Ägypten steht kurz vor einem Bürgerkrieg – Mehr als 170 Tote am "Freitag der Wut"

Ägypten steht kurz vor einem Bürgerkrieg – Mehr als 170 Tote am "Freitag der Wut"

Eine von hunderten Islamisten besetzte Moschee in Kairo wurde nach Feuergefechten zwischen den Belagerern und der Polizei am Samstag zwangsgeräumt. Anrainer der Moschee gingen teils mit Stöcken und Eisenstangen auf Anhänger des gestürzten Staatschefs Mohammed Mursi los. Offiziellen Angaben zufolge wurden landesweit binnen 24 Stunden mehr als 170 Menschen getötet.

Die Islamisten hielten sich seit Freitag in der Al-Fath-Moschee auf dem zentralen Ramses-Platz verschanzt. Das Gotteshaus diente ihnen auch als Leichenhalle - dutzende bei den Protesten am "Freitag der Wut" getötete Demonstranten lagen aneinandergereiht auf dem Boden.

Am Samstagnachmittag eskalierte die Lage. Von verschiedenen Seiten wurde scharf geschossen und über dem Vorplatz hing Tränengas. Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena meldete, Bewaffnete hätten vom Minarett aus das Feuer eröffnet. Danach begannen die Sicherheitskräfte, die Menschen einzeln aus dem Gotteshaus zu holen. Wenig später hieß es, das Gebäude sei vollkommen geräumt worden.

"Das sind Terroristen"

Beim Verlassen der Moschee griffen wütende Anrainer die Islamisten an. "Das sind Terroristen", rief die aufgebrachte Menge. Auch in anderen Teilen Kairos griffen Zivilisten mutmaßliche Islamisten an - oft nur, weil sie einen Bart trugen. Die ägyptische Bevölkerung ist seit dem Sturz Mursis durch das Militär Anfang Juli tief gespalten.

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Live-Bilder aus Ägypten finden Sie hier: http://www.n24.de/n24/Mediathek/Live
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Das ägyptische Militärregime sandte indes unterschiedliche Signale aus. Zunächst teilte ein Regierungssprecher mit, Übergangspremier Hazem al-Beblawi habe der Regierung den Vorschlag unterbreitet, die Muslimbruderschaft auflösen zu lassen. Ein Berater von Übergangspräsident Adli Mansur dementierte dies jedoch. Mustafa Hegasi betonte vielmehr, dass auch die Muslimbrüder am "friedlichen Marsch der Ägypter in die Zukunft" teilhaben können. Ägypten heiße "alle Parteien willkommen", die keine "terroristischen Akte" begangen hätten. Die Regierung werde lediglich genen jene rechtlich vorgehen, die zu Gewalt aufgerufen oder sie eingesetzt hätten.

Die jüngste Eskalation hatte am Mittwoch begonnen, als zwei Protestcamps der Mursi-Anhänger in Kairo gewaltsam geräumt und dabei mindestens 578 Menschen getötet wurden. Seitdem hatte es brutale Straßenschlachten zwischen den Islamisten und Sicherheitskräften sowie mit Mursis Gegnern gegeben. Mehr als tausend Anhänger der Muslimbrüder, denen auch Mursi entstammt, wurden am Freitag festgenommen. Unter den Toten vom Freitag sei auch Ammar Badie gewesen, der Sohn des Chefs der Muslimbrüder, Mohammed Badie, erklärte der politische Arm der Bewegung.

Bruder von Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri festgenommen

In Giseh, einem Vorort von Kairo, wurde nach offiziellen Angaben der Bruder von Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri (Zawahri) festgenommen. Mohammed al-Zawahiri werde die Unterstützung Mursis vorgeworfen, sagten Vertreter der Sicherheitsbehörden. Die Übergangsregierung hatte am Freitag ihr hartes Vorgehen auch gegen massive internationale Kritik gerechtfertigt und erklärt, sie müsse ein "terroristisches Komplott der Muslimbrüder" niederschlagen.

Spindelegger fordert Einstellung der EU-Finanzhilfen

Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) bekräftigte seine Kritik am ägyptischen Regime und forderte die EU vor einem für kommende Woche geplanten Sondertreffen der EU-Chefdiplomaten auf, ihre milliardenschweren Finanzhilfen für Kairo auf Eis zu legen. "Die fünf Milliarden Euro müssen zurückgehalten werden, bis der Prozess wieder in Richtung Demokratie geht", sagte er der Tageszeitung "Kurier" (Sonntagsausgabe). Österreich könne "die Art, wie in Ägypten vorgegangen wird, also Eskalation auf der Straße und kein Dialog, einfach nicht akzeptieren", forderte Spindelegger rasche Neuwahlen in dem arabischen Land.

Boliviens Präsident Evo Morales sprach angesichts der Niederschlagung der Proteste der Muslimbrüder von einem "Völkermord". In den türkischen Städten Istanbul und Konya gingen tausende Menschen auf die Straße und verdammten die "Massaker" der Militärführung. Auch in Bern demonstrierten rund hundert Anhänger der Muslimbruderschaft. Im libyschen Benghazi wurde aus einem fahrenden Auto ein Sprengsatz auf das ägyptische Konsulat geworfen. Es entstand Sachschaden.

Deutschland stoppt Waffenexporte

Das deutsche Wirtschaftsministerium gab am Samstag bekannt, die deutschen Waffenexporte nach Ägypten auf Eis legen zu wollen. Die USA hatten zuvor ein gemeinsames Manöver mit den ägyptischen Streitkräften abgesagt, ihre Militärhilfe von 1,3 Mrd. Dollar (974,51 Mrd. Euro) nicht gekürzt.

Österreich gab am Freitagnachmittag eine generelle Reisewarnung für ganz Ägypten herausgegeben. Diese gelte jedoch nur für geplante Reisen, Urlauber die sich bereits im Land befänden, könnten ihren Urlaub fortsetzen, so Spindelegger. Die Lage in den Urlaubsgebieten Hurghada und Sharm el-Sheikh sei vorerst ruhig. In Hurghada war es am Freitag zu Ausschreitungen gekommen, bereits am Mittwoch war ein Mitglied der Muslimbrüder getötet worden.

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