Helmut Elsner: Von der Unperson zum bemitleideten Justiz-Exempel

Von der Unperson zum Justizopfer, so hat sich das Bild des wohl prominentesten Häftlings wegen eines Wirtschaftsverbrechens in Österreich im Laufe der Jahre entwickelt. Nun wurde dem heute 76-jährigen früheren BAWAG-Generaldirektor Helmut Elsner von einem Gericht Haftunfähigkeit bescheinigt, vermutlich wird er morgen, Freitag, auf freien Fuß gesetzt.

Elsner ist herzkrank und zum bereits fünften Mal im Wilhelminenspital in Behandlung. Der Herz-Spezialist Kurt Huber hatte in einem Gutachten Elsners schlechten Gesundheitszustand bestätigt und vor Komplikationen bis zum Tod gewarnt.

Das Schicksal von Helmut Elsner bewegt seit Jahren die Öffentlichkeit - so oder so. Der frühere BAWAG-Generaldirektor hat sich nie ein Blatt vor dem Mund genommen. Vielleicht wegen seiner harten Worte über die Justiz und gegen alle, die ihm in die Quere kamen, saß er als einziger der neun Angeklagten im BAWAG-Prozess in Untersuchungshaft, mutmaßen Beobachter. Seit seiner Auslieferung aus Frankreich nach Österreich im Februar 2007 war Elsner hinter Gittern, bis heute viereinhalb Jahre lang.

Das Bild von Elsner hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Die Bezeichnungen als "Neureicher Aufsteiger" und "Feudalherr" zählten noch zu den netteren, die ihm von der österreichischen Medienlandschaft verpasst wurden. In der Anklageschrift wurde Elsner zusammen mit dem damaligen BAWAG-Aufsichtsratspräsidenten Günter Weninger als "Duett der Macht" tituliert. Der Umgang mit der Macht war für den Banker sicher nicht fremd: Elsner stammt aus bescheidenen Verhältnissen und hatte in der Gewerkschaftsbank eine steile Karriere hingelegt, ganz ohne akademischen Titel.

Helmut Elsner wurde am 12. Mai 1935 in Wiener Neustadt als Sohn einer Kastner&Öhler-Angestellten geboren. Sein Vater war im Krieg gefallen. Er wuchs in Graz auf, wo er die Handelsakademie besuchte. Mit 20 Jahren trat er in eine Filiale der Arbeiterbank ein, wie die BAWAG damals hieß. Elf Jahre später war er deren Filialleiter. 1978 wurde er vom damaligen langjährigen BAWAG-Chef, Walter Flöttl, in die Zentrale nach Wien geholt, wo er im Vorstand für das kommerzielle Großkundengeschäft verantwortlich war. Dort galt er bald als "Flöttls Mann für das Grobe". Erst 1991 trat er in die SPÖ ein, im April 2006 wieder aus. Von 1995 bis 24. April 2003 war er Vorstandsvorsitzender. In seinen fast 25 Jahren als Vorstand prägte er das Institut nachhaltig.

Nachgesagt wurde ihm ein "aufbrausender, egozentrischer und unnahbarer Führungsstil", der keinen Widerspruch duldete. Damit wird Elsner wohl nicht der einzige autoritär führende Spitzenmanager in Österreich gewesen sein. Aber sein luxuriöser Lebensstil wurde dem Chef einer Gewerkschaftsbank im Lichte der Öffentlichkeit durch den Prozess dann zum Image-Verhängnis: Das von der BAWAG zum Schnäppchenpreis erworbene Penthouse in der Wiener Innenstadt, seine Villa in Südfrankreich, sein ganzes Privatleben wurde jahrelang durch den Medien-Kakao gezogen. Die politischen Zurufe an die Justiz blieben nicht aus. So forderte etwa im Juni 2006 in einem "OÖN"-Interview der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser - jetzt selbst in der Buwog-Affäre unter den Beschuldigten -, dass angesichts des "schamlosen Missbrauchs" in der BAWAG rasch "ein Exempel statuiert" werden müsse.

Über Elsners autoritäre Art herrscht bei den Beobachtern kein Zweifel, aber eine andere Eigenschaft ist ihm offenbar völlig fremd: Während die anderen Angeklagten durchwegs versuchten, bei der BAWAG-Richterin Claudia Bandion-Ortner zuvorkommend und kooperativ zu erscheinen, lieferte sich der Hauptangeklagte immer wieder heftige Wortwechsel mit dem Gericht. "Während Sie abgetanzt haben, habe ich hart gearbeitet", so lautete einer der Vorwürfe des pensionierten Bankers gegen die Richterin. Der späteren Justizministerin auf einem ÖVP-Ticket sprach der Angeklagte Elsner durchwegs die Kompetenz ab, die verhandelten Vorgänge überhaupt zu verstehen. Inzwischen ist die nach Ansicht von Beobachtern zunehmend glücklose Ministerin Bandion-Ortner wieder aus der Politik ausgeschieden.

Die Vorwürfe der Anklage, er habe gegenüber der BAWAG Untreue in Milliardenhöhe begangen, versuchte Elsner oft unter Verweis auf die Praxis in einer Großbank zu entkräften. Die Spekulationsgeschäfte der BAWAG seien nicht riskant, sondern auch bei anderen Banken üblich gewesen. Vergeblich, denn als störrischer Hauptangeklagter hatte er gegen den Mitangeklagten Wolfgang Flöttl, der sich als Kronzeuge der Anklage gegen Elsner andiente, schlechte Karten. Elsner präsentierte sich im 117 Tage währenden BAWAG-Prozess als Sturschädel, der die Verantwortung für die Spekulationsgeschäfte und die Vertuschung der Verluste nie bei sich sehen konnte und wollte. Mit dem erstinstanzlichen Urteil im Juli 2008 - neuneinhalb Jahre Haft, nicht rechtskräftig - wurde ihm die Rechnung präsentiert.

Im Dezember 2010 hob der Oberste Gerichtshof (OGH) bei Elsner 5 von 18 Untreuefakten auf. Für die verbleibenden Untreuehandlungen mit einem Gesamtschaden von über 1 Mrd. Euro wurde die Gesamtstrafe von zehn Jahren Haft aber beibehalten.

Mit zunehmender Dauer der Haft für den herzkranken Elsner stieg auch die Sympathie für ihn. Immer mehr Stimmen meldeten sich mit der Forderung nach Enthaftung, während die Justiz beim heute 76-Jährigen weiterhin Fluchtgefahr gegeben sah und auch keine Enthaftung gegen Fußfessel zugelassen hatte. Ein Gutachten des kardiologischen Sachverständigen Joachim Borkenstein bestätigte Mitte Juni, dass Elsner aus gesundheitlichen Gründen nicht vollzugstauglich sei. Wenige Tage später wurde er ins Wiener Wilhelminenspital eingeliefert. Als "nicht mehr zu verantworten", bezeichnete der Herzspezialist und Vorstand im Wilhelminenspital, Kurt Huber, in einem Brief ans Gericht eine weitere Inhaftierung Elsners.

Am Donnerstag, 7. Juli 2011, schließlich der Knalleffekt: Elsner werde wegen Haftunfähigkeit auf freien Fuß gesetzt, bestätigte der Sprecher des Wiener Straflandesgerichts, Christian Gneist, der APA. Ausschlaggebend dafür seien medizinische Gründe. Sollte die Staatsanwaltschaft nicht gegen den Beschluss ein Rechtsmittel einlegen, kommt Elsner nach viereinhalb Jahren hinter Gittern frei.

Im Vergleich mit anderen Bankern und Managern, deren Milliardenverluste mit hohen Abfertigungen "belohnt" worden seien, wurde mit Elsner übermäßig hart umgegangen, sagen Insider. Auch die globale Finanzkrise rückte viele Dinge in ein anderes Licht. Wären die Spekulationsverluste etwas später bekannt geworden, hätte es vielleicht gar keinen Prozess gegeben. Und auch dass Richterin und Staatsanwalt nie ernsthaft die Rekonstruktion der bei Flöttl verschwundenen BAWAG-Gelder versucht hätten, trägt zur milderen Einschätzung Elsners nun bei. Andere wiederum meinten, dass die Justiz bei Elsner bewiesen habe, dass auch Spitzenmanager das Gesetz achten müssten und keine "Extrawurst" bekämen. Der Fall wird die Öffentlichkeit jedenfalls noch weiter beschäftigen.

- APA

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