht mehr die Kraft haben, wie Sisyphus die Äcker zu bestellen, um am Ende auf der Ernte sitzen zu bleiben. Zwar bekommen sie Entschädigungszahlungen vom Atombetreiber Tepco, auch Biobauer Sugeno. Doch mit Geld sind die psychischen Folgen, die Erkenntnis, dass ihre Produkte trotz all der harten Arbeit stigmatisiert und gemieden werden, allein nicht zu heilen.

Jahrzehntelang haben die Japaner an die Beteuerungen des Staates und der Atomlobby von der Sicherheit der Atommeiler geglaubt. Das hat sich radikal geändert. In Umfragen spricht sich inzwischen eine Mehrheit der Wähler gegen die Atomkraft aus. Trotz der Widerstände der Atomlobby können auch die Politiker des Landes diesen Wandel im Bewusstsein der Bevölkerung nicht mehr ignorieren. Laut Medienberichten wird die neue Energiepolitik der Regierung vorsehen, den Anteil der Atomkraft an der Energieversorgung bis 2030 von ehemals rund 30 Prozent auf 15 Prozent oder weniger zu reduzieren - als Zwischenetappe. Die bestehenden AKW sollen nach 40 Jahren Laufzeit abgeschaltet werden. Am Ende solle Japan atomfrei sein.

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