Al Jazeera America: Die Eroberung der USA

Al Jazeera America: Die Eroberung der USA

Dienstagnachmittag ging der "Al Jazeera America" an den Start: mit großen Erwartungen und einem Imageproblem.

Nur sechs Minuten Reklame pro Stunde, das gab es bei den meisten US-Nachrichtensendern schon lange nicht mehr. Bei CNN, MSNBC und Co ist zumindest ein Viertel der Sendezeit Werbeeinschaltungen vorbehalten. Weniger Unterbrechungen sollen bei Al Jazeera America ein besseres Programm sicherstellen. Und auch sonst will die US-Version von Al Jazeera English, die seit Dienstagnachmittag „on the air“ ist, lieber dem nicht-kommerziellen PBS ähneln als dem als zu aufgeregt verrufenen CNN.

Täglich 14 Stunden lang stehen Nachrichten- und Dokumentarsendungen am Programm. Zu 70 internationalen Korrespondenten kommen zwölf Büros in den USA, darunter medial vernachlässigte Orte wie Detroit oder Nashville. Mit seinen 900 Mitarbeitern, darunter 400 in der Redaktion, ist Al Jazeera America eines der größten Medienprojekte seit dem Start von CNN, Fox News und MSNBC in den 90er-Jahren.

Schwerer Stand bei Kabelbetreibern

Der Einstieg ins US-Fernsehgeschäft gelang Al Jazeera erst nach Übernahme von Current TV im Jänner. Davor versuchte der Sender lange Zeit erfolglos Al Jazeera English bei den amerikanischen Kabelbetreibern unterzubekommen. 500 Millionen Dollar kostete Katars Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani schließlich das kleine Current TV. Doch es war der Zugang zu den 48 der 100 Millionen US-Haushalten, über Anbieter wie DirectTV, Comcast und Dish Network, der zählte. Time Warner Cable, Cablevision und AT&T verweigern sich aber Al Jazeera America noch immer.

Bitter stößt amerikanischen Al Jazeera English-Fans das plötzliche Aus des Live-Streams auf, der seit Dienstag innerhalb der USA nicht mehr zu empfangen ist. Der Sender kommt damit den Kabelbetreibern entgegen, die es nicht gerne sehen, wenn Fernsehprogramme, für die Abonnententeures Geld bezahlen, gratis im Internet verfügbar sind. Für Al Jazeera America bedeutet der Wegfall des Live-Streams allerdings den Verlust vieler junger Zuseher. Diese sind immer weniger bereit monatlich 100 Dollar und mehr für riesige Kabelpakete zu bezahlen, von denen sie nur einen Bruchteil nutzen.

Sender mit Imageproblem

Ob sich Amerikaner ihre Nachrichten künftig von einem Sender holen, der nach dem 11. September 2001 die Videobotschaften von Osama bin Laden übertrug, bleibt abzuwarten. Präsident George W. Bush kategorisierte Al Jazeera seinerzeit kurzerhand als „Terrororganisation“. Doch seither ist einige Zeit vergangen. Inzwischen schätzen viele Amerikaner Al Jazeera English für seine Berichterstattung über den Arabischen Frühling und die zahlreichen internationalen Beiträge.

Nach Angaben des Senders gäbe es keinen Mangel an Interesse, besonders nicht in den USA. 40 Prozent der Zuseher von Al Jazeera English kämen aus den Vereinigten Staaten. Und auch US-amerikanisches Testpublikum reagierte positiv auf das Programm. Wichtiges Detail: der Name des Senders wurde den Testern nicht verraten. Von seinem Namen will Al Jazeera America allerdings nicht abrücken, Imageproblem hin oder her.

Nachrichten Made in USA

Vertraute Namen sollen Amerikanern indes helfen, sich rascher mit dem Sender anzufreunden. Der ehemalige NBC-Moderator John Seigenthaler hat die abendliche Nachrichtensendung über, Ex-CBS-Korrespondentin Joie Chen ist Chefin des Nachrichtenmagazins. Ali Velshi, vormals leitender Wirtschaftskorrespondent bei CNN gehört ebenso zum neuen Team wie seine Kollegin Soledad O'Brien, die unter anderem Dokumentarsendungen ihrer eigenen Produktionsfirma Starfish Media zeigen wird.

Die internationale Ausrichtung von Al Jazeera English weicht in den USA einem Amerika-fokussierten Programm. Bei seinem Start Dienstagnachmittag kam der Sender vielen Beobachtern allerdings zu amerikanisch daher. Die in der ersten Sendestunde präsentierten journalistischen Leitlinien waren von Begriffen wie „dein Amerika“ und „(amerikanische) Grundwerte“ durchsetzt. Auch unterschieden sich einige der im weiteren Verlauf gezeigten US-Beiträge nicht weiter von der Konkurrenz.

Weitgehend positiv fiel Zusehern eine Reportage über Zulieferern von Wal-Mart in Bangladesch auf. Ebenso Lob erhielt ein umfassender Beitrag über die Unruhen in Ägypten. Genau jene Berichte sind es, die Al Jazeera America von der Konkurrenz abheben sollen. In einem Pressegespräch vergangene Woche kündigte Interims-Chef Ehab Al Shihabi unaufgeregten, unparteiischen Journalismus an: „Es wird weniger Meinungen geben, weniger Geschrei und weniger Promi-Sichtungen.“

Etwas zu unaufgeregt für das Medium Fernsehen fiel am Dienstag schließlich ein Beitrag über den Klimawandel aus. Eine halbe Stunden lang führten drei Sprecher verschiedene Studien zum Thema an, und auch die beigestellten Grafiken verliehen der Sendung nicht mehr Würze.

Einflussnahme aus Katar befürchtet

Befürchtungen, dass sich Katar in die Programmgestaltung einmischen könnte, versuchen die Verantwortlichen zu entkräften. Doch Berichte früherer Mitarbeiter von Al Jazeera English deuten auf Einflussnahmen hin. Aktham Suliman, ehemaliger Deutschland-Korrespondent des Senders, erklärte in einem Spiegel-Artikel vom Februar, dass es nach dem Arabischen Frühling mit der journalistischen Unabhängigkeit nicht mehr weit her gewesen sei: So mussten die Dekrete von Ägyptens damaligem Staatschef Mohammed Mursi „auf Anweisung der Senderbosse als Perlen der Weisheit geschildert werden“, schreibt das Nachrichtenmagazin. Suliman: „Wir sind in Ägypten ein Hofsender für Mursi geworden.“

Fest steht, dass Katars Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani, der Ende Juni zugunsten seines Sohnes abdankte, autokratisch regierte. Den Zustand der Pressefreiheit im Land beschreibt der Press Freedom Index als wenig erfreulich. Katar rangiert dort im hinteren Mittelfeld (Rang 94 von 178). Vor allem bei systemkritischen Veröffentlichungen kommt es zu Zensur.

Skandalprozesse und Endlosschleifen

Fest steht auch, dass viele US-Zuseher die tendenziöse Skandalberichterstattung vieler heimischer Nachrichtensender satt haben. Für Larry, einen Leser der New York Times aus Virginia steht außer Zweifel, dass es Bedarf nach einem ernsthaften Nachrichtenprogramm gibt: „Jeder, der einmal am Flughafen festsaß, weiß, dass die sogenannten Nachrichtensender vor allem repetitive Schleifen bringen, wo sich die selben Sprecher zu denselben Themen anbrüllen.“ Rosa aus Kalifornien ist ähnlicher Meinung und wäre schon mit wenig zufrieden: „Wenn Al-Jazeera nur eine einzige Sache macht – dass es nicht Stunde um Stunde, Woche für Woche über den 'Prozess der Woche' berichtet –, dann schalte ich gerne ein, 24 Stunden lang, sieben Tag in der Woche.“

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