"Das Land starrt in einen Abgrund"

"Das Land starrt in einen Abgrund"

Zwar bekennen sich alle führende Parteien zu der Gemeinschaftswährung. Doch will die in einigen Umfragen vorne liegende Linkspartei Syriza im Falle eines Wahlsiegs die internationalen Bedingungen für Finanzhilfen kippen. Damit könnte Griechenland letztlich gezwungen sein, die Euro-Zone zu verlassen.

Die anderen Euro-Staaten haben bereits klargemacht, dass sie bei einer Abkehr vom Reformkurs den Geldhahn zudrehen. Bei einem Austritt aus der Euro-Zone werden global Schockwellen an den Finanzmärkten befürchtet.

Für einen Hoffnungsschimmer sorgte am Vorabend der Wahl die griechische Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem überraschenden Einzug ins EM-Viertelfinale. Der 1:0-Sieg über Russland löste frenetischen Jubel auf Athens Plätzen aus und flösste neues Selbstvertrauen ein. "Jeder muss Achtung vor Griechenland haben. Alles begann in Griechenland. Unser Lehrmeister sein zu wollen, ist schwer", sagte etwa Trainer Fernando Santos nach dem Sieg.

Doch die Euphorie der Fußball-Fans steckte nicht jeden Griechen an. "Ich bin das erste Mal nach einer Wahl deprimiert, weil ich weiß, dass ich wieder für die gestimmt habe, die das Problem verursacht haben; aber wir haben keine Alternative", sagte etwa die 66-jährige Englischlehrerin Koula Louizopoulou. Trotz der Unzufriedenheit über die Rosskur der Regierung haben viele Griechen Angst vor einem Euro-Aus. "Ich habe schweren Herzens für eine Partei gestimmt, die den Sparkurs unterstützt, denn ich will, dass das Land den Euro behält mit der Hilfe seiner europäischen Partner", erklärte der 49-jährige Bäcker Stratos Economou, der zu den ersten Griechen gehörte, die gleich nach Öffnung der Wahllokale seine Stimme abgaben.

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb von sechs Wochen, dass die griechische Bevölkerung zur Wahl eines neues Parlaments aufgerufen ist. Nach der ersten Abstimmung am 6. Mai hatten sich die Parteien nicht auf eine Regierungskoalition verständigen können. Die Wahllokale schließen um 18.00 Uhr (MESZ), mit ersten Ergebnissen von Nachwahlbefragungen ist kurz darauf zu rechnen.

Jüngste Umfragen deuteten zuletzt auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der konservativen Neue Demokratie und Syriza hin. Während sich die Konservativen grundsätzlich zu dem vereinbarten Sparkurs bekennen, ist der Chef der radikal-linken Syriza-Partei erbitterter Gegner des drastischen Sparprogramms. Er will das Kunststück fertig bringen, das Rettungspaket zu kippen und gleichzeitig das Mutterland der Demokratie in der Euro-Zone zu halten. Damit punktet er bei den leidgeplagten Griechen, die durch eine fünf Jahre dauernde Rezession sowie die steigende Steuerlast und scharfe Einschnitte bei den Sozialausgaben zermürbt sind.

Medien pessimistisch

Die führende griechische Tageszeitung "Kathimerini" titelt trotz der Fußball-Erfolge in einem Leitartikel: "Das Land starrt in einen Abgrund". Bei einem Sieg der Reformgegner könnte es zu schweren Verwerfungen an den Finanzmärkten kommen. Nach Informationen von Reuters halten sich die Zentralbanken bereits bereit, bei Bedarf Geld in den Markt zu pumpen, um Turbulenzen abzufedern.

Syriza-Chef Alexis Tsipras gab sich am Sonntag optimistisch. "Wir werden gewinnen", sagte der 37-Jährige zu Journalisten. Auch der langgediente Chef der konservativen Neuen Demokratie, Antonis Samaras, gab sich bei der Stimmabgabe in der Stadt Pylos zuversichtlich: "Morgen wird es einen neuen Anfang für Griechenland geben."

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Samstag noch einmal Änderungen an den Sparauflagen abgelehnt und ein Bekenntnis der Griechen zu den getroffenen Vereinbarungen verlangt. Auch Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker warnte die Griechen vor einem Austritt aus der Euro-Zone. Merkel stimmte sich zudem unmittelbar vor dem Votum mit dem französischen Präsidenten Francois Hollande in einem Telefonat ab. Das Büro des Sozialisten nannte das Gespräch am Samstag konstruktiv und fruchtbar. Hollande vertritt in einer ganzen Reihe von Euro-Fragen andere Ansichten als die Konservative Merkel. So drängte er zuletzt wiederholt darauf, im Kampf gegen die Schuldenkrise auch Instrumente wie einen gemeinsamen Schuldentilgungsfond oder Euro-Bonds einzusetzen.

Die Europäische Union, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds hatten mit der griechischen Regierung ein 130 Milliarden Euro schweres Hilfspaket vereinbart und dies an strikte Reform- und Sparbedingungen geknüpft. Allerdings deuteten deutsche Politiker Möglichkeiten an, den gebeutelten Griechen entgegen zu kommen.

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