"Wirtschaftlich ist das ein Wahnsinn"

"Wirtschaftlich ist das ein Wahnsinn"

Nach dem Ausstieg von Großsponsor Frank Stronach stand der Verein vor dem Aus. Als Teilnehmer der Gruppenphase der Champions League ist Austria Wien der derzeit international erfolgreichste heimische Fußball-Club – und um mindestens 15 Millionen Euro reicher. Für Sport-Vorstand Thomas Parits „ein echter Jackpot“. Trotz des Geldregens will er bei seinem festgelegten Gehalts-Schema bleiben. „Es muss Grenzen geben.“

FORMAT: Nach einem Interview mit FORMAT hat Peter Stöger ein Angebot vom 1 FC Köln bekommen. Von welchem Club möchten Sie denn ein Angebot?

Parits: (lacht) Nein danke, ich bleibe.

Austria Wien spielt am Mittwoch in der Champions League bei Atletico Madrid. Für Sie als Sport-Vorstand des Vereins ist die Saison doch längst gelaufen, schließlich bringt schon die Teilnahme an Europas Königsklasse Millionen an Mehreinnahmen.

Parits: Ja, das ist ein Jackpot. Durch das Erreichen der Gruppenphase sind 15 Millionen Euro an Einnahmen fix, dazu kommen eine halbe Million Euro für ein Unentschieden sowie eine Million für den Sieg und die Zuschauereinnahmen. Im Budget eingeplant hatten wir nur 700.000 Euro aus der Euroleague-Teilnahme. Wirtschaftlich ist das ein Wahnsinn, das sind halt andere Relationen. Aber auch sportlich, weil die Spieler sich jetzt auf einer internationalen Bühne, in Spanien, in Portugal, in Russland präsentieren können.

Sehen Sie das nicht mit einem weinenden und einem lachenden Auge? Zwar steigt der Marktwert der Spieler, aber gleichzeitig auch die Gefahr, dass sie ins Ausland gehen.

Parits: Das ist das Schwierigste in meinem Job, wenn Du gute Leute nicht halten kannst. Ich habe das in den letzten Jahren erlebt: Alaba, Dragovic, Junuzovic, Barazite, Baumgartlinger – alle hatten gute Angebote, ich war da machtlos. Im österreichischen Nationalteam sind aktuell fünf Spieler, die bei mir gespielt haben und jetzt im Ausland sind, das tut schon weh. Wenn die noch bei der Austria wären, hätten wir eine andere spielerische Qualität. Aber das ist ein Kreislauf, den wir nicht ändern können, weil die deutschen, italienischen, britischen Clubs einfach andere finanzielle Möglichkeiten haben, das ist eine andere Welt. Hinzu kommt der Reiz, bei einem großen Club zu spielen. David Alaba war damals in München, hat Leuten wie Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann die Hand geschüttelt und sich die Trainingseinrichtungen angeschaut, da war mir klar, dass er sich für die Bayern entscheidet.

Wie gehen Sie damit um?

Parits: Man muss wieder neue, junge Spieler holen und unsere Philosophie konsequent weiter verfolgen.

Wie lautet diese Philosophie?

Parits: Junge Spieler zu holen und diese gezielt auszubilden. Wir haben derzeit mit der Regionalliga insgesamt 46 Profispieler unter Vertrag, davon kommen 32 aus unserer eigenen Fußball-Akademie. So einen hohen Wert erreicht sonst nur Barcelona.

Dann ist Ihr Geschäft eigentlich die Personalentwicklung: Aus jungen Talenten teure Profis zu machen…

Parits: Ja, so ist es. Unter Frank Stronach war das anders, da war die Strategie - so wie teilweise auch bei Mateschitz in Salzburg - kurzfristig teure Spieler zu holen, um in die Champions League zu kommen. Doch trotz viel Geldes ist das nicht gelungen. Darum sind wir auf unseren Weg stolz.

Aber mit den Millionen aus der Champions League hätten auch Sie jetzt die Möglichkeit, teuer einzukaufen…

Parits: Wir bleiben vernünftig, weil ich nicht davon ausgehe, dass wir jedes Jahr dort oben mitspielen. Wir haben in den vergangenen Jahren über 25 Millionen Euro in die Infrastruktur hier gesteckt, haben neue Tribünen errichtet, neue Trainingsmöglichkeiten, die Akademie mit einer riesigen Fußball-Halle. Das wird weiter gehen. Wir wollen die VIP-Clubs modernisieren und erweitern, brauchen hier Parkplätze, auch die Modernisierung der Tribüne soll weiter gehen. Ohne eine vernünftige Infrastruktur geht im modernen Fußball nichts mehr.

Nach dem Abgang von Frank Stronach als Sponsor war praktisch 100 Prozent des Budgets weg. Sie haben es trotzdem geschafft, den Verein am Leben zu halten. War das Ihr Meisterstück?

Parits: Das wir hier überhaupt sitzen und über Zukunftspläne reden, ist schon ein kleines Wunder. Aber man muss auch sagen, dass uns Frank rechtzeitig informiert hat und bei der Auflösung des Betriebsführungsvertrages sehr kulant war. Natürlich ist das ein Riesen-Problem, wenn der Hauptsponsor weg ist, aber es hat sich dann eine positive Eigendynamik entwickelt, eine „Austria-Familie“ hat sich gebildet, jetzt haben wir statt einem mehr als 100 Sponsoren. Aber wenn das hart auf hart gegangen wäre, hätte es böse ausgehen können.

Die Austria ist eine AG. War das Ihre Idee?

Parits: Mein Vorstands-Kollege Markus Kraetschmer ist ein absoluter Finanzprofi und gemeinsam mit Wolfgang Katzian als Präsident haben wir mit der 2008 erfolgten Gründung einer AG ein sehr, sehr gutes Modell gefunden. Ein Bundesliga-Club wie die Austria ist ein Unternehmen mit 120 Angestellten, das kann man nicht mehr führen wie einen kleinen Verein. Marketing, Merchandising und Gastro sind in eigene GesmbHs ausgegliedert, im Aufsichtsrat der AG sitzen die Sponsoren und haben dadurch vollen Einblick, was mit ihrem Geld geschieht, was wichtig ist. Der Verein bzw. die Mitglieder sind die Aktionäre. Das ist uns gut gelungen.

Sie waren erfolgreicher Spieler und Trainer, wo haben sie das Managen gelernt?

Parits: Ich habe 22 Jahre in Eisenstadt eine Tankstelle geführt mit fünf Angestellten. Da habe ich gewusst, wie ich mit Geld umgehen muss. Wirtschaftlich ist das ja ganz klar: Wenn Du keine Gewinne machst, kannst Du nicht investieren. Aber Du musst vorher ein Risiko eingehen und investieren, sonst kannst Du auch keine Gewinne machen. Weil ich einen gewissen finanziellen Background hatte, konnte ich Firmenkunden ein Zahlungsziel von 60 Tagen einräumen, das hat gut funktioniert. Es ist eine gute Schule, mit dem eigenen Geld umgehen zu müssen.

Eine Besonderheit von Fußball-Unternehmen ist, dass die Angestellten deutlich mehr verdienen als der Vorstand. Stört Sie das?

Parits: Nein, das ist einfach so. Und gute Spieler bringen ja auch Geld. Ich sage immer: Eine gute Mannschaft bringt Geld, eine schlechte Mannschaft kostet Geld.

Verdienen Fußballer zu viel?

Parits: Nein, Sie bringen ja auch Leistung. Und wenn sie keine Leistung bringen, verdienen sie auch weniger, immerhin beträgt der Prämienanteil rund 40 Prozent am Einkommen. Und Prämien gibt es überhaupt nur, solange die Austria mindestens auf dem 5. Platz der Tabelle stehen. Ist das Team aktuell nur sechster und schlägt Salzburg 7:0 gibt es keinen einzigen Cent an Prämie.

Woran orientieren Sie sich bei den Gehältern?

Parits: Es muss Grenzen geben. Deshalb habe ich eine bestimmte Hierarchie bei den Gehältern, ein fixes Schema. Für 17 oder 18-Jährige geht das über eine gewisse Summe nicht hinaus. Deshalb spielen manche jetzt auch bei anderen Vereinen. Für die Spieler bringt das klare Perspektiven, weil sie wissen, dass sie bei guter Leistung in die nächste Kategorie aufsteigen. Für mich selber bedeutet das oft einen Konflikt, weil ich Spieler haben möchte, die nicht in mein Schema passen. Ich will aber diesen Rahmen nicht verlassen. Schauen Sie, Zlatko Junuzovic hat in Kärnten mehr verdient als bei uns, aber er hatte hier die Chance, Karriere zu machen. Jetzt spielt er in Bremen und verdient das Zigfache dessen, worüber wir damals gesprochen haben. Manche erkennen diese Möglichkeiten, andere nicht.

Helfen Sie ihren Spielern auch, nach der Karriere Fuß zu fassen? Viele sind dann 35 oder 36 Jahre alt und haben keine Ausbildung.

Parits: Jeder Spieler hat so viel Zeit nebenher, da muss er sich selber weiterbilden. Das Problem sind eher die Jungen. Der Trend bei den großen Clubs geht dahin, ganz junge Spieler zu holen und diese dann zu formen, so wie David Alaba. Viele vernachlässigen dann die Schule, das ist ein Problem. Dabei ist es möglich, neben dem Fußball eine schulische Ausbildung zu machen. Man muss ein Jahr länger in die Schule gehen, kann aber zwei Mal täglich zu trainieren. Bayern München ist da ein Vorbild: Die bestehen darauf, dass die jungen Spieler die Schule fertigmachen, sonst fliegen die aus dem Kader. Wir schauen auch darauf, dass unsere Buben an der Akademie die Schule fertig machen. In England ist das nicht so üblich, da bist Du Fußballprofi. Und wenn die Leistung nicht reicht, bist Du nichts.

Wo haben Sie ihr Geld am schwersten verdient: Als Spieler, als Trainer oder als Manager?

Parits: Der jetzige Job ist am schwierigsten. Als Spieler hat man wenig Verantwortung, das ist einfach. Als Trainer freust du dich, wenn du ein Spiel gewonnen hast, denkst aber schon an das nächste. Man spürt die Verantwortung. Aber das Werkl hier am Laufen zu halten, ist die komplexeste Aufgabe.

Sie haben die Erkennungsmelodie der Champions League als Klingelton Ihres Handys. Bleibt der auch, wenn die Austria dort nicht mehr mitspielt?

Parits: Nein, wenn wir nicht mehr dabei sind, wird der Klingelton geändert.

Zur Person: Thomas Parits, 67, wurde von sieben Jahren von Frank Stronach als Manager zu Austria Wien geholt. Nach dem Ausstieg Stronachs als Hauptsponsor wurde der 27fache Nationalspieler Sport-Vorstand der neu gegründeten Austria Wien AG. Seine Laufbahn als Fußballer begann er 1964 bei Austria Wien, für die er insgesamt 258 Spiele bestritt. Er spielte für Köln und Frankfurt in der Deutschen Bundesliga sowie bei Granada in Spanien. Als Trainer wirkte er u.a. bei der Austria und Admira Wacker.

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