"Das kurzfristige Auf und Ab – hat sich extrem verschärft"

Die Stahlsparte seines Konzerns sieht voestalpine-Chef Wolfgang Eder vorerst bis zum Herbst im Aufwind. Aber der Markt unterliege immer kürzeren Schwankungen.

"Die Volatilität - das kurzfristige Auf und Ab - hat sich extrem verschärft", sagte Eder im Gespräch mit der APA. Die Preise konnten aber im April zum Teil bereits deutlich angehoben werden. Die anderen drei Unternehmensbereiche - Edelstahl, Metal Forming (vormals Automotive und Profilform) und Bahnsysteme - entwickelten sich weiterhin auf moderatem Niveau stabil.

Im Stahlbereich habe die voestalpine die Preise mit Beginn des neuen Geschäftsjahres 2012/13 für etwa die Hälfte ihrer Produkte um "10 bis 15 Prozent" erhöht. "Wir arbeiten daran, für den zweiten Teil des Portfolios eine vergleichbare Preissteigerung mit 1. Juli zu schaffen, so dass wir im Stahl bei Vollauslastung die Entwicklung bis nach dem Sommer relativ entspannt sehen", so Eder.

"Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2012/13 sollte die Division Stahl jedenfalls ein besseres Ergebnis bringen als im zweiten Halbjahr 2011/2012", bekräftigte der Konzernchef. Das neue Geschäftsjahr startete am 1. April. Im Winter (4. Kalenderquartal) war die Stahlproduktion kurzfristig um 10 Prozent gedrosselt worden, seit Jänner wird aber wieder voll produziert. Die Division Stahl liefert rund ein Drittel des Konzernumsatzes, der sich 2010/11 auf rund 11 Mrd. Euro belief.

Die Bilanzzahlen für das soeben zu Ende gegangene Geschäftsjahr 2011/12 präsentiert der Konzern am 30. Mai. Der operative Gewinn wird laut Eder "wie schon mehrfach erwähnt, um etwa 10 Prozent unter dem Vorjahreswert von 985 Mio. Euro liegen". Allerdings müsste für das Gesamtergebnis noch die 205 Mio. Euro schwere Vorsorge für das laufende Schienenkartellverfahren und die Schließung der Schienenfertigung in Deutschland berücksichtigt werden. "Ohne diese Vorsorge bleiben wir bei der bisherigen Ansage." Zur Umsatz- und zur Margenentwicklung wollte Eder noch keine Angaben machen.

Die Importsituation sei derzeit positiv: "Es gibt keine dramatischen Importe nach Europa, die Läger sind auf normalem Niveau - das ergibt kein kritisches Bild." Für die Entwicklung nach dem Sommer sei es "zu früh für eine Indikation".

Die Marktvoraussetzungen ändern sich laut Eder aber immer häufiger binnen kürzester Zeit. Der konjunkturelle Stahlzyklus umfasse nur noch etwa zwölf Monate - früher seien es zweieinhalb bis vier Jahre gewesen. "Das ist ein grundlegender Paradigmenwechsel, der sich in den vergangenen zwei Jahren vollzogen hat." Die Durchlaufzeit eines Produktes von der Mine bis zum Kunden betrage in etwa drei Monate - es gebe aber während dieser Zeit permanente Preisveränderungen sowohl bei Rohstoffen und Energien als auch bei Endprodukten. Das bedinge völlig neue Planungsabläufe. "Wir müssendamit leben und schneller werden, d. h. teilweise neue Abläufe konzipieren", betonte der voestalpine-Chef.

Die drei anderen Unternehmenssparten laufen zufriedenstellend: "In den Divisionen Edelstahl, Metal Forming und Bahnsysteme sehen wir eine relativ stabile Entwicklung - ähnlich jener in den vergangenen drei Quartalen", so Eder. Seit dem Sommer 2011 seien Auslastung, Umsatz und Ergebnis dort "auf stabilem, nicht berauschendem, aber durchaus auskömmlichem Niveau". Die erzielten Margen bewegen sich zwischen 8 und 11 Prozent. "Wir haben eine erstaunlich gleichmäßige Entwicklung - das sollte sich auch im weiteren Jahresverlauf fortsetzen."

Feilen an der Strategie

Die voestalpine feilt derzeit am strategischen Masterplan für die kommende Dekade - spätestens bis Jahresende liegt die Linie vor. "Wir werden in den kommenden vier bis fünf Jahren einen nächsten Investitionsschwerpunkt setzen, nachdem wir die vergangenen drei Jahre auf der Bremse gestanden sind", sagte Konzernchef Wolfgang Eder im Gespräch mit der APA. Die rund 4 Mrd. Euro schwere Übernahme des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm aus dem Jahr 2007 sei "verdaut". Der Umsatz soll sich bis 2020 dank weiterer Übernahmen und Investitionen auf 20 Mrd. Euro fast verdoppeln.

Derzeit erzielt die voestalpine mit der Stahldivision ein Drittel der Verkaufserlöse, die weiteren drei Unternehmensbereiche - Edelstahl, Metal Forming (vormals Automotive und Profilform) und Bahnsysteme - stellen bereits zwei Drittel des Umsatzes. "Die Relation wird sich weiter zugunsten der drei Verarbeitungsdivisionen verschieben", kündigte Eder "ein etwas überproportionales Wachstum" in diesen Bereichen an.

Beim Gearing (Nettoverschuldung in Prozent des Eigenkapitals) liege die voestalpine aktuell "deutlich unter 60 Prozent" - Tendenz weiter sinkend. "Auch vor diesem Hintergrund können wir uns in den kommenden Jahren - selbst bei einem gedämpften Konjunkturklima - wieder mehr leisten", so Eder. Im vorigen Geschäftsjahr 2010/11 hatte sich der Verschuldungsgrad des Unternehmens im Jahresabstand von 71,3 auf 57,8 Prozent verbessert. "Wir haben immer gesagt, 30 bis 70 Prozent sind unproblematisch", betonte der voestalpine-Chef.

"Edelweiß" ist verwelkt

Das kurz vor der Finanzkrise 2007/08 angedachte Projekt "Edelweiß", ein zweites Stahlwerk (zusätzlich zu Linz) am Schwarzen Meer, in das ebenfalls Milliarden geflossen wären, wird es definitiv nicht geben. "Sicher ist: Das Edelweiß ist endgültig verwelkt", bekräftigte Eder, denn im Gefolge der Krise 2008/09 hätten sich "zu viele Rahmenbedingungen stark verändert".

"In Osteuropa haben wir immer noch erst den Beginn einer Erholung und sind weit weg von der Dynamik, die wir vor 2008 hatten", bedauert der Konzernchef. Auch die Instabilität im arabischen Raum nehme zu und inzwischen seien nicht nur China, Indien und Brasilien große Emerging Markets, sondern auch eine Reihe anderer Länder etwa in Südostasien. Die Karawane beginne auch bereits, aus China nach Vietnam, Indonesien und andere Länder weiterzuziehen.

"Generell gilt heute mehr denn je, dass wir unsere Zukunft so anlegen müssen, dass wir uns nichts verbauen und mit Investitionen in Europa entsprechend vorsichtig sein", sagte Eder und verwies insbesondere auf die ungewisse Umweltpolitik und die damit verbundene Investitionsunsicherheit.

Vergangenen Dezember hätte die UNO-Klimakonferenz im südafrikanischen Durban das globale Klimaschutzabkommen von Kyoto "scharf machen sollen", das verbindliche Vorgaben für die Emission von Treibhausgasen macht. "Jetzt gibt es eine weitere massive Verzögerung", kritisierte Eder. Der Weltklimavertrag soll nun bis 2015 ausgearbeitet werden und 2020 in Kraft treten. Erst in drei Jahren wisse man, wie sich Europa tatsächlich positioniere. Europa sei für nur 12 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Das 1997 vereinbarte Kyoto-Protokoll haben mehr als 190 Staaten ratifiziert, doch gelten die Emissionsvorgaben nur für insgesamt 37 Industriestaaten, nicht für Schwellen- und Entwicklungsländer wie China oder Indien. Dies hatte Kanada bereits in der Vergangenheit kritisiert, das mittlerweile aus dem Abkommen ausgetreten ist.

APA

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