Gastarbeiter in Sotschi: Zuerst ausgebeutet, dann vertrieben

Gastarbeiter in Sotschi: Zuerst ausgebeutet, dann vertrieben

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi bauen auf der Drecksarbeit von Gastarbeitern auf. Jetzt werden diese vertrieben, denn in vier Monaten soll das Putin-Spektakel losgehen.

Blau wird er sein, der neue 100-Rubel-Schein im Olympia-Look. Passend zum Antrittsbesuch des neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach 100 Tage vor der Eröffnung der olympischen Winterspiele im russischen Sotschi wird die Banknote am 30. Oktober herausgegeben. Wie viele der geschätzt 50.000 ausländischen Arbeitskräfte, die seit Jahren unter miesen Bedingungen die Drecksarbeit im 50-Milliarden-Prestigeobjekt verrichten, den fliegenden Snowboarder tatsächlich einmal in Händen halten werden, ist offen. Denn Sotschi beginnt, sich rigoros ihrer zu entledigen. Frei nach dem Motto: Erst ausgebeutet, dann abgeschoben.

"Die Situation für die Arbeiter hat sich weiter verschlechtert. Es wird gezielt gegen sie vorgegangen. Sie werden zusammengetrieben und in ihre Heimat zurückgebracht", sagte Wolfgang Büttner von Human Rights Watch dem Sport-Informations-Dienst (SID) und bestätigte damit auch einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Freitagausgabe).

Die Menschenrechtsorganisation hatte bereits im Februar die Bedingungen angeprangert, unter der die Männer aus Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan oder der Ukraine die olympischen Bauträume Realität werden lassen. Unterbringung und Verpflegung sind mies, Löhne werden nicht oder nur teilweise gezahlt, Pässe vom Arbeitgeber einbehalten, Arbeitsverträge verweigert.

Link: "Editor´s Choice - Olympia in Sotschi - Die ungeschminkte Wahrheit .

Geändert hat sich an der Gesamtsituation seitdem wenig. Zwar betont Büttner, dass Human Right Watch im offenen Dialog mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) steht und dort gehört wird, trotzdem wünscht er sich vom neuen IOC-Präsidenten Bach "eine klare Stellungnahme", dass dieser sich "klar positioniert, dass die Migranten anständig behandelt werden".

Davon sind vor allem die Offiziellen vor Ort weit entfernt. Mit einer Rede am 3. September eröffnete Alexander Tkatschow, Gouverneur der Region Krasnodar, die Jagd auf die vermeintlich gefährlichen Illeglen. Tkatschow rief Polizei, Einwanderungsbehörde und andere Ordnungshüter auf, "die Straßen von Sotschi zu säubern". Dabei dürfe keine Gnade gelten.

Seitdem werden Baustellen und Wohnsiedlungen durchkämmt, Menschen zusammengetrieben und teilweise unter unwürdigen Umständen über Stunden bei strömendem Regen unter freiem Himmel oder in überfüllten Zellen festgehalten.

Semjon Simonow, der das Sotschi-Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial leitet, berichtete tagesschau.de vom Versuch der Behörden, "einen Vorwand für die Ausweisung" der scheinbar nicht mehr benötigten Arbeiter zu finden.

Wie auch die jüngsten Ausschreitungen in Moskau belegen, herrscht in Russland immer mehr ein feindliches Klima gegenüber Migranten. "Es gibt Widerstand und Vorbehalte innerhalb der Bevölkerung", sagt auch Büttner. Geschürt auch von Menschen wie Gouverneur Tkatschow, der in seiner Rede andeutete, dass die Arbeiter nach Abschluss der Bauarbeiten in die Kriminalität abdriften würden: "Sie haben angefangen, mit uns Versteck zu spielen. Sie tun alles Mögliche, um hier zu bleiben. Aber wir lassen das nicht zu."

Noch gibt es genug zu tun, bevor die Jugend der Welt ab dem 7. Februar um Medaillen an der Schwarzmeerküste kämpft. Glaubt man allerdings der "Stimme Russlands", einer staatlichen Rundfunkgesellschaft, hat "das IOC keinen Grund, sich aufzuregen, denn im Grunde genommen sind alle sportlichen Objekte der XXII. Winterspiele in Sotschi bereits fertig". Zeit also, sich der lästigen Gastarbeiter zu entledigen. Mit allen Mitteln. Ohne Gnade.

Grausamer Protest gegen Ausbeutung in Sotschi

Aus Protest gegen die Ausbeutung von Tagelöhnern auf den Olympia-Baustellen von Sotschi hat sich ein russischer Arbeiter den Mund zugenäht. Der Mann habe sich mit einem Plakat, auf dem er seinen seit Monaten ausstehenden Lohn einforderte, direkt vor dem Olympia-Park der Schwarzmeerstadt postiert, berichteten örtliche Medien am Freitag. Die Polizei nahm den Mann nach kurzer Zeit fest.

Menschenrechtler nannten den Protest "grausam, aber notwendig". "Mit dieser Verzweiflungstat ist es ihm gelungen, einmal mehr auf die massiven Probleme in Sotschi aufmerksam zu machen", sagte Semjon Simonow von der Organisation Memorial der Deutschen Presse-Agentur.

Knapp vier Monate vor Beginn der Winterspiele am 7. Februar nähmen die Beschwerden der Arbeiter, aber auch die Repressionen der Behörden gegen die Tagelöhner, massiv zu. "Der Mann, der sich den Mund zugenäht hat, ist Russe und damit trotz seiner Not in einer besseren Lage als Arbeitsmigranten aus (Anm.: den verarmten zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken) Usbekistan oder Tadschikistan", meinte Simonow.

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