"Das ist ein Rekord der Schande"

"Das ist ein Rekord der Schande"

Würden die Beschäftigungslosen sich in einer Reihe aufstellen, reichte die Schlange von Madrid bis nach Berlin und zurück oder von Sevilla bis nach Moskau. Die EU-Statistikbehörde Eurostat bezifferte am Freitag die Arbeitslosenquote in Spanien auf 26,6 Prozent, den höchsten Wert in Westeuropa.

Die spanische Statistikbehörde, die andere Berechnungsmethoden nutzt, hatte die Quote kürzlich gar mit 27,2 Prozent angegeben. "Das ist ein Rekord der Schande", titelte die Zeitung "El Mundo".

Auf den Finanzmärkten scheint das Euro-Krisenland das Schlimmste überwunden zu haben. Die Anleger haben wieder Vertrauen in die spanischen Staatsfinanzen gewonnen, aber die Wirtschaft steckt in der Rezession, und die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt gespannt. Daran dürfte sich vorerst wenig ändern. Die konservative Regierung geht selbst davon aus, dass Spanien im kommenden Jahr wenig Wachstum erzielen und die Arbeitslosenquote sich kaum ändern wird. "Wir strengen uns an, unsere eigenen Prognosen zu widerlegen", machte Ministerpräsident Mariano Rajoy seinen Landsleuten Mut.

Besonders dramatisch ist die Lage von 1,9 Millionen spanischen Haushalten, in denen keiner einen Job hat. Nach dem staatlichen Statistikamt (INE) sind in elf Prozent der spanischen Familien alle Angehörigen ohne Arbeit. Der Schneider Carlos (43) in Fuenlabrada bei Madrid ist seit sieben Monaten arbeitslos, seine Frau Gema (39) seit anderthalb Jahren. Das Ehepaar und seine zwei Kinder erhalten im Monat 1.065 Euro Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

Die fixen Kosten für die Wohnung, für Strom, Wasser und das Essen belaufen sich jedoch auf 1.400 Euro. Ohne die Hilfe von Verwandten käme die Familie nicht über die Runden, räumte das Paar ein. "Die Begleichung von Rechnungen schieben wir bis zum letzten Augenblick hinaus", berichtete Gema der Zeitung "El País". "Den Strom bezahlen wir erst, kurz bevor er uns abgestellt wird."

Eine neue Phase der Krise

Spanien ist in eine neue Phase der Krise eingetreten. Als vor fünf Jahren die Immobilienblase platzte, verloren zuerst Bauarbeiter mit befristeten Verträgen und unqualifizierte Arbeitskräfte ihre Jobs. Mittlerweile griff die Krise auf Branchen über, die bisher kaum betroffen waren. Allein im Tourismus, der zu den Stützpfeilern der spanischen Wirtschaft gehört, wurden in den vergangenen fünf Jahren 600.000 Arbeitsplätze abgebaut.

Als besonders skandalös wird die hohe Jugendarbeitslosigkeit empfunden, die Eurostat für Spanien auf 56,4 Prozent beziffert. Man spricht gar von einer "verlorenen Generation". Die großen EU-Staaten planen Hilfsprogramme, um jungen Spaniern zu Jobs zu verhelfen. Allerdings ist in letzter Zeit auch Kritik an der Statistik laut geworden: Die Quote erweckt nämlich den Eindruck, als wäre mehr als die Hälfte der Spanier unter 25 Jahren ohne Job. Dies stimmt aber nicht.

Eurostat - wie auch die spanische Statistik - berechnet die Quote als Anteil der Arbeitslosen an den jungen Leuten, die erwerbstätig sind oder dies sein wollen. Schüler und Studenten werden nicht mitgezählt. "Die Quote der Jugendarbeitslosigkeit entspricht nicht der Realität", beklagte der Kolumnist William Chislett. Eurostat weist selbst darauf hin, dass bei einer alternativen Messmethode - unter Einbeziehung der Schüler und Studenten - die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen in Spanien bei knapp über 20 Prozent läge.

Bei der Debatte über die Jugendarbeitslosigkeit geriet fast in Vergessenheit, dass die Lage einer anderen Gruppe von Erwerbslosen im Grunde noch dramatischer ist: Die Spanier, die älter als 50 Jahre alt sind und ihren Job verloren haben, können anders als die jungen Leute nicht bei den Eltern unterkommen. Sie müssen vielmehr für den Unterhalt ihrer Familien aufkommen und die Hypotheken für ihre Wohnungen abzahlen. Und was besonders schwer wiegt: Sie haben fast keine Chancen, eine Arbeit zu finden. "In Vorstellungsgesprächen fragt man mich zuerst nach meinem Alter, nicht nach meinen Kenntnissen", beklagte sich der 51-jährige Pedro, der im vorigen Herbst seinen Job in einem Restaurant in Tossa de Mar an der Costa Brava verloren hat.

Zentralbank fordert weitere Reformen

Spaniens Zentralbank dringt daher auf weitere Reformen der Regierung. Zwei der verstaatlichten Banken sollten schnellstmöglich verkauft werden, forderte die Notenbank in ihrem am Freitag vorgelegten Jahresbericht. Zudem sollte die geplante Erhöhung des Rentenalters auf 67 von derzeit 65 Jahren vorangetrieben und der Mindestlohn in einigen Fällen gestrichen werden. "Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist so alarmierend, dass es angebracht ist, die geplanten Reformen beizubehalten und zu vertiefen, um kurzfristig Arbeitsplätze zu schaffen und Löhne flexibler zu gestalten."

Die Notenbank nannte die beiden Banken, die privatisiert werden sollen, nicht beim Namen. In einer Rede vor seinen Vorstandskollegen deutete Zentralbank-Chef Luis Maria Linde jedoch an, dass es sich um die Catalunya Banc und die NCG Banco handeln könnte. Der Banken-Sanierungsfonds Frob hat Mühe, die Catalunya Banc zu verkaufen, weil Investoren vor möglichen weiteren Risiken zurückschrecken. Zudem waren der Regierung die Gebote bislang nicht hoch genug.

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