"Die Investoren befinden sich schon wieder im Gier-Modus"

Obwohl sie im Augenblick abwarten, sehen Ben Bernanke von der Federal Reserve, Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihre Kollegen von der Bank of England und der japanischen Zentralbank die anlaufende wirtschaftliche Erholung nicht als gemachte Sache an. Sie sind vielmehr darauf gefasst, weitere Milliarden und Billionen locker zu machen, sollte dies notwendig werden.

Damit unterscheidet sich ihre Einstellung grundlegend von dem Vorgehen im vergangenen Jahr. Damals wurde der bessere wirtschaftliche Ausblick zum Anlass genommen, eine restriktivere Geldpolitik zumindest zu prüfen. Bald war es mit dem Aufschwung dann allerdings vorbei.

Um diesmal nicht wieder vorschnell zu handeln, werden die vier Zentralbanken ihre Mauer aus Geld im Volumen von 9 Billionen Dollar wohl kaum reduzieren. Und auch mit Zinserhöhungen dürfte vorerst nicht zu rechnen sein. Im Gegenteil, sollte sich die jüngste Erholung wieder als kurzlebig erweisen, könnten sie mit weiteren konjunkturfördernden Mitteln die Märkte unterstützen.

Konsequenterweise sollten Investoren vor diesem Hintergrund auf Anlagen setzen, die von der Liquiditäts-Ausweitung profitieren, sagt David Kotok, Chief Investment Officer bei Cumberland Advisors. Seine Firma hat Aktien und Rohstoffe zugekauft. “Die Märkte stellen sich darauf ein, dass Zentralbankgelder anhaltend und in großem Überfluss” angeboten werden, sagt er.

Die Schweizer Credit Suisse Group rät Investoren, in diesem Umfeld vor allem Aktien und Gold zu kaufen. Denn diese könnten aufgrund der anhaltenden Inflation gewinnen. Ein Credit- Suisse-Index mit neun Titeln, die von einer quantitativen Lockerung profitieren dürften, hat in den vergangenen sechs Monaten 19 Prozent zugelegt. Darin befindet sich unter anderem der französische Versorger Electricité de France.

“Wir befinden uns in einem eigenartigen Umfeld, in dem die Entscheidungsträger so nervös bleiben, was die Wachstumsaussichten angeht, dass ihre extremen geldpolitischen Maßnahmen perverserweise die Risikobereitschaft angekurbelt haben”, sagt Stephen Jen, ein Managing Partner beim Hedgefonds SLJ Macro Partners. „Die Notenbanken befinden sich im Angst- Modus, die Investoren im Gier-Modus.“

Angst-Index sackt ab

Der Volatilitätsindex VIX, eine auch als “Angst-Index” bezeichnete Messzahl für Kursausschläge am Aktienmarkt, ist seit Anfang Oktober um 60 Prozent abgesackt. Gleichzeitig konnte der Bloomberg World Index etwa 16 Prozent zulegen.

Der Versuch der Notenbanker in diesem Jahr, die Erholung zu garantieren, stellt eine Abkehr von der Strategie 2011 dar, als sich die Wirtschaft anfangs ebenfalls erholte. Die US-Notenbank ließ ihr Bond-Kaufprogramm im Juni auslaufen und die EZB erhöhte sogar gleich zweimal die Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte auf 1,5 Prozent. Beide ruderten schnell zurück: Die Fed beschloss in kürzester Zeit ihr nächstes Konjunkturprogramm und die EZB ging mit den Leitzinsen wieder auf ein Prozent herunter.

Trotz einer Verbesserung am US-Arbeitsmarkt hat die Fed signalisiert, dass sie offen für weitere Schritte, wie beispielsweise eine dritte Runde der quantitativen Lockerung (QE3), ist. Beim Zinsentscheid im Januar hatten “einige” der Mitglieder des Offenmarktausschusses erklärt, dass weitere Bond- Käufe “bald” angebracht sein könnten. Das Thema QE3 ist “definitiv noch nicht vom Tisch”, sagte John Williams, der Chef der Fed von San Francisco.

Für die EZB sagen die Volkswirte von JPMorgan und Morgan Stanley weitere Zinssenkungen voraus. Ihr Kollege Jens Sondergaard von Nomura International nahm eine entsprechende Prognose mittlerweile zurück und verwies auf die zuletzt stabilen Daten aus dem Euroraum. Er rechnet jedoch damit, dass die Zentralbank ihre Zinsen bis ins nächste Jahr hinein nicht anheben wird. “Zurzeit ist es am wichtigsten, sich alle Optionen offen zu halten”, sagt Sondergaard mit Blick auf die Zentralbanken.

Tatsächlich haben die Zentralbanker gute Gründe, vorsichtig zu sein. Die Weltwirtschaft könnte nach wie vor ausgebremst werden, wenn beispielsweise die europäische Schuldenkrise wieder aufflammt. Hinzu kommt die Belastung durch den potenziell weiter steigenden Ölpreis. In den vergangenen sechs Monaten hat er bereits etwa 23 Prozent zugelegt. Gleichzeitig verschärfen Regierungen weltweit ihre Fiskalpolitik, Banken vergeben weniger Kredite, Chinas Wirtschaftswachstum verlangsamt sich und in etwa 60 Ländern - von den USA über Frankreich und bis hin zu Südkorea
- stehen in diesem Jahr Wahlen an.

Bloomberg/hahn

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