"Das Hauptproblem ist Spanien"

Die Entwicklung in der viertgrößten Ökonomie des Euroraums droht aus dem Ruder zu laufen. Geht das so weiter, wäre das ungleich bedrohlicher als der Fall Hellas, sind sich alle Experten einig.

Dafür bürgt schon die ungleich größere Bedeutung Spaniens. Das Land hat einen Anteil an der Wirtschaftsleistung des Währungsraumes von rund elf Prozent, Griechenland nur von zwei Prozent.

Ist eine Währungsunion ohne Spanien überhaupt vorstellbar? "In der jetzigen Konstellation Nein", sagt der Außenhandelschef der Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier. Sein Antwort fußt auf zwei Aspekten. "Wenn Spanien unter die europäischen Rettungsschirme käme, wäre das noch machbar." Deren Volumen von rund 800 Milliarden Euro, davon rund 500 Milliarden Euro freie Hilfemittel, könnten zunächst ausreichen. Aber es seien die Ansteckungsgefahren für andere große Länder wie Italien oder Frankreich, die das Mega-Risiko darstellen, dass die Währungsunion zerreißen könnte. "Deshalb kann man sich im Moment eine Euro-Zone ohne Spanien nicht vorstellen", lautet Treiers Folgerung. So weit ist es aber zum Glück noch nicht.

Grenzwerte werden gerissen

Doch die aktuellen Zeichen stehen schlecht: die Neuverschuldung des spanischen Staates schießt über die verabredeten Grenzwerte hinaus. Das Land ist nach einem Mini-Wachstum im Vorjahr wieder in eine Rezession abgestürzt: Die Wirtschaft wird in diesem und dem nächsten Jahr schrumpfen. Der Bankensektor braucht Milliarden vom Staat und gerät immer stärker ins Trudeln. Gerüchte über einen massiven Einlagen-Abzug bei der Krisenbank Bankia machen die Runde. Die Herabstufung der Bonität von 16 spanischen Geldhäusern durch die Ratingagentur Moody's kam kaum noch überraschend.

"Die Herabstufung ist ein Warnzeichen", sagte Treier. Das Land müsse den eingeleiteten Spar- und Reformkurs umsetzen und noch etwas mehr tun. Dann könne es vermeiden, zur Gefahr für den Euro-Verbund zu werden und müsse auch nicht unter die Euro-Rettungsschirme EFSF und ESM schlüpfen. Und schließlich gebe es einige Hoffnungszeichen, wie etwa die Besserung der Wettbewerbsfähigkeit mit steigenden Exporten als Lohn. Zudem habe Spanien mit seiner vergleichsweise moderaten Gesamtverschuldung - gemessen an der Wirtschaftsleistung weniger als Deutschland - noch "Puffer", um das zu tun, was nötig ist.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn klingt düsterer: "Das Hauptproblem ist Spanien". Er verweist auf die steigenden Zinsen für das Anleihen des Landes von inzwischen mehr als sechs Prozent - eine Größenordnung, die nachhaltig nur schwer zu finanzierten ist. Negativ führt er die massive private und öffentliche Auslandsverschuldung von rund 92 Prozent der Wirtschaftsleistung ins Feld. Ein sozialpolitisch hochbrisantes Problem ist zudem die Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent und die exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit von fast 50 Prozent. Zudem sieht Sinn die massiv gestiegene Schulden des Landes im europäischen Zentralbanken-Zahlungssystem Target als Alarmzeichen. Ein Thema sei auch Kapitalflucht.

Spanien muss sich selbst helfen

Treier macht vor allem eines Angst: "Wenn Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen würde, geht die nächste Spekulation los". Insofern gelte, wenn das Land alleine versucht, aus der Krise zu kommen: "Dann arbeitet Spanien nicht nur für sich, sondern auch die Eurozone". Wenn die Euro-Finanzminister also, wie es im Hause des deutschen Amtsträgers Wolfgang Schäuble heißt, einhellig den Zusicherungen der spanischen Regierung glauben, dass sie es alleine schaffen wird, sich aus der Krise zu ziehen, dann steckt ganz viel Hoffnung dahinter.

Abgesehen von den Gefahren für die Euro-Zone, ist Spanien auch bilateral als Handelspartner für Deutschland von einigem Gewicht. So liegt das südeuropäische Land als Zielort für deutsche Ausfuhren immerhin auf Rang elf weltweit - mit einem Anteil von reichlich drei Prozent an den Gesamtexporten. Das ist dreieinhalb Mal mehr, als nach Griechenland fließen. Und auch bei den Importen liegt Spanien für Deutschland mit Rang 13 ziemlich weit vorne. Es gibt für Deutschland viele Gründe, das Land auf der iberische Halbinsel scharf im Auge zu behalten.

Reuters/hahn

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