Chemiewaffen-Einsatz in Syrien: Assad-Truppen töten bis zu 1300 Menschen

Chemiewaffen-Einsatz in Syrien: Assad-Truppen töten bis zu 1300 Menschen

Mit Nervengas bestückte Raketen seien vor dem Morgengrauen in mehreren Vororten der Hauptstadt Damaskus eingeschlagen, erklärten Regierungsgegner am Mittwoch. Eine Oppositionsgruppe sprach von 494 Toten bei dem Bombardement in Syrien. 90 Prozent der Opfer seien durch Nervengas umgekommen, der Rest durch Bomben und andere Waffen.

Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Andere Gruppen setzten die Zahl der Toten mit bis zu 1300 insgesamt noch deutlich höher an. Die Armee von Präsident Baschar al-Assad bestritt den Einsatz von Giftgas. Deutschland, Großbritannien und Frankreich forderten die UN-Inspektoren in Damaskus auf, die Anschuldigungen zu untersuchen. Saudi-Arabien forderte eine Krisensitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz von Giftgas in der Vergangenheit als rote Linie bezeichnet und vor Konsequenzen gewarnt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre es der schwerste Chemiewaffen-Angriff seit 1988, als der damalige irakische Staatschef Saddam Hussein Tausende Kurden in der Stadt Halabdscha mit Giftgas tötete.

Geweitete Pupillen, kalte Gliedmaßen und Schaum im Mund

Die Kliniken im Osten von Damaskus meldeten mindestens 213 Tote, wie die Krankenschwester Bayan Baker von der Notfall-Sammelstelle Douma berichtete. "Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder", sagte sie. "Sie kamen mit geweiteten Pupillen, kalten Gliedmaßen und Schaum im Mund hier an - die Ärzte sagen, dies seien die typischen Symptome von Nervengas-Opfern." Eine Oppositionsgruppe in Damaskus berichtete, der Angriff habe gegen 03.00 Uhr morgens begonnen. "Eine riesige Zahl von Menschen war dem Gas ausgesetzt", erklärte die Organisation. Die Zahl der Toten sei beständig gestiegen. Die Menschen seien erstickt, da es mangels Medikamenten keine Möglichkeit gegeben habe, ihnen zu helfen.

Der Anführer der oppositionellen Nationalen Koalition, Ahmed Dscharba, beschuldigte die Truppen von Präsident Assad, ein Massaker verübt zu haben. Im Internet tauchten zahlreiche Amateur-Videos und Fotos auf. Ein Film, der angeblich im Viertel Kafr Batna aufgenommen wurde, zeigte ein Zimmer mit mehr als 90 Leichen, darunter viele Kinder sowie einige Frauen und ältere Männer. Die Haut der Toten wirkte kreidebleich, Verletzungen waren jedoch nicht zu sehen.

Bei vielen Toten handele es sich um Rettungskräfte, die den Opfern des Bombardements hätten helfen wollen und dann selbst vom Giftgas dahingerafft wurden, sagte ein Angehöriger der Rebelleneinheit Ahrar al-Scham im Bezirk Erbin östlich von Damaskus. "Wir haben Männer gefunden, die in Treppenhäusern oder Eingängen zusammengebrochen waren", sagte der Aufständische, der sich Abu Nidal nannte, der Nachrichtenagentur Reuters über den Internetdienst Skype. Keiner der Rebellen habe einen Giftgas-Einsatz erwartet - besonders nicht mit den internationalen Chemiewaffen-Inspektoren in der Stadt.

Syrien soll große Mengen Senfgas, Sarin und VX besitzen

Auch Experten zeigten sich von Zeit und Ort des angeblichen Giftgas-Angriffs überrascht. Nur drei Tage zuvor waren die Chemiewaffen-Inspektoren in ein wenige Kilometer entferntes Hotel in Damaskus eingezogen. "Es wäre sehr seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die Beobachter im Land sind", sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 90er Jahren ein Team von UN-Waffeninspektoren im Irak geleitet hatte. "Zumindest wäre es nicht sonderlich schlau".

Großbritannien zeigte sich zutiefst besorgt und appellierte an die syrischen Behörden, die UN-Experten den Ort des Geschehens inspizieren zu lassen. Sollten sich die Anschuldigungen bestätigen, wäre dies eine "schockierende Eskalation", sagte Außenminister William Hague. Großbritannien werde den Vorfall zum Thema beim UN-Sicherheitsrat machen. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, es habe keine eigenen Erkenntnisse zu den Giftgas-Vorwürfen.

Syrien zählt zu den wenigen Ländern, die den internationalen Vertrag zum Verbot von Chemiewaffen nicht unterzeichnet haben. Der Westen geht davon aus, dass das Land über große Lager von Senfgas, Sarin und VX-Nervengas verfügt. Frühere Giftgas-Vorwürfe hatte die syrische Regierung bestritten und mit der Aussage gekontert, es seien die Rebellen, die chemische Kampfstoffe einsetzten. Der Westen geht jedoch nicht davon aus, dass die Aufständischen Zugriff auf Chemiewaffen haben.

Regierung bestreitet Vorwürfe

Die syrische Regierung wies die Meldungen über das Nervengas zurück. Sie bestritt allerdings nicht die Angriffe in den Außenbezirken der Hauptstadt, sondern lediglich den Einsatz von Chemiewaffen. Diese Berichte entbehrten jeglicher Grundlage, berichtete das staatliche Fernsehen am Mittwoch unter Berufung auf eine nicht näher genannte Quelle. Die Vorwürfe zielten vielmehr darauf ab, die Aufmerksamkeit der UNO-Chemiewaffenexperten auf sich zu ziehen, die sich derzeit in Damaskus aufhalten. Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana schrieb: "Die TV-Kanäle, die an dem Blutvergießen in Syrien und der Unterstützung des Terrorismus beteiligt sind, veröffentlichen diese Berichte, die frei erfunden sind, um das Team, das den Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll, abzulenken, und somit den Erfolg seiner Mission zu verhindern."

Unabhängige Untersuchung durch UNO gefordert

Frankreichs Präsident Francois Hollande forderte eine unabhängige Untersuchung durch die UNO. Experten der Vereinten Nationen sollten "sich an die Orte des Angriffs begeben", verlangte Hollande am Mittwoch nach Angaben der französischen Regierungssprecherin in Paris. Auch der schwedische Außenminister Carl Bildt verlangte via Twitter, die UNO-Inspektoren müssten dringend Zugang zu der Region erhalten.

Ebenso wie Oppositionschef Jarba forderte der Chef der Arabischen Liga, Nabil Elaraby (al-Arabi), die UNO-Experten in einer Mitteilung auf, sich "sofort" nach Ghuta zu begeben und die Vorwürfe zu prüfen. Elaraby erklärte: "Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind."

Die Regierung hat den Experten jedoch bisher nur den Zugang zu drei Orten gestattet, an denen in den vergangenen Monaten angeblich Chemiewaffen zum Einsatz gekommen sein sollen.

An der syrischen Grenze zum Nachbarland Irak bahnt sich unterdessen ein neues Flüchtlingsdrama an. In den vergangenen Tagen sind mehr als 35.000 Syrer vor den Kämpfen in den Norden des Irak geflohen. "Wir haben heute etwa 2000 Flüchtlingen geholfen, die Grenze nach Irakisch-Kurdistan zu überqueren", sagte der Sprecher des UNO-Flüchtlingshilfswerkes (UNCHR) der Nachrichtenagentur dpa in Beirut. Die Regierung der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak hatte vergangene Woche die Öffnung eines Grenzübergangs für Flüchtlinge aus dem Nachbarland beschlossen.

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