"Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es nicht zu Krawallen kommen wird"

Griechenland dürfte lediglich ein Zeitfenster von 46 Stunden haben, falls es sich dazu entschließen sollte, die Eurozone zu verlassen. Wie aus Ausstiegs-Szenarien von 21 Ökonomen, Analysten und Wissenschaftlern hervorgeht, dürfte der Prozess dann stattfinden, wenn die wichtigsten Finanzmärkte weltweit geschlossen sind, also zwischen dem Börsenschluss in New York am Freitag und - 46 Stunden später - dem Handelsstart in Wellington, Neuseeland, am Montag.

Innerhalb dieser zwei Tage müssten die Entscheidungsträger Unruhen eindämmen, eine mögliche Staatspleite bewältigen, die Einführung einer neuen Währung planen, die Banken rekapitalisieren, die Kapitalflucht begrenzen und Wege finden, wie das Land seine Rechnungen in Zukunft bezahlen soll. Das birgt viele Risiken, insbesondere für eine neu gewählte Regierung.

Nachdem bei den jüngsten Parlamentswahlen in Griechenland die Bevölkerung die etablierten Parteien abstrafte zugunsten von Parteien, die die vereinbarten Spar- und Reformprogramme ablehnen, kam kein stabiles Regierungsbündnis zustande. Am 17. Juni finden daher Neuwahlen statt. Sollten dann jene Parteien eine Mehrheit erlangen, die die Vereinbarungen mit den internationalen Geldgebern ablehnen, droht das Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum.

Die Entscheidung für einen Euro-Austritt könne bereits kurz nach den Neuwahlen fallen, so sich die neue Regierung gegen die Sparauflagen und wirtschaftliche Modernisierung sperre, erwartet Marco Annunziata, Chefökonom bei General Electric in San Francisco. “Das größte Risiko wäre, dass die Anti-Reform-Aussagen der neuen Regierung zu einem Ansturm auf die Bankeinlagen führen”, warnte Annunziata, der früher beim IWF gearbeitet hat.

Ein solcher Sturm auf die Banken könne dazu führen, dass die EZB bereits an dem darauf folgenden Freitag ihre Finanzierung der griechischen Banken einstellt, befürchtet Carsten Brzeski, ehemaliger Ökonom der EU-Kommission, der gegenwärtig für ING in Brüssel arbeitet. Die Regierung stünde damit vor einem Problem, da sie nicht genug Mittel habe, um die Banken selbst zu rekapitalisieren.

Da die EU die Zahlungen aus dem Rettungspaket zunächst einstellen dürfte, bis erkennbar ist, welche Richtung die neue Regierung einschlägt, drohen die Kassen des griechischen Staates innerhalb von zwei Monaten leer zu werden.

Kapitalverkehrskontrollen

Dawn Holland, Forschungsbeauftragte am National Institute of Economic and Social Research in London, erwartet, dass die griechische Regierung im Falle eines Euro-Austritts möglichst schnell Kapitalverkehrskontrollen einführt. Damit würde verhindert, dass die Bevölkerung angesichts eines möglichen Wertverlusts bei den Ersparnissen ihre Gelder abhebt. “Das muss sehr schnell passieren, da die Kapitalflucht bereits stattfindet”, fügte Holland hinzu. Der Einlagenbestand bei den griechischen Banken ist in den neun Monaten per März um etwa 23 Mrd. Euro auf 160 Mrd. Euro gesunken. Das entspricht einem Rückgang von rund 13 Prozent, wie aus Daten der griechischen Zentralbank hervorgeht.

Sollte sich die Regierung in Athen dazu entschließen, den Euroraum zu verlassen, dann muss alles sehr schnell gehen. Die Vorbereitungen für das Ausscheiden aus dem Euro-Währungsgebiet würden wahrscheinlich an einem Freitag mit dem Schließen des Anleihemarkts in New York um 17 Uhr stattfinden - also gegen 23 Uhr in Frankfurt und Brüssel und gegen Mitternacht in Athen.

Griechenland würde dann wohl als erstes ein Treffen der Euro- Finanzminister und Regierungschefs anberaumen, um die Bedingungen für den Ausstieg festzulegen.

Droht Panik an den Märkten auszubrechen und somit eine Dollarknappheit, würden die weltweit größten Notenbanken - darunter die Federal Reserve Bank, die Bank of England, die Bank of Japan und die Schweizerische Nationalbank - wahrscheinlich mit Swaplinien bereit stehen, die nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 ausgeweitet worden waren.

An dem darauf folgenden Samstag würde dann das Treffen der Euro-Finanzminister stattfinden, bei dem der Gipfel der Regierungschefs am Sonntag vorbereitet werde, erwartet Brzeski. Seiner Einschätzung nach dürfte den Griechen dort ein Einmalkredit gewährt werden, um den wirtschaftlichen Schock des Austritts abzumildern. Griechenland könne dann Verhandlungen über neue Hilfen des IWF aufnehmen. Zeitgleich dürfte die Regierung in Athen offiziell ankündigen, dass eine neue Währung im Lande eingeführt wird.

Soziale Unruhen wahrscheinlich

Dabei könnte es zu sozialen Unruhen kommen. “Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass es nicht zu Krawallen oder Gewalt kommen wird”, sagte Lefteris Farmakis, Stratege bei Nomura International in London.

Die neue Währung wird vermutlich wieder Drachme genannt und dürfte - wie ihr Vorgänger - frei am Markt handelbar sein. Die Banken würden unterdessen von der Regierung dazu aufgefordert, alle Vermögenswerte und Verbindlichkeiten dem neu festgelegten Wechselkurs entsprechend umzustellen, darunter Bankeinlagen, Löhne und Schulden.

Die griechische Regierung könnte zu diesem Zeitpunkt auch einen neuen Satz von Banknoten und Münzen in Auftrag geben. Wie die “Times” in London am 18. Mai berichtete, bereitet sich die auf Banknoten spezialisierte Druckerei De La Rue bereits auf die Wiedereinführung der Drachme vor. Das britische Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern.

Die Regierung dürfte nach Einschätzung von Holland und Brzeski bereits ab Samstagmorgen das Militär einsetzen und die Grenzen schließen. Sobald die Währungsumstellung offiziell bekanntgemacht würde, dürften als Übergangslösung griechische Euro-Noten in Drachmen umgestempelt werden.

Ab Sonntagabend dürfte sich das Augenmerk der Welt dann langsam auf Neuseeland richten. Der Handel an den Anleihe- und Devisenmärkten in Wellington wird um 7 Uhr Ortszeit am Montag eröffnet. Damit ist es die erste Börse, die nach dem Euro-Austritt Griechenlands in den Handel gehen würde. “Die ganze Welt wird online sein, wenn Neuseeland öffnet”, sagte Sean Keane, Analyst bei Triple T Consulting in Auckland. “Jeder Fondsmanager in New York wird am Sonntag zusehen, was passiert.”

Bloomberg

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