Abseits von Sotschi 2014: Skispringen für alle

Einmal Gregor Schlierenzauer sein: FORMAT-Redakteur Manfred Gram machte den Selbstversuch und besuchte in Mürzzuschlag einen Crashkurs in Skispringen. Unser Held hüpfte auf der "Baby-Bär“-Schanze sagenhafte zwölf Meter weit.

In Sotschi steht heute Abend die erste Entscheidung im Skispringen an. Die Olympia-Schanzen sind für Normalsterbliche furchteinflößende Ungetüme, von denen sich nur die Wagemutigsten der Wagemutigen springen trauen. Aber es geht auch anders. Im steirischen Mürzzuschlag zum Beispiel. Dort gibt es eine Übungsschanze, auf der sich auch ein Möchtegern-Morgi, Schlieri oder Goldi den Traum vom Fliegen erfüllen kann. Auch Format-Redakteur Manfred Gram. Die Qualifikation für Sotschi 2014 hat er dabei "knapp" verpasst.

Einmal zu laut nachgedacht, schon hat man den Scherben auf: Warum ist Skispringen als Fernsehsportart so beliebt, aber keiner macht es? Als Thomas Muster seine Blütezeit hatte, zelebrierte plötzlich eine ganze Nation eine bis dato ungeahnte Liebe zum Tennis. Jeder zweite Halbwüchsige wollte als Schlägertyp groß rauskommen. Als Hermann Maier von Erfolg zu Erfolg raste, bekannte ein ohnehin schon skinarrisches Volk Farbe und kaufte wie verrückt gelbe Sturzhelme. Und Skispringen?

Der Schlieri und der Morgi und der Kofi und Co - alle erfolgreich. Einzeln und im Team. Und mit dem Andreas Goldberger, dem Goldi, gibt es noch einen Altadler, der perfekt das Sportheldenschema bedient. Aufstieg, Fall und Comeback eines Bauernbuben. Aber warum haut sich niemand privat die Schanzen runter, die in den heimischen Gebirgslandschaften so provokant herumstehen? Wo bleibt der V-Effekt? Gibt es den überhaupt abseits vom Brecht’schen Theater?

Testflieger

"Ja, den gibt es seit geraumer Zeit auch in unserer Sportart“, versichert Alexander Seiwald. Der ehemalige Springer und Absolvent des Skigymnasiums Stams ist Skisprungnachwuchstrainer. Mit seinem Programm "TRYandFLY“ richtet er sich abseits davon auch gezielt an Erwachsene und Jugendliche, die einmal ein Schanzenerlebnis haben wollen. "Ich biete seit dem Vorjahr Sprungkurse an. Ich hoffte damals, dass sich ungefähr 30 Interessierte melden werden“, erzählt der 28-jährige Bischofshofener Seiwald, "am Ende waren es dann 140 Leute.“

Mittlerweile hat Seiwald, der in Innsbruck BWL studierte und gerade an der FH Wiener Neustadt den Studiengang "Training und Sport“ absolviert, gut 400 Skisprunglaien über die Schanze gejagt. Auch weil sich Firmenanfragen vermehrt haben, die zwecks Teambuildings Mitarbeiter springen lassen wollen. Nicht nur bei Seiwald übrigens. Der Salzburger Florian Greimel, ebenfalls Stamser Skigymnasiast, bietet auch für Privat- und Firmenkunden Sprungerlebnisse an. "Es geht dabei um Transferleistungen. Wie kann ich durch gemachte Sprungerfahrungen mental gestärkt in die Arbeitswelt zurückgehen“, sagt Greimel. Man soll dabei einen zielgerichteten Umgang mit Stresssituationen lernen, denn die Überwindung, ins Unbekannte förmlich reinzuhüpfen, beflügelt - so der Ansatz.

Greimels Seminare und Kurse, die meistens an Wochenenden stattfinden, sind gut gebucht. Sie finden auf mehreren Schanzen in Österreich statt. Zum Beispiel auch auf der Sprunganlage im steirischen Mürzzuschlag.

Am Sprung

Da steh ich jetzt also mit Alex Seiwald. Ein Freund von Greimel übrigens, denn die Sprungszene in Österreich ist klein und überschaubar. Drei Schanzen, aufgefädelt wie die Bärenfamilie aus den Märchenbüchern, sind dort auf den Ganzsteinberg hingepflanzt worden. Ich soll es mit dem Baby-Bären aufnehmen. Der sieht - ganz Kindchenschema - voll süß aus. Der Schanzentisch ist höchstens 30 Zentimeter hoch. Respekt nötigt einem da mehr der Hügel ab, der Abgrund sozusagen, der sich unter der niedlichen Schanze auftut. Der ist nämlich steil, und wird erst bei 18 Metern ein bisschen weniger steil. Kritischer Punkt nennt der Fachmann die Stelle, bei der der Aufsprunghang flacher wird. "45 km/h wirst du schon erreichen“, erklärt mir Seiwald.

Er gibt mir drei Sprunganzüge zum Probieren. Die sind neuerdings hauteng. Der letzte Anzug sitzt perfekt. Er gehörte dem nordischen Kombinierer Mario Stecher. Zumindest steht sein Name drin. Der Steirer ist zweifacher Vizeweltmeister und zweimal Olympiasieger im Teambewerb der Kombinierer geworden. Ich wurde einmal bei einem Skirennen Vierter und zweimal disqualifiziert. Stecher und mich verbindet nichts, außer der Statur anscheinend. Vielleicht hätte ich Kombinierer werden sollen. Oder Skispringer. Hätte das funktioniert? Ich frage den Experten. "Du bist nicht zu groß und ziemlich dünn; vielleicht“, stellt Alex Seiwald fest.

Dass meine Körperspannung zu wünschen übrig lässt und mich allzu sportlicher Ehrgeiz immer etwas abgeschreckt, ja eigentlich fast schon angewidert hat, verschweige ich. Dann schnallt er mich auf die Sprungski. Die neongelben Latten, 2,15 Meter lang, sind auffallend leicht. Allerdings haben sie keinen Kantenschliff. Das rutscht fürchterlich und wackelt gleichzeitig wie ein Kuhschweif.

"So, ich gebe dir jetzt eine kleine Einweisung“, eröffnet mir Seiwald. Einweisung wohin? Ins Landeskrankenhaus Mürzzuschlag? Das Spital liegt übrigens sehr günstig in unmittelbarer Nähe zur Sprunganlage. Wenn man am Bakken oben sitzt, zwinkert es einem barmherzig zu. "Passiert gelegentlich etwas, wenn Anfänger springen?“ Seiwald: "Ich hab jetzt mit fast 400 Leuten geübt. Niemand hat sich noch ernsthaft verletzt.“ Nachfragen, was "ernsthaft“ genau bedeutet, wollte ich dann aber doch nicht. Zu viel Information ist auch nicht immer gut. Außerdem kenn ich jetzt die wichtigste Regel: "Wenn du stürzt, Füße und Hände strecken. Die Bindung geht sowieso von alleine auf.“

Dann rutsche ich ein bisschen im Schneepflug im flachen Auslauf herum, gehe in die Hocke, kriege schön erklärt, wie mein Gewicht zu verlagern ist. Zentral, eher nach vorne muss der Körperschwerpunkt verschoben sein. Der ganze Fuß soll am Ski bleiben. Das ist anfangs ein wenig schwierig, weil ja - ähnlich wie bei Langlaufskiern - der Schuh nicht fixiert ist. Ein bisschen springen darf ich auch schon. Und auch hier gilt: "Beine auf keinen Fall anwinkeln. Immer gestreckt bleiben. Seiwald, im Übrigen fast zwei Meter groß, zeigt es mir vor. Aus dem Stand springt er gut einen Meter hoch - mit gestreckten Beinen. Es scheint dabei, als stünde er kurz in der Luft - ein bisschen wie in "The Matrix“, nur ohne Projektile und Kugeln.

Und zieh!

Wir stapfen zur Schanze rauf. Ich weiß jetzt schon, dass ich die Stufen hassen werde. Seiwald lässt mich den Hügel runterfahren. Zuerst im Stehen. Die erste Abfahrt endet mit einem Sturz. Alles okay, nur die Bindung, die ging nicht wie versprochen auf. Sie wird nachgestellt. Die nächsten paar Male, gleicher Hügel, gleiches Prozedere. Allerdings in der Hocke. Später dann Hocke, Aufstehen, Hocke, Sprung. Langsam gewöhn ich mich an die Ski, die Bewegungen und das Tempo. Ich bin reif für Baby-Bär.

Ich sitze am Bakken und schau runter. Der Hügel, den ich eben noch mit Schuss runtergefahren bin, ist weg. So ist das mit der Perspektive. Da verschwinden Dinge einfach, von denen man weiß, dass sie da sind, und tauchen später anders wieder auf. "Wie viele drehen an dieser Stelle um?“, frage ich, um Zeit zu schinden. "Einer von zehn - gehörst du dazu?“ "Nein, aber darf ich noch ein bisschen sitzen bleiben?“ Faszination Skispringen, das hat wohl mehr als mit dem ewigen Menschheitstraum vom Fliegen zu tun. Da geht es wohl auch darum, dass junge Haudegen stellvertretend für ihren Stamm ins Ungewisse hüpfen. Lemminge der Lebensbejahung.

Egal. Ich bin in der Spur, geh in die Hocke und runter. Beim letzten Versuch knack ich die Zwölf-Meter-Marke, lande aber in der Bande - ganz knapp an der Polsterung vorbei, schön mit der Niere aufs harte Holz. Was ich ins Berufsleben mitnehme: Stressresistenz, denn dieser Text hier sollte schon seit einer Stunde in der Druckerei sein.

Skispringen für jedermann

TRYandFLY: Auf der Schanzenanlage im steirischen Mürzzuschlag übt nicht nur der österreichische Skisprungnachwuchs. Auch Alex Seiwald hält hier Schnupperkurse. Kosten für ein dreistündiges Einstiegstraining: € 90,-. Termine auch nach Vereinbarung: tryandfly.at

Skisprungschule Florian Greimel: Der Salzburger hält Kurse in der Ramsau, in Salzburg, Villach und Mürzzuschlag. Termine auf seiner Homepage. Ganztägiger Einstiegskurs ab € 95,-. skisprungschule.com

Wörgler Flughunde: Die Skischule, spezialisiert aufs Nordische, bietet auch Sprungerlebnisse. Einstiegskurs ab € 50,-. flughunde.at

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