Das große Strommarkt-Chaos

Das große Strommarkt-Chaos

Die Energiewende hin zu Ökostrom wirbelt den Markt durcheinander, bringt die Versorger in immer größere finanzielle Probleme – und den Konsumenten höhere Strompreise.

Wenn es ein Datum gibt, an dem sich die momentane Skurrilität des mitteleuropäischen Stromgeschäftes verdichtet, dann war das der 29. Jänner 2013. An diesem Dienstag prallten Markt und Physik in voller Wucht aufeinander und offenbarten die bizarren Auswirkungen einer Energiewende-Politik, die sich zunehmend als chaotischer Strommarkt-Kabelsalat entpuppt. Mehr noch: Der rasante Ausbau von Öko-Energie bedroht inzwischen sogar das bis vor kurzem noch profitable Geschäftsmodell der traditionellen Stromerzeuger.

Am Morgen dieses 29. Jänner trieb eine gewaltige Starkwindfront die riesigen norddeutschten Windparks zu ungeahnten Höchstleistungen. Allerdings: In den bevölkerungsreichen südlichen Bundesländern Deutschlands, wo der Ökostrom eigentlich gebraucht würde, kam er nie an. Denn die deutschen Netze verfügen nicht über genügend Transportkapazitäten. "Das ist die erste Skurrilität der Energiewende“, ätzt Wolfgang Anzengruber , General des Verbund-Konzerns: "Man hat Öko-Kraftwerke mit immensen Fördergeldern gebaut, aber ohne ausreichende Stromleitungen.“

Nun sucht sich Strom aber den Weg des geringsten Widerstandes. Und der führt - dank leistungsstarker Netze - über Polen, Tschechien bis nach Österreich. An wind- und sonnenstarken Tagen wird derartig viel Strom über diesen Weg geschickt, dass die Kabel buchstäblich Gefahr laufen zu verglühen. Um dies zu vermeiden, muss, wie am Nachmittag des 29. Jänner, die sogenannte "Kaltreserve“ angefordert werden, die im Netz elektrischen Gegendruck erzeugt. Darin besteht eine weitere Skurrilität der Energiewende: Denn für die Kaltreserve kommen vertragsgemäß nur bereits eingemottete thermische Kraftwerke zum Einsatz. Also die in ökologischer Hinsicht schlimmsten Drecksschleudern wie in Österreich Neudorf-Werndorf II, das mit Heizöl befeuert wird, oder der EVN-Steinkohleblock in Dürnrohr. Anzengruber: "Obwohl genügend Strom vorhanden wäre, müssen wir weiteren in die Netze reindrücken. Dieser schadet der Umwelt jedoch mehr, als sie durch Wind- und Sonnenanlagen entlastet würde.“

Das Ausmaß des Chaos durch die offenbar ebenso planlose wie massive Ökostrom-Förderung hat selbst die Fachwelt überrascht. Es bringt aber vor allem die Energieversorger ins Wanken. Vor allem vergleichsweise saubere Gaskraftwerke rechnen sich plötzlich nicht mehr, weil sie durch den grünen Strom aus dem Markt gedrückt werden. In Deutschland mussten RWE, Vattenfall, Eon oder die EnBW milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. In Österreich leiden etwa der Verbund mit seinem Gaskraftwerk in Mellach oder die Wien Energie mit Großanlagen in Simmering oder Inzersdorf.

Verlustgeschäfte

Das Beispiel Mellach zeigt die Misere anschaulich: Als diese 550-Millionen-Euro-Investition 2007 beschlossen wurde, lag der Preis auf den Strommärkten bei etwa 70 Euro pro Megawattstunde, mit einer Prognose von 100 Euro bis 2015. Tatsächlich liegt er wegen des steigenden Angebotes aus Wind- und Sonnenanlagen und krisenbedingt sinkender Nachfrage heute bei rund 40 Euro pro MWh. Gleichzeitig ist der Verbund an langfristige Gaslieferverträge mit Gazprom gebunden, sodass die Produktion jeder MWh rund 20 Euro Verlust einbringt.

Die geplanten 5.000 jährlichen Betriebsstunden von Mellach haben sich inzwischen auf 1.000 reduziert. Um 220 Millionen Euro wurde das Werk bereits wertberichtigt. Und Anzengruber bestätigt sogar Überlegungen, "Mellach für ein, zwei Jahre zuzusperren“. Das hieße: Das gelieferte Gas lieber mit Verlust weiter zu verkaufen, als mit noch mehr Verlust daraus Strom zu produzieren.

Verzweifelte Analyse des Verbund-Chefs: "Alle ursprünglichen Annahmen stimmen heute nicht mehr.“ Noch 2008 belief sich die Marktkapitalisierung des Verbundes, damals Österreichs wertvollstes Unternehmen, auf 19 Milliarden Euro. Heute liegt sie bei 5,7 Milliarden.

Nicht einmal Pumpspeicherkraftwerke sind noch ein Geschäft. Sie wurden lange als Goldgrube gefeiert, weil sie den Ökostrom quasi speichern und dann ins Netz einspeisen können, wenn der Bedarf da und der Preis hoch ist. Aber den sogenannten Spitzenstrom zu Spitzenpreisen gibt es kaum noch, weil tagsüber, wenn der Verbrauch am größten ist, auch die meiste Sonne scheint.

Siemens baut in seiner Kraftwerkssparte 50 Prozent der Kapazitäten in Europa ab und in Asien wieder auf.

Die Haushalte zahlen

Der Gipfel der Skurrilität ist, dass der Preisverfall nicht beim privaten Konsumenten ankommt. Denn die Ökostrom-Betreiber bekommen immer Geld, selbst wenn sie ihre Anlagen abschalten würden. Aufgrund der großzügigen Gesetzgebungen für erneuerbare Energien ist Ökostrom sogar zu einem lukrativen Anlagemodel mit staatlich garantierten Top-Renditen geworden. So können deutsche Wind- und Photovoltaikanlagen ihren Strom vor allen anderen für garantierte 20 Jahre zu einem fixen Einspeisetarif von etwa 450 Euro pro Megawattstunde ins Netz pumpen. Dort hat sich dieser "religiöse Förder-Furor“, so E-Control-Chef Walter Boltz, allein 2012 auf unfassbare 21 Milliarden Euro summiert.“

In Österreich, wo die Ökostrom-Einspeistarife etwa zum Vierfachen des derzeitigen Marktpreises auf bis zu 15 Jahre garantiert sind, betrug die Fördersumme 2012 etwa 370 Millionen Euro. "Bezahlt wird das über Ökostrompauschalen von allen Haushalten“, erklärt Boltz nüchtern. "Wir müssen uns fragen, ob wir uns diese Art der dezentralen Stromerzeugung, die nur zu hohen Stromkosten, aber nicht zu spürbarer Umweltentlastung führt, noch länger leisten können.“ Denn der 29. Jänner war kein Einzelfall.

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