Athen: Junge Griechen stürmen Deutsch-Kurse

Im Goethe-Institut der griechischen Hauptstadt kämpfen jeden Tag 350 Sprachschüler mit den Feinheiten der deutschen Sprache, 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Die jungen Griechen begeistern sich für Deutsch, obwohl die deutsche Bundesregierung ihrem Land finanzielles Missmanagement vorwirft und in griechischen Zeitungen Nazi-Karikaturen deutscher Politiker auftauchen.

Für Rüdiger Bolz, den Leiter des Goethe-Instituts, ist dies kein Widerspruch. Seinen griechischen Sprachschülern komme es nicht so sehr auf die Politik an, sagt er. Sie stellten sich schlicht der harschen wirtschaftlichen Realität, indem sie neue Fähigkeiten erlernten.

"Die meisten, die zu uns kommen, sind junge Studenten oder Akademiker, und sie tun, was sie können, um ihre beruflichen Qualifikationen zu verbessern", berichtet Bolz. "Ein paar von ihnen wollen Griechenland sicher verlassen, aber die meisten versprechen sich mit einer Fremdsprache einfach bessere Chancen auf einen Job - in Griechenland oder anderswo". Wegen der Weltwirtschaftskrise und des ersten Sparpakets war die Arbeitslosenquote in Griechenland auf über 20 Prozent gestiegen. Unter den Jugendlichen liegt sie sogar bei 50 Prozent. Und die Lage dürfte sich nicht verbessern mit den neuen Sparmaßnahmen, die mit dem frischen Rettungskredit vom Dienstag einhergehen.

Die Einigung über die zusätzlichen Milliarden kam zustande, nachdem Deutschlands Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die finanzielle Lage Griechenlands mit einem Fass ohne Boden verglichen und der griechische Präsident und ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Karolos Papoulias, sich über deutsche Beleidigungen beschwert hatte. Die griechische Regenbogenpresse druckte Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Nazi-Uniform, während der Chef des Bosch-Konzerns den Rauswurf Griechenlands aus der Europäischen Union forderte. Eine griechische Elektriker-Gewerkschaft rief daraufhin zum Boykott von Bosch-Produkten auf. Auch in Umfragen schlägt sich ein gewisses Misstrauen gegenüber den Deutschen nieder: In einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage für das Magazin "Epikera" gaben 76 Prozent der Befragten an, Deutschland stehe Griechenland eher feindselig gegenüber.

Außenposten deutscher Kultur

Am Goethe-Institut geht dieser Streit nach den Worten von Bolz jedoch weitgehend vorbei. Während Athener Jugendliche bei Protesten in den vergangenen Wochen Dutzende griechische Geschäfte in der ganzen Stadt in Brand setzten, kam das moderne Gebäude der Deutschen unbeschadet davon. Überhaupt war das staatliche Institut in Athen 1952 der erste von inzwischen rund 150 derartigen Außenposten der deutschen Kultur, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweit errichtet wurden.

"Wir bekommen ein oder zwei dumme Mails im Monat, meist anonym", sagt Bolz. "Aber alle unsere Veranstaltungen gehen wie üblich weiter". Im Instituts-Cafe unten im Gebäude drehen sich die Gespräche dagegen automatisch um die Auswirkungen des Sparkurses, die höheren Steuern und schrumpfenden Renten. Die Schweizerin Lisa Hamuzopulos leitet das Cafe seit 13 Jahren. Die Gäste gäben inzwischen weniger aus, bei Gesprächen über die Krise sei Feingefühl nötig, sagt sie. Nicht jeder Grieche akzeptiere, dass das Land eine gewisse Verantwortung für seine Lage trage. Solange die Griechen dies jedoch nicht einsähen, werde es schwierig für sie bleiben. "Aber uns wird keine Feindschaft entgegengebracht - wenn überhaupt, sind die Leute freundlicher", betont Hamuzopulos.

Keine Deutschen-feindliche Stiummung in Athen

Auch Bolz kann keine Deutschen-feindliche Stimmung in Griechenland feststellen. Eher verbreitet sei ein Gefühl des gekränkten Stolzes angesichts der harten Sparvorgaben durch die EU und den Internationalen Währungsfonds. Bolz leitet das Goethe-Institut seit sechs Jahren, ist mit einer Griechin verheiratet und unterhält seit 25 Jahren enge Verbindungen zu dem Land. In dieser langen Zeit sei er selbst ein wenig zum Griechen geworden, räumt er ein. Die ausländischen Geldgeber müssten jedoch verstehen, dass es keine rasche Lösung für die Probleme gebe, die sich über die Jahre mit dem vollen Wissen der kleinen Leute aufgetürmt hätten: "Ich denke, der Prozess hat nun begonnen. Griechenland ist auf dem richtigen Weg, aber es wird länger dauern, als wir glauben", bilanziert Bolz.

Reuters

Wirtschaft

12 Fragen: Den Brexit verstehen

Sturmschäden: Wann die Versicherung zahlt

Versicherung

Sturmschäden: Wann die Versicherung zahlt

Bitcoins aus der Trafik: Grazer Start-up braucht keine Bankkonzession

Wirtschaft

Bitcoins aus der Trafik: Grazer Start-up braucht keine Bankkonzession