Brasilien – "Wer um das tägliche Überleben kämpft, hat keine Möglichkeit zu protestieren"

Brasilien – "Wer um das tägliche Überleben kämpft, hat keine Möglichkeit zu protestieren"

Das hat Hannes Velik, Zuständiger für Internationale Projekte bei "Jugend Eine Welt", gegenüber "Kathpress" dargelegt. Velik kehrte kürzlich von einem Besuch bei Projektpartnern des Hilfswerks in Rio de Janeiro und Fortaleza zurück. Viele der Protestforderungen würden auf offensichtliche Missstände in Brasilien zeigen - vor allem im Bildungssystem, wie Velik darlegte.

Tatsächlich haben die staatlichen Ausgaben für das aktuelle Fußballereignis die Preise stark steigen lassen - "besonders für die Alltagsinvestitionen, von denen auch die ärmere Bevölkerungsschicht abhängt", so der Brasilien-Experte. So seien neben den Bustickets etwa auch die zum Kochen verwendeten Gasflaschen teurer geworden - sie kosten nun rund 44 statt 40 Real (ca. 15,40 statt 14 Euro). "Menschen, die schon zuvor kaum ihre Familie ernähren konnten, kommen dadurch noch stärker unter Druck." Gerade die Ärmsten seien an den Protesten jedoch nicht beteiligt, denn "wer um das tägliche Überleben kämpft, hat keine Möglichkeit zu protestieren", erklärte Velik.

Aus diesem Grund würden der "ConfedCup" wie auch die nahende Fußball-WM 2014 in den Armenvierteln "ambivalent" gesehen, legte Velik dar: "Einerseits fiebert man der WM entgegen und das Land steht weiterhin still, wenn das Nationalteam, die 'Selecao', spielt. Trotzdem haben die Leute die Nase voll, dass ihr Steuergeld falsch eingesetzt wird.

Zugeständnisse einfordern

Auch unter den Demonstranten selbst herrsche Konsens darüber, dass die Proteste friedlich verlaufen sollen. "Sie wehren sich gegen die bloß vereinzelten Gruppen, die es auf Randalieren oder Gewalt abgesehen haben oder den Protest politisch vereinnahmen wollen", so Velik. Ebenso wie der Confederations Cup als Generalprobe für die WM 2014 gilt, dürften die derzeitigen Proteste auch erst ein Vorgeschmack sein: "Ganz wird sich das brasilianische Volk die Gelegenheit nicht entgehen lassen, um im Vorfeld auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen und von der Regierung Zugeständnisse einzufordern", schätzt der Jugend Eine Welt-Sprecher.

Dass viele der Protestforderungen wie etwa nach einem besseren Schulwesen berechtigt sind, verdeutlicht der Beschluss des Kongresses in Brasilia in der Nacht auf Donnerstag, künftig Milliardeneinnahmen aus dem Ölgeschäft ausschließlich für das öffentliche Bildungssystem sowie die Gesundheit zu widmen. Staatspräsidentin Dilma Rousseff hatte derartige Zugeständnisse an die Demonstranten bereits tags zuvor in der Ankündigung des Reformpakets, das sie in den verbleibenden 18 Monaten ihrer Amtszeit noch umsetzen will, gemacht.

Problem: Bildung wird vielfach delegiert

Velik zeigte sich skeptisch, ob die Versprechen tatsächlich umgesetzt würden. Strukturelles Problem von Brasiliens Schulwesens sei, dass der Staat Bildung bisher vielfach delegiere. "Der Staat sorgt nur für die Quantität der Schulen, die meist sehr schlechtes Niveau aufweisen, und verlässt sich darauf, dass Kirchen und andere private Träger, die nach wirtschaftlichen Kriterien vorgehen müssen und daher für Ärmere unerschwinglich sind, die Qualität sichern", so der Brasilien-Experte. Selten würden Abgänger öffentlicher Schulen die Studienberechtigungsprüfung schaffen, die erst Chance auf sozialen Aufstieg und einem Entkommen aus der Armut gibt.

Die brasilianischen Projektpartner von Jugend Eine Welt, allen voran die Orden der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern, wirken hier als "Lückenfüller": So gibt es etwa in Belo Horizonte Bildungskurse für besonders benachteiligte Jugendliche als Vorbereitung für die Universität - "Nachhilfekurse, die Erfolgsquoten von immerhin 70 Prozent bringen", so Velik.

Ein vom Hilfswerk unterstütztes Schul- und Sozialprojekt in Rio de Janeiro ist jenes in Jacarezinho, der drittgrößter Favela der Millionenstadt. Die Salesianer Don Boscos wirken hier seit über 40 Jahren und betreuen und bilden derzeit 800 Kinder, vom Grundschulalter bis zur mittleren Reife aus. "Selbst heute gibt es in der ganzen Favela bloß eine weitere Schule, die ebenfalls privat ist", berichtete Velik. Großes Augenmerk wird im Projekt traditionell auf Fußball gelegt, wobei die Sporttrainings einerseits bei der Vermittlung von Werten wie Respekt, Disziplin und Solidarität helfen, andererseits die Schwelle für den Einstieg in Bildungsprogramme niedriger setzen sollen.

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