Ägypten versinkt im Chaos

Ägypten versinkt im Chaos

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben am Donnerstag Hunderte Anhänger der Muslimbruderschaft ein Regierungsgebäude gestürmt. Europa und die USA appellierten, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Es riecht an allen Ecken und Enden nach Bürgerkrieg.

Islamistische Demonstranten stürmten gegen Donnerstag-Mittag den Dienstsitz des Gouverneurs der zum Großraum Kairo gehörenden Provinz Gizeh und steckten ihn in Brand, wie das staatliche Fernsehen berichtete. Im Eingangsbereich hätten sie Feuer gelegt, berichteten auch Augenzeugen.

Mursis Anhänger fordern, dass der Anfang Juli gestürzte Präsident wieder in sein Amt eingesetzt wird. Auch in der zweitgrößten Stadt Alexandria versammelten sich Mursi-Anhänger zu einem Protestmarsch. Sie demonstrierten gegen die gewaltsame Räumung der Protestcamps. "Wir werden wiederkommen im Namen unserer Märtyrer", skandierte die Menge in der zweitgrößten Stadt des Landes.

Mursi wird an einem unbekannten Ort festgehalten. Ihm werden Mord und Spionage vorgeworfen. Die Justizbehörden verlängerten am Donnerstag seine Haft um 30 Tage.

Über 500 Tote

Die Opferzahl der Unruhen in Ägypten am Mittwoch hat sich laut der Regierung auf mindestens 638 erhöht. Allein bei der Räumung des Protestlagers der Mursi-Anhänger auf dem Kairoer Rabaa-al-Adawiya-Platz seien 202 Menschen getötet worden, sagte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. 78 Menschen seien in Gizeh getötet worden, wo auf dem Al-Nahda-Platz das zweite kleinere Protestcamp der Islamisten war.

Den Angaben zufolge wurden in Kairo und anderen Teilen des Landes 43 Polizisten getötet. Die Demonstranten geben ihrerseits die Opferzahl seit Mittwoch mit 2200 Toten und mehr als 10.000 Verletzten an. Auslöser der jüngsten Eskalation der Gewalt war die gewaltsame Räumung der beiden Protestlager in Kairo . Nach dem Beginn des Einsatzes setzten auch in zahlreichen anderen Städten des Landes Unruhen ein.

Neue Welle der Gewalt

Die Islamisten wollen die Proteste gegen die Absetzung Mursis durch das Militär nach den Freitagsgebeten fortsetzen . Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, Sicherheitskräfte befürchteten eine neue Welle der Gewalt.

Die ägyptischen Ferienorte an der Küste des Roten Meeres blieben von Gewalt zwar bisher verschont. Im Badeort Hurghada gab es allerdings in der Nacht zum Donnerstag einen Todesfall. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen starb ein Anhänger der Muslimbruderschaft bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Die Angriffe von Extremisten auf Polizeiwachen und christliche Kirchen gingen am Donnerstag weiter. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei am Morgen eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Der Feuerwehr sei es nicht gelungen, das Gotteshaus zu retten.

Nach Angaben des Blattes "Watani" attackierten die Islamisten im Verlauf der Unruhen 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Die Muslimbrüder übernahmen nicht die Verantwortung für die Attacken gegen Kirchen und Polizeistationen durch Sympathisanten. Ihr Sprecher Gehad al-Haddad erklärte über den Kurznachrichtendienst Twitter: "Wir werden immer gewaltfrei und friedlich sein. Wir werden so lange Druck machen, bis wir diesen Militärputsch zu Fall bringen."

Die Straßen von Kairo waren am Donnerstag nach dem Ende der Ausgangssperre etwas leerer als sonst. Etliche Menschen blieben aus Furcht vor Gewalt im Haus. Die Führung hatte am Mittwoch den Notstand ausgerufen und über Kairo und andere Landesteile eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Nach Angaben staatlicher Medien war nach Mitternacht in den meisten Landesteilen langsam Ruhe eingekehrt. Das Fernsehen berichtete allerdings von zwei Polizisten, die vor einer Polizeiwache in Al-Arish auf dem Sinai getötet worden seien. In Alexandria blockierten Mursi-Anhänger mehrere Straßen und zündeten Straßenbahnwaggons an, wie es hieß.

Ausland appeliert an Vernunft

In mehreren westlichen Staaten, darunter Deutschland, bestellten die Außenminister die ägyptischen Botschafter zu sich. Es müsse alles getan werden, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, forderte Frankreichs Präsident Francois Hollande.

US-Außenminister John Kerry mahnte in Washington: "Dies ist ein entscheidender Moment für alle Ägypter." In den "kommenden Stunden, in den kommenden Tagen" werde sich das Schicksal des Landes entscheiden. Eine demokratische Lösung sei immer noch möglich.

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt scharf. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte eine Sitzung des Weltsicherheitsrates. Außenminister Michael Spindelegger zeigt sich "sehr besorgt über die dramatische Eskalation der Gewalt in Ägypten und rief zum Dialog auf. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) regte bei seinem Aufenthalt in Tunesien ein Krisentreffen europäischer Außenminister zu Ägypten an.

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