Dotcom-Boom 2.0: Facebook startet Rekord-Börsengang

Experten trauen Facebook 10-Milliarden-Dollar-IPO zu - Gründer Zuckerberg sichert sich Kontrollmehrheit - Internetnetzwerk zählt 845 Mio. aktive Nutzer, davon 2,7 Mio. in Österreich

Facebook hat mit seinem Countdown zum Rekord-Börsengang einen neuen Rausch in der Internet-Branche wie an der Wall Street ausgelöst. Gut zehn Jahre nach dem Absturz vieler Dotcom-Firmen der ersten Generation könnte das weltgrößte soziale Netzwerk bis zu zehn Mrd. US-Dollar (7,59 Mrd. Euro) von Geldanlegern einsammeln - so viel wie kein anderes Internet-Unternehmen zuvor.

Die Psychologie des Mr. Zuckerberg

Das vom ehemaligen Psychologiestudenten Mark Zuckerberg vor ziemlich genau acht Jahren ersonnene Facebook würde damit auf bis zu 100 Mrd. Dollar Marktwert taxiert und sogar Technologieriesen wie HP und Siemens in den Schatten stellen. Der 27-jährige Zuckerberg will Facebook, das mit der Vernetzung seiner fast 850 Millionen auskunftsfreudigen Nutzer, davon 2,7 Millionen in Österreich, vor allem an Werbegeldern verdient, auch als Börsenkonzern weitgehend in Eigenregie führen. Er sichert sich durch eine Mehrheit der Stimmrechte praktisch die vollständige Kontrolle über den Internet-Senkrechtstarter.

Zuckerberg verfügt dem Antrag zur Börsenzulassung zufolge über 56,9 Prozent der Stimmrechte und kommt so um eine Reihe von Pflichten herum, die Anleger-Vertreter in den vergangenen Jahren für eine größere Transparenz erkämpft hatten. Im Prospekt heißt es wörtlich: Zuckerberg werde sämtliche Angelegenheiten, die von Aktionären gebilligt werden müssen, sowie das allgemeine Management und die Führung des Unternehmens kontrollieren. Zuckerberg hat sich von mehreren ihm wohl gesonnenen Investoren - vor allem Wagniskapitalgebern - Stimmrechte übertragen lassen. Ähnlich waren die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page vorgegangen, und auch schon die Sulzberger-Familie folgte einst bei der "New York Times" einer solchen Strategie.

Mit seiner Kontrollmehrheit muss Zuckerberg keinem unabhängigen Komitee die Aufsicht über sensible Angelegenheiten wie die Höhe von Gehältern übergeben. Zugunsten des Börsengangs will Zuckerberg, der spätestens durch den Oscar-gekrönten Hollywood-Film "The Social Network" über die Entstehungsgeschichte des Konzerns weltweit bekannt wurde, bei seinem eigenen Gehalt erst einmal zurückstecken.

Termine in T-Shirt und Sneakers

Bei effektiv nur noch einem Dollar jährlich soll laut den Börsenpapieren ab 2013 das Gehalt des Netz-Pioniers liegen, der wichtige Termine noch immer in T-Shirt und Turnschuhen absolviert. Mit dem Verzicht folgt Zuckerberg, der im vergangenen Jahr knapp 1,5 Mio. Dollar einstrich, dem Vorbild des verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Doch Zuckerbergs Anteil an Facebook von 28 Prozent würde ihn auf Platz vier der Rangliste der reichsten Amerikaner heben - bei einer Bewertung des Konzerns von 100 Mrd. Dollar läge sein stattliches Vermögen bei 28 Milliarden.

Facebook will 5 Mrd. Dollar einsammeln

Facebook will dem Börsenprospekt zufolge mit der bis Mitte des Jahres erwarteten Emission bis zu fünf Mrd. Dollar einsammeln. Dies entspricht der Hälfte der Summe, die zuletzt immer wieder kursierte. Doch die niedrigere Zielmarke könnte auch der Tatsache geschuldet sein, dass sie zur Kalkulation der Gebühren herangezogen wird. Analysten zumindest gehen davon aus, dass Facebook bei den Investoren bis zu zehn Mrd. Dollar einsammeln könnte. Und selbst mit dem geringeren Volumen handelt es sich um den größten Börsengang eines Internet-Konzerns aller Zeiten.

Nach Reuters-Berechnungen würde Facebook die Firma World Online auf Platz zwei verweisen. Im Internet-Boom-Jahr 2000 hatte das niederländische Unternehmen 2,8 Mrd. Dollar eingesammelt. Verglichen mit anderen Konzernen im High-Tech-Sektor würde der Börsengang von Facebook auf Platz zwei liegen: Nur das IPO der deutschen Infineon Technologies mit einem Volumen von 5,9 Mrd. Dollar 2000 war größer. Facebook-Konkurrent Google hatte bei seinem Debüt 2004 knapp 1,7 Mrd. Dollar erlöst.

Ungefähr zu dieser Zeit gründete der spätere Studienabbrecher Zuckerberg in seinem Harvard-Wohnheim Facebook. Zunächst konnten auf der von ihm entwickelten Internetseite "Facemash" Nutzer die Attraktivität von Studierenden anhand von eingestellten Fotos bewerten - nicht gerade zur Begeisterung der Uni-Verwaltung und auch vieler Kommilitonen. Wenig später entwickelte sich aus diesem Online-Casting die Kontaktbörse Thefacebook.com, auf der Mitglieder selbst Informationen über sich sowie ihre Fotos einstellen konnten. In den Jahren darauf griffen immer mehr Investoren Zuckerberg unter die Arme, so 2007 Microsoft.

Wie ein Magnet zog das Angebot immer mehr Fans weltweit an und ist mit 845 Millionen aktiven Nutzern heute unangefochten die Nummer eins. Das Konkurrenz-Angebot Google+ kommt auf 90 Millionen Nutzer. Ungeachtet der Bedenken vieler Datenschützer ebbt der Run auf Facebook bisher kaum ab. Doch Analysten äußern Zweifel, ob dieser Zuwachs unbegrenzt fortgesetzt werden kann. Anders sieht es Zuckerberg: "Es gibt einen großen Bedarf und die große Gelegenheit, jeden in der Welt zu vernetzen, jedem eine Stimme zu geben und dabei zu helfen, die Gesellschaft für die Zukunft vorzubereiten." Im IPO-Prospekt erklärt er, Facebook sei ursprünglich nicht gegründet worden, um eine Firma zu werden. "Einfach gesagt: Wir entwerfen keine Dienste, um Geld zu machen - wir machen Gewinn, um bessere Dienste aufbauen zu können." Der Gewinn stieg 2011 um 65 Prozent auf eine Milliarde Dollar, wie Facebook beim IPO-Antrag erstmals offenlegte. Der Umsatz lag bei 3,71 Mrd. Dollar.

- Apa, Red.

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