Aufstand gegen Monsanto

Aufstand gegen Monsanto

Am 5. November steht nicht nur eine neue Seattler Stadtregierung zur Wahl, sondern auch ein Gesetz, wonach in Washington verkaufte, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Samen künftig einer Kennzeichnungspflicht unterworfen sein sollen. Monsanto steht im Mittelpunkt der Verordnung.

Es ist Wahlkampf in Seattle. Während sich die beiden Kandidaten fürs Bürgermeisteramt gegenseitig beschuldigen "pro business" zu sein – "das gibt es auch nur hier", kommentieren Medien die liberale Stadtpolitik –, flimmern Werbespots über die Fernsehschirme, in denen abwechselnd besorgte Mütter und Ärzte vor der Kennzeichnung genetisch veränderter Lebensmittel warnen.

Am 5. November steht daher nicht nur eine neue Seattler Stadtregierung zur Wahl, sondern auch ein Gesetz, wonach in Washington verkaufte, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Samen künftig einer Kennzeichnungspflicht unterworfen sein sollen. Washington wäre der erste US-Bundesstaat mit einer solchen Vorschrift. In Kalifornien lehnten die Wähler 2012 ein entsprechendes Gesetz ab.

Bei der wahlwerbenden Mutter, die im Brotberuf Diätassistentin ist, taucht am unteren Bildschirmrand ein Hinweis auf die Financiers des Spots auf: neben der Grocery Manufacturers Association, einer Interessensvertretung von mehr als 300 Lebensmittel- und Getränkeherstellern, sind die Biotech-Unternehmen Monsanto, DuPont Pioneer, Dow Agrosciences und Bayer Cropscience aufgeführt.

Die Befürworter der sogenannten Initiative 522 bitten in ihren Spots indes Kleinbauern und Konsumentenschutzorganisationen zu Wort. Bei einer von Anonymous Seattle veranstalteten Demonstration unter dem Titel "Marsch gegen Monsanto" wurde vor zwei Wochen mit "künstlerischem Aktivismus" für den Gesetzesvorschlag argumentiert: ein paar Teilnehmer kamen in Guy Fawkes-Masken, einer stapfte im Maiskolbenkostüm herum, unmissverständlich formulierte Plakate hatten aber die meisten dabei: "Ich bin kein wissenschaftliches Experiment", "Monsanto killt Samen – ein Korn nach dem anderen", "Gemeinsam gegen die Habgier der Industrie". Ein Mädchen mit am Gesicht aufgemalter US-Flagge fragte sich: "Warum sind US-Bürger taub, dumm und blind, während 64 Nationen GVO-Kennzeichnungen verlangen."

Erstmalige Kennzeichnungspflicht

I-522 sieht vor, dass die Gentechnik-Info gut sichtbar auf der Vorderseite der Packung angebracht sein muss. Bei unverpackten Lebensmitteln ist ein Hinweis am Regal Vorschrift. Die Anzahl der Ausnahmen ist aus Sicht der Gegner ein Beweis für die Inkonsistenz des Gesetzesvorschlags. So sind etwa Fleisch und Milchprodukte, die von Tieren stammen, die mit genetisch verändertem Futter gefüttert wurden, ebenso ausgenommen wie verarbeitete Lebensmittel, die beispielsweise mit transgenen Enzymen hergestellt wurden oder nur Spuren (0,9 Prozent des Gewichts) von GVO-Inhaltsstoffen enthalten. Auch nicht vorgesehen ist die Kennzeichnung von Speisen in Restaurants. Laut Erhebung der Nein-Kampagne seien damit 66 Prozent der von einer typischen Familie eingekauften Lebensmittel ohnehin nicht gekennzeichnet.

Die Bedeutung genetisch veränderter Feldfrüchte ist in den USA enorm. Zwischen 80 und 90 Prozent des Maises sowie der Sojabohnen, Zuckerrüben und Baumwolle zählen dazu. Eine große Menge des Maises geht zwar in die Ethanolproduktion, und Soja kommt als Tierfutter zum Einsatz. Doch 70 bis 80 Prozent der Lebensmittel in einem herkömmlichen Supermarkt weisen genetisch veränderte Inhaltsstoffe auf: die Bandbreite reicht von Frühstücksflocken über Tiefkühl-Fertiggerichte bis hin zu Sprudelgetränken.

Sollte I-522 eine Mehrheit finden, gehen Beobachter von einem Dominoeffekt aus. Laut der Konsumentenschützerin und Autorin des Buchs "Foodopoly", Wenonah Hauter, sind in 35 weiteren Bundesstaaten Initiativen im Entstehen. "Alle sind gespannt, ob das 'andere' Washington schafft, was Kalifornien im letzten Jahr misslang", so Hauter bei einem Vortrag in Seattle.

Das Recht auf Information

Das wichtigste Argument der Befürworter von I-522 ist, dass Konsumenten ein Recht auf Information hätten. So lange es an aussagekräftigen Studien über die Auswirkungen gentechnisch veränderter Lebensmittel fehle, müssten Verbrauchern größere Kontrolle beim Einkauf haben. Weiters geht es um den Schutz von Umwelt und landwirtschaftlichen Arbeitern. So ist nach einem sinkenden Verbrauch von Pestiziden bis Anfang der 2000er-Jahre, dieser wieder im Steigen. Ursache ist die Immunisierung der Schädlinge gegen das in vielen Samen eingebaute Herbizid Glyphosat. Laut einer Studie der Washington State University kämpft knapp die Hälfte der US-Bauern gegen Glyphosat-resistentes "Superunkraut".

Beim Rest der Argumente geht es um wirtschaftliche Interessen. Viele der Länder, in die Washington landwirtschaftliche Produkte exportiert, verlangen eine GVO-Kennzeichnung. Vom wichtigsten Ausfuhrprodukt Weizen gehen bis zu 90 Prozent in den Außenhandel, das meiste davon nach Japan. Genweizen ist in den USA zwar nicht zugelassen, doch Monsanto, das mehr als 100 Patente für gentechnisch veränderte Samen hält, bepflanzt zahlreiche Testfelder. Als im Mai ein Feld in Oregon kontaminiert wurde, setzte eine Reihe ostasiatischer Staaten, darunter Japan, ihre Importe aus. Ähnlich ist die Situation bei Äpfeln: sieben der zehn wichtigsten Abnehmerländer verlangen eine Kennzeichnung, darunter China.

Big Money

Die Aktivisten von I-522 legen sich dabei gleich mit zwei Industrien an, denen es nicht an Geld fehlt: der Agrochemie und Nahrungsmittel-Riesen, die die Rohstoffen verarbeiten. Im September alleine pulverte Monsanto 4,2 Mio. Dollar in die Nein-Kampagne. Zusammen mit der Grocery Manufacturers Association und den Biochemie-Riesen Bayer Cropscience, Dow Agrosciences und DuPont Pioneer steckte die Industrie bisher 17,2 Mio. Dollar in die Gegenkampagne – ein Rekord im Bundesstaat.

Vergangenen Mittwoch reichte der Generalstaatsanwalt von Washington Klage gegen die Grocery Manufacturers Association ein. Diese soll gegen das Wahlkampffinanzierungsgesetz verstoßen und unter anderem die Identität von Spendern verschleiert haben. Streitsumme: mehr als sieben Mio. Dollar.

Für I-522 springt indes Dr. Bronner’s Magic Soaps in die Presche. Der Hersteller der "Hippie-Seife" schoss insgesamt zwei Mio. Dollar zu. Der Rest der insgesamt 5,1 Mio. Dollar stammt zumeist von Kleinspendern. Der Trend ähnelt jenem im Kalifornien, wo der Kennzeichnungsgesetzesvorschlag Proposition 37 im letzten Jahr eine Mehrheit verfehlte: Die Anhänger trieben 9,2 Mio. Dollar an Spenden auf, die Gegner 46 Mio. Dollar.

Schreckgespenst Verteuerung

Aus Sicht der Gegner ist I-522 eine einzige Angstmache. Amerikaner essen seit Mitte der 1990er-Jahre gentechnisch veränderte Lebensmittel, schädliche Auswirkungen wurden keine nachgewiesen. Langfristige Effekte auf die Gesundheit schließt dies freilich ebenso wenig aus wie negative Folgen für die Umwelt. Dennoch würden Konsumenten die Kennzeichnung als Warnung verstehen und einen Bogen um die Produkte machen. Die Folge wären steigende Nahrungsmittelpreise, zumal die Produzenten auf herkömmliche Inhaltsstoffe umsteigen müssten und diese teurer in Anbau und Verarbeitung sind. Die Nein-Kampagne bezieht sich dabei auf eine Studie, die auch die Gegner im kalifornischen Wahlkampf aufführten. Demnach müssten Familien mit einer Verteuerung der Lebensmittel von rund 400 Dollar pro Jahr rechnen. Nicht unwichtiges Detail: die Studie von Northbridge Environmental Management Consultants wurde von Gegnern der kalifornischen Proposition 37 finanziert.

Weiters kämen die Konsumenten bei den Kosten für die zusätzliche Bürokratie zum Handkuss, während die Bauern bei den Kosten für Verpackung und ein neues Aufzeichnungssystem zur Kassa gebeten würden. Und wer nicht richtig beschriftet, so die Gegner, auf den warten dann die Prozessanwälte.

Der Tageszeitung The Seattle Times genügen die Argumente der I-522-Befürworter jedenfalls nicht. Sie rät ihren Lesern zur Nein-Stimme, weil zu sehr aus dem Bauch und zu wenig mit Wissenschaft argumentiert wurde. Dass GVO-Lebensmittel schädlich sind, hätten die Befürworter nicht nachweisen können. "Dass sich Monsanto in Unkosten stürzt, um seine Marktnische zu schützen, ist kein ausreichender Grund, um die Kennzeichnung zu unterstützen", so die Zeitung in einem Leitartikel. Ein Leser ist anderer Ansicht: "Sie haben verflixt recht, dass das eine Abstimmung gegen Monsanto und seine Schoßhunde ist."

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