Der Albtraum der Saudis

Der Albtraum der Saudis

Der letzte große Streit zwischen den USA und den saudischen Ölscheichs krempelte das Leben der autoverliebten Europäer grundlegend um: Die Ölkrise sorgte 1973 dafür, dass Spaziergänger an autofreien Sonntagen plötzlich staunend über die leer gefegten Autobahnen schlendern konnten.

Mit einem Ölboykott bestraften die Araber damals die USA dafür, dass die Weltmacht ihren Verbündeten Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützte. Am kommenden Mittwoch jährt sich der Beginn der Ölkrise zum 40. Mal, und es liegt neuer Ärger zwischen den USA und Saudi-Arabien in der Luft. Denn inzwischen müssen die Saudis befürchten, dass ihr größter Albtraum wahr werden könnte: Eine Annäherung zwischen den USA und dem gemeinsamen Erzfeind Iran.

Als der altgediente saudische Außenminister Prinz Saud al-Faisal vergangene Woche erstmals keine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hielt, sandte sein dröhnendes Schweigen eine nur allzu klare Botschaft aus: Saudi-Arabien ist zutiefst verärgert über die Weltgemeinschaft. Denn das Land wähnt sich von den UN im Stich gelassen in der Entscheidungsschlacht um die Herrschaft im Nahen Osten. Auf der einen Seite das sunnitische Königreich Saudi-Arabien, der Hüter der heiligen islamischen Stätten in Mekka, auf der anderen Seite der schiitische Revolutionsstaat Iran, der sich als Vorkämpfer für die Rechte der Unterdrückten sieht. Beide Staaten ringen um die Vormachtstellung in der Region. In Ländern wie dem Libanon ist der Iran schon lange ein wichtiger Spieler im Hintergrund. Aber besonders der Konflikt in Syrien entwickelt sich zunehmend zum Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.

Der Zorn der Saudis auf die Vereinten Nationen rührt daher, dass sie sich in dieser Konfrontation mit dem Iran von der Weltgemeinschaft nicht ausreichend unterstützt fühlen. Anders als in den Vorjahren sind sie dieses Mal jedoch nicht nur wütend auf die Veto-Mächte China und Russland, sondern auch auf die USA, von denen sie sich durch eine zu nachgiebige und "naive" Politik gegenüber dem Iran verraten sehen. Als ernstzunehmender Verbündeter ist US-Präsident Barack Obama für die saudischen Prinzen inzwischen abgeschrieben.

Ebenso wie Israel, der zweite enge amerikanische Verbündete im Nahen Osten, befürchtet Saudi-Arabien, dass Obama mit seinem Vorgehen den gemeinsamen Feinden in die Hände spielt. Der Konflikt dürfte die Allianz zwischen den USA und der islamischen Monarchie Saudi-Arabien, die die weltweite Ölversorgung kontrolliert, zwar nicht scheitern lassen. Aber wie vor 40 Jahren mit dem Öl-Embargo ist Saudi-Arabien auch heute wieder bereit, seine regionalen Interessen gegen den Willen Washingtons durchzusetzen. Immerhin dürfte zumindest die Ölversorgung dieses Mal außen vor bleiben.

Alles begann mit dem arabischen Frühling

Die Differenzen zwischen den USA und Saudi-Arabien entstanden mit dem Arabischen Frühling. Zuerst waren beide Staaten über den Umgang mit dem Machtwechsel in Ägypten uneins, zuletzt weitete sich der Streit auf das Vorgehen in Syrien aus. Hier werden die Saudis nun künftig möglicherweise mehr tun, um die sunnitischen Rebellen zu bewaffnen. In erster Linie aber richtet sich die Wut der Saudis gegen die schiitischen Kleriker, die der Welt von Teheran aus seit 34 Jahren die islamische Revolution predigen. Waren die Saudis schon erzürnt über die Unlust der USA, die sunnitischen Rebellen im Kampf gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und dessen Truppen zu unterstützen, so schauen die saudischen Prinzen nun voller Entsetzen auf das Tauwetter, das sich zwischen Obama und dem neuen iranischen Präsidenten Hassan Ruhani abzeichnet.

"Der größte Albtraum der Saudis wäre, wenn die US-Regierung einen Handel mit dem Iran vereinbart", sagt der frühere Diplomat Robert Jordan, der von 2001 bis 2003 als US-Botschafter in Riad lebte. Saudi-Arabien befürchtet, Obama könnte dem Iran die Kontrolle über Länder wie den Libanon, Syrien und den Irak zugestehen, wenn die islamische Republik im Gegenzug dafür verstärkte Atom-Inspektionen im Land erlaubt. Die USA haben zwar eigentlich kein Interesse daran, die Saudis vor den Kopf zu stoßen. Manche Spannungen könnten aber unvermeidbar sein, wenn Amerika seine Prioritäten abwägt. Hinzukommt, dass eine Verschlechterung der Beziehungen zu Saudi-Arabien für die Amerikaner einiges an Schrecken verloren hat: Dank eigener Erdölförderung schrumpft die Abhängigkeit der USA vom Öl der Saudis stetig.

US-Verrat in Ägypten

Schon zu Beginn des Aufstands 2011 in Ägypten hatten sich die Saudis von den USA verraten gefühlt, als diese den gemeinsamen Verbündeten und ägyptischen Staatschef Husni Mubarak im Stich ließen. Gequält verfolgte Saudi-Arabien dann, wie die USA sich nach dem Sturz Mubaraks zur Zusammenarbeit mit dem neuen Präsidenten Mohamed Mursi bereitfanden, der aus der Muslimbruderschaft stammte. Die Saudis betrachten die moderne Islamistenorganisation als unmittelbare Bedrohung für ihre Herrscherdynastie, die aus dem traditionellen Wahhabismus hervorging. Sie befürchten, dass das Aufkommen einer größeren Islamistenbewegung auch im eigenen Land die Verhältnisse ins Wanken bringen und zu einem ähnlichen Volksaufstand führen könnte.

"Normalerweise treffen die Saudis keine Entscheidung, die den Empfehlungen der USA oder deren Interessen widerspricht", sagt der Iraker Mustafa Alani vom Golf-Forschungszentrum in Dschidda, das enge Verbindungen zu den saudischen Sicherheitsbehörden unterhält. "Aber ich glaube, das ist inzwischen vorbei - wenn etwas nicht in unserem Interesse ist, halten wir es nicht länger für nötig, uns ihren Wünschen zu beugen." Als die USA nach Mursis Sturz mit einer Kürzung der Militärhilfen für Ägypten drohten, erklärten sich die Saudis sogleich bereit, mit ihrem Geld einzuspringen. Damit untergruben sie die amerikanische Nahost-Politik und machten ihre Bereitschaft deutlich, den eigenen Weg zu gehen. Seit Juli überwies Saudi-Arabien den Ägyptern fünf Milliarden Dollar - das ist drei Mal so viel wie Washingtons jährliche Unterstützung.

Mit Blick auf Syrien appelliert Saudi-Arabien schon lange an die USA einzugreifen - entweder direkt mit Luftangriffen oder über die Verhängung einer Flugverbotszone oder durch die Lieferung von Militärhilfe an die vor allem sunnitischen Rebellen. Als ein Giftgasangriff im August in Damaskus Hunderte Menschen tötete, waren die Saudis überzeugt, dass dies die USA endgültig zum militärischen Handeln zwingen werde. Die wenig später zwischen den USA und Russland ausgehandelte Vereinbarung über die Vernichtung des syrischen Chemiewaffen-Arsenals, mit der ein Militärangriff abgewendet wurde, war ein bitterer Rückschlag für Saudi-Arabien, das den amerikanischen Verbündeten gern in den Krieg hineingezogen hätte.

Umzingelt?

Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran hat historische und religiöse Wurzeln. Heute stehen sich mit den beiden Ländern die Schutzmächte der sunnitischen und der schiitischen Glaubensrichtung zunehmend unversöhnlich gegenüber. Das vergangene Jahrzehnt über beobachtete Saudi-Arabien alarmiert, wie die Verbündeten des Iran in den arabischen Staaten an Stärke gewannen, die Politik im Libanon und dem Irak dominierten und Aufstände in Bahrain und dem Jemen anzettelten. Inzwischen fühlen sich die Saudis vom Iran und deren Verbündeten umzingelt.

"Es geht nicht darum, dass der Iran mit den USA verhandeln könnte - wir wissen, dass dies früher oder später geschehen wird", sagt Alani. "Aber jetzt kommt es zur falschen Zeit, dieser Präsident (Obama) ist von den Iranern und den Russen bereits getestet worden und hat bewiesen, dass er nicht für seine Prinzipien eintritt oder unsere Rechte schützt".

Früher dagegen passte oft kein Blatt zwischen die USA und Saudi-Arabien. "Die Interessen der Saudis entsprechen zu einem überraschenden Ausmaß unseren eigenen", urteilte ein ehemaliger US-Botschafter vor einem Besuch der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton 2009 in Riad. Altgediente Diplomaten in Saudi-Arabien argumentieren, dass sich an dieser Lage auch heute trotz einiger Stolpersteine prinzipiell nichts geändert habe. "Die Saudis sind sehr geschickte Politiker - andernfalls wären sie nicht mehr an der Macht", sagt einer, der davon ausgeht, dass die USA die Sorgen der Saudis berücksichtigen werden. "Die meisten Amerikaner, seien es Republikaner oder Demokraten, hören bei vielen Themen auf den Ratschlag der Saudis, und das Thema Iran gehört dazu."

Doch das Abweichen der Saudis von der US-Politik in Ägypten lässt vermuten, dass sich das Königreich künftig auch in anderen Bereichen den USA widersetzen könnte - besonders im Fall von Syrien. Vor 40 Jahren bestrafte Saudi-Arabien die USA wegen ihrer Hilfe für Israel mit einem Ölboykott. Heute ist die Bedeutung stetiger Öllieferungen ein Interesse, das Washington und Riad vollauf teilen. Doch Saudi-Arabien könnte anderswo eigene Wege gehen: So könnte sich Riad etwa über die Mahnung der USA hinwegsetzen, den syrischen Rebellen keine kriegsentscheidenden Waffen wie Boden-Luft-Raketen zu liefern. "Es gibt keinen einzigen wichtigen Prinzen mehr, der hinter Obama steht", sagt Alani. "Alle glauben, dass er verrückt geworden ist". Es könnte also sein, dass das Kräfteverhältnis im Bündnis zwischen den USA und Saudi-Arabien dann neu austariert werden muss.

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