Heute heißt es für Banken: Zugreifen!

Am Mittwoch holen sich die Banken hierzu ihre Dosis ab: Dann können sie sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von derzeit einem Prozent Geld leihen - und zwar so viel sie wollen. "Das ist eine einmalige Chance und quasi geschenkt", sagt ein Händler. Viele Banken dürften sich die zweite und vorerst letzte Gelegenheit dieser Art nicht entgehen lassen, zumal EZB-Chef Mario Draghi (Bild) sie ausdrücklich dazu ermuntert hat.

Wenn seine Rechnung aufgeht, wird der Geldsegen das Kreditgeschäft und auch den Anleihemarkt beleben. Dort muss das klamme Italien in den kommenden beiden Monaten fast 100 Milliarden Euro einsammeln, um sich finanziell über Wasser zu halten. Von Reuters befragte Analysten erwarten im Schnitt, dass sich die Banken ähnlich wie beim ersten längerfristigen Geldgeschäft (LTRO) dieser Art im Dezember mit rund einer halben Billion Euro vollsaugen werden.

EZB-Präsident Draghi hatte die Institute aufgefordert, von dem Angebot der Zentralbank ohne Scheu Gebrauch zu machen. Es sei keine Schande, die Möglichkeit zu nutzen. "Für einige Banken ist das Thema Schande zwar akut, aber das ist ein gutes Angebot. Viele Banken werden sich so oder so eindecken", sagt Analyst Frank Oland Hansen von der Danske Bank voraus.

Wie viel Geld diesmal abgerufen wird, ist die große Frage. Bei der Reuters-Umfrage unter 60 Analysten reichen die Prognosen von 200 Milliarden bis zu einer Billion Euro. Laut einer separaten Umfrage unter 29 Geldmarkthändlern dürfte die Nachfrage bei rund 500 Milliarden liegen. Für Währungshüter im Frankfurter Euro-Tower ist das Volumen eher Nebensache. Wichtig ist für sie, dass das Geld nicht gehortet wird. Es soll in die gewünschten Kanäle - sprich den Anleihenmarkt und den Kreditsektor - strömen.

Im Dezember war die Rechnung - so zeigen erste Daten der EZB - aufgegangen. Spanische und italienische Banken kauften im Januar wieder Staatsanleihen - teils sogar mehr denn je zuvor. Die EZB schlüsselte zwar nicht auf, welche Anleihen die Banken genau kauften. Doch wird an den Märkten davon ausgegangen, dass die Institute vor allem heimische Staatsschulden aufkaufen. "Der erste EZB-Tender hat die Verwesung de r spanischen und italienischen Bond-Märkte gestoppt", erklärte Nicholas Spiro vo n der Londoner Anleihe-Beratungsfirma Spiro Sovereign Strategy. "Umgekehrt heißt das für ausländische Investoren, dass Spanien und Italien die Kurve gekriegt haben." Zwar könnten Anleger bei kurzen Laufzeiten noch spekulieren, aber bei langen Laufzeiten komme es jetzt wieder auf die Fundamentaldaten an .

Analysten schätzen, dass die 523 Banken, die beim LTRO vor Weihnachten mitmachten, bis zu 250 Milliarden Euro zur eigenen Entschuldung nutzten. Rund 200 Milliarden Euro dürften zudem für die Begleichung älterer EZB-Darlehen abgehen. Somit blieben nur 40 Milliarden Euro für eine Kapitalmarkt-Investition wie den Kauf von Staatsanleihen. Am Mittwoch müssen die Banken der EZB insgesamt 222 Milliarden Euro zurückzahlen. Das Geld stammt aus früheren Tendern - der weit größte Batzen aber aus einem am Dienstag begebenen Überbrückungstender von einem Tag.

Risikoloses Geschäft

Seit Dezember sind die Risikoprämien italienischer und spanischer Staatsanleihen markant gesunken. "Für die italienischen und spanischen Banken dürfte es sehr attraktiv sein, sich bei der EZB für drei Jahre billiges Geld zu leihen und dieses in höherverzinsliche nationale Staatsanleihen zu investieren", sagt Commerzbank-Analyst Christoph Weil. "Und das quasi risikofrei", wie ein Händler betont. Denn die Banken - mit Ausnahme der griechischen - können die Titel auch als Sicherheit bei der Notenbank hinterlegen. Solche quasi risikolosen Arbitrage-Geschäfte liebt die Bankenbranche, die auch von einem "Free Lunch" spricht: Insbesondere Italien kann daher nach dem großen Schlemmen am EZB-Geld-Büffet auf rege Nachfrage bei seinen Anleihe-Emissionen setzen. Das Land muss im März und April jeweils rund 45 Milliarden Euro aufnehmen.

Am Interbankenmarkt ist die Großzügigkeit der EZB allerdings weitgehend verpufft. Das gegenseitige Misstrauen der Geldinstitute ist zu stark. "Wir haben am Geldmarkt eine Zweiklassengesellschaft: Die einen haben die Kohle, geben sie aber nicht weiter. Die anderen bekommen nichts und stehen bei der EZB auf der Matte", fasst ein Händler zusammen.

Trotz dieser Probleme ist es für die Banken nach dem 29. Februar erst einmal vorbei mit der Selbstbedienung am EZB-Geldschalter für volle drei Jahre am Stück. Wie aus Zentralbank-Kreisen verlautete, können die Privatbanken nicht auf eine dritte Mega-Geldspritze zum Leitzins bauen. Denn die EZB will den Instituten helfen, sie aber nicht auf Dauer an den Tropf hängen.

Reuters/hahn

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