"Ein Austritt der Griechen würde die ’Büchse der Pandora’ öffnen"

Eine Arbeitsgruppe der Euro-Länder hat Kreisen zufolge die Regierungen aufgefordert, nationale Notfallpläne für den Fall eines Austritt Griechenlands aus der Währungsgemeinschaft auszuarbeiten. Die Banken sind noch immer unzureichend vorbereitet.

Jeder einzelne Staat müsse seinen eigenen Plan vorbereiten, sagten zwei Vertreter der Währungsunion der Nachrichtenagentur Reuters. Dies sei während einer Telefonkonferenz der Arbeitsgruppe, die aus Vertretern aller 17 Euro-Länder besteht und die Treffen der Finanzminister vorbereitet, verabredet worden.

"Die Arbeitsgruppe vereinbarte, dass jedes Euro-Land einen Notfallplan vorbereiten sollte für die möglichen Folgen eines griechischen Abschieds vom Euro", sagte ein Vertreter. "Bisher wurde noch nichts vorbereitet auf Ebene der Euro-Zone, aus Angst, dass dies durchsickern könnte." Ein zweiter Vertreter bestätigte die Angaben.

Banken bislang unzureichend vorbereitet

Die europäischen Banken würden bei einem Austritt Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion erhebliche Verluste verzeichnen. Zwar haben sie ihre Kapitalpuffer erhöht und Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen vorgenommen. Aber die Folgen eines Einlagenabzugs können sie schwer treffen, sagen Finanzexperten. Auch mehr als zwei Jahre nach der Vorsorge sind die Banken nicht gegen Risiken eines Einlagenabzugs und steigender Zahlungsausfälle in anderen hochverschuldeten Euroländern gefeit.

“Ein Austritt der Griechen würde die ’Büchse der Pandora’
öffnen”, warnt Jacques-Pascal Porta, Vermögensverwalter bei Ofi Gestion Privée in Paris, “es ist eine Katastrophe, die einer weiteren Katastrophe die Tür öffnen würde”. Die Glaubwürdigkeit des Euro würde geschwächt und es könnte ein Präzedenzfall entstehen, der den Austritt für Spanien, für Italien und selbst für Frankreich denkbar mache.

Das unmittelbare Risiko für die europäischen Banken und die Euroregion besteht in einem Einlagenabzug aus hochverschuldeten Ländern wie Portugal, Irland, Spanien und Italien aufgrund von Spekulationen, dass auch diese Länder aus der Währungsunion aussteigen werden. Kreditinstitute in Deutschland, Frankreich und Großbritannien hatten nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel Ende 2011 Forderungen in Höhe von 1,19 Billionen Dollar gegenüber diesen Ländern.

Sollte Griechenland den Euro aufgeben, gäbe es voraussichtlich eine unmittelbare Abwertung der neuen Währung um bis zu 75 Prozent, wie die Ökonomen der UBS erwarten. Das würde dazu führen, dass private Kreditnehmer und Unternehmen zahlungsunfähig auf Auslandskredite werden. Und so lange die europäischen Spitzenpolitiker nicht glaubwürdig darlegen könnten, dass der Ausstieg ein außerordentlicher und isolierter Fall bleibt, werden Einleger in anderen Ländern sich dafür entscheiden, Gelder abzuziehen und in Länder zu transferieren, die sicherer erscheinen.

Die Banken selbst haben sich inzwischen auf einen Austritt von Griechenland vorbereitet. So verwendeten die Banken in den Kernländern Europas - Deutschland, Frankreich und
Großbritannien- Gelder aus den längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (LTRO) der EZB, um ihre Tochtergesellschaften im südlichen Europa vor Verlusten zu schützen, falls eines oder mehrere Länder die Eurozone verlässt.

“Eine britische Bank, beispielsweise, hat ihrer spanischen Niederlassung zehn Mrd. Euro geliehen. Dann steigt Spanien aus dem Euro aus und die Rückzahlung erfolgt in Peseten, die 50 Prozent weniger wert sind. Damit steht die britische Bnak vor Verlusten von fünf Mrd. Euro”, sagt Philippe Bodereau, Leiter Kreditanalyse Europa bei Pacific Investment Management Co. in London.

Multinationale Bankengruppen reduzieren dieses Risiko, in dem sie die eigenen Kreditlinien an die Niederlassungen in der Region durch EZB-Kredite ersetzen. Die Deutsche Bank hat einen “kleinen” Betrag an EZB-Geldern in Anspruch genommen, um die Finanzierung des Firmen- und Privatkundengeschäfts in Kontinentaleuropa zu unterstützen. Die führende Bank in Europa verfügt über größere Niederlassungen in Italien und Spanien. Die französische Bank BNP Paribas, die drittgrößte europäische Bank, hat EZB-Gelder eingesetzt, um ihre italienische Tochter zu finanzieren, während sie ihre Finanzierung innerhalb der Gruppe zurückgeschraubt hat. Die britischen Banken Barclays Plc und Lloyds Banking Group Plc haben ihre spanischen beziehungsweise portugiesischen Niederlassungen mit Zentralbankgeldern geschützt.

“Das größte Risiko für die Banken ist im Moment ein möglicher Ansturm auf die Einlagen”, sagt Andrew Stimpson, Bankenanalyst bei Keefe, Bruyette & Woods in London. “Je mehr die Politiker offen über einen Ausstieg diskutieren, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Spanier, Iren und Portugiesen Gelder von ihren heimischen Banken abziehen”, ergänzte er.

Das geschieht offenbar schon. Bei den Banken in Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien sind die Einlagen von Privathaushalten und Unternehmen zwischen Ende 2010 und März 2012 um 80,6 Mrd. Euro oder 3,2 Prozent geschrumpft. Das geht aus Daten der EZB hervor. Dagegen verzeichneten die Banken in Deutschland und Frankreich in dem Zeitraum einen Anstieg der Einlagen um 217,4 Mrd. Euro oder 6,3 Prozent. In Griechenland haben sich die Bankeinlagen seit 2009 um fast 75 Mrd. Euro verringert auf 160 Mrd. Euro per Ende März, wie aus Daten der griechischen Zentralbank hervorgeht.

Die Analysten der US-Bank Citigroup erhöhten mittlerweile ihre Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Euro- Austritts der Griechen auf 50 bis 75 Prozent innerhalb der nächsten 18 Monate. “Die Risiko-Management Abteilungen der Banken haben einen Griechen-Ausstieg voraussichtlich einbezogen und haben höchst wahrscheinlich einen Plan, wie in diesem Fall vorzugehen wäre”, sagt Robert Liljequist, Stratege für Festverzinsliche bei der Swedbank in Helsinki. “Das große Problem aber ist, dass niemand wirklich weiß, was an den Märkten passieren wird, wenn das Land die Währungsunion verlässt”, sagt er. Es bestehe ein deutliches Risikopotenzial.

Bloomberg/Agenturen/hahn

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