ÖFB-Analyse Euro 2016: Über Erwartungen, Frust, Systeme, 8 Spieler und den Tellerwurf

ÖFB-Analyse Euro 2016: Über Erwartungen, Frust, Systeme, 8 Spieler und den Tellerwurf

ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner(li.) will eine hohe Erwartungshaltung von Medien und Fans erkannt haben. Teamchef Marcel Koller sah auch eine suboptimale Perfomance, auch aufgrund von Problemen einiger Spieler mit der Fitness.

Zeit der Abrechnung: Die ÖFB-Führung mit Teamchef Koller, Sportdirektor Ruttensteiner und OFB-Präsident ziehen einen Schlussstrich unter die vergeigte Fußball-Euro 2016 des ÖFB-Teams. Das Fazit ist erwartungsgemäß wenig schmeichelhaft. Die drei Herren geben sich nach dem Scheitern in der Gruppenphase ein wenig demütig, erkannten aber auch ein hohes Potenzial an Erwartungen - vor allem seitens der Medien und Fans. Für die Zukunft braucht es einen neuen Drive. Und einen neuen Kapitän.

Wien. 37 Tage nach dem Ausscheiden aus der Fußball-EM hat sich ÖFB-Teamchef Marcel Koller öffentlich auf Ursachenforschung für das verkorkste Turnier in Frankreich begeben. Die Analyse, die der Schweizer am Freitag auf einer Pressekonferenz in Wien präsentierte, unterschied sich nicht wesentlich von jener unmittelbar nach dem 1:2 gegen Island im letzten EURO-Gruppenspiel der Österreicher.

Der dreifache Mangel

Die hohe Erwartungshaltung von Medien und Fans, die nicht optimale physische und mentale Verfassung einiger Teamspieler und die fehlende Turniererfahrung sowie eigene Fehlentscheidungen. Das waren für ÖFB-Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willi Ruttensteiner die wichtigsten Gründe für das Vorrunden-Aus des österreichischen Fußball-Nationalteams. Koller schloss sich diesen Thesen an. "Wir waren mehrheitlich Neulinge", sagte der Schweizer und gab zu: "Die Enttäuschung war riesengroß."

"Das Aus in der Vorrunde ist für Fußball-Österreich eine Riesenenttäuschung gewesen. Da gibt es nichts schönzureden. Das primäre Ziel haben wir nicht geschafft, wiewohl wir letztlich noch sehr knapp dran gewesen sind", sagte ÖFB-Präsident Windtner.

Für den ÖFB-Präsidenten war die hohe Erwartungshaltung der Öffentlichkeit eine Bürde. "Tatsache ist, dass der Hype zu einer gewissen Last geworden ist", meinte Windtner. Bei den Gruppengegnern Island und Ungarn sei das anders gewesen. "Vielleicht sind wird dem nicht mit der entsprechenden Klarheit entgegengetreten und haben darauf hingewiesen, was eine realistische Situation sein könnte, die letztlich auch eingetreten ist", erklärte Windtner.

Die Systemumstellung

Die EM-Auftritte seiner Mannschaft hat Koller bereits genau studiert, die Erkenntnisse fielen wenig schmeichelhaft aus. "Wir hatten wenig Ballzirkulation über längere Spielphasen, vergaben Chancen in entscheidenden Spielsituationen und hatten fehlende Qualität, Konzentration und Präzision bei Pässen auf dem gesamten Spielfeld."

So blieb für Koller die Erkenntnis: "Es ist uns trotz aller Bemühungen nicht gelungen, die Mannschaft auf ein Level zu bringen, um das Turnier erfolgreich gestalten zu können."

Dennoch hatte sich der 55-Jährige nach eigenen Angaben nicht wirklich etwas vorzuwerfen, auch nicht die überraschende Systemänderung im Spiel gegen Island. Dadurch sollte eine Überzahl im Mittelfeld hergestellt werden. "Zu dem Zeitpunkt waren alle überzeugt, dass das eine gute Möglichkeit ist, wir konnten es auf dem Platz aber nicht so gut umsetzen", erklärte Koller.

In diesem Zusammenhang verwies der Trainer auf eine gute Chance für Marko Arnautovic und den vergebenen Elfmeter von Aleksandar Dragovic - allesamt herausgeholt noch vor der Rückkehr zum gewohnten 4-2-3-1 nach der Pause. Die Systemumstellung sei ebenso wenig eine Fehleinschätzung gewesen wie die Nominierung von formschwachen oder nicht topfitten Spielern. "Es gab auch keine Alternativen", sagte Koller und ergänzte, es werde auch künftig keine verpflichtenden Gespräche für Spieler mit Psychologen geben.

Ruttensteiner habe nach der EM jeden Mitarbeiter aufgefordert, in seinem Bereich eine Analyse durchzuführen. Die Ergebnisse analysierte der Sportdirektor mit dem Teamchef in einer zweitägigen Klausur in der Schweiz und präsentierte sie am Donnerstag dem ÖFB-Präsidium. "Dort hat es eine Diskussion gegeben", erklärte Windtner, der Bericht sei zur Kenntnis genommen worden.

Die Personalfragen

Personelle Konsequenzen schloss Windtner abermals aus. "Wir haben keine Ursache, am Personal zu rütteln. Tatsache ist, dass wir unsere Lehren ziehen wollen", sagte der ÖFB-Präsident. In der Zwischenzeit wurde auch der Vertrag von Ruttensteiner wie erwartet verlängert. Der Sportdirektor unterschrieb einen unbefristeten Kontrakt.

Für Sportdirektor Ruttensteiner war die Verfassung einiger Spieler im Vorfeld des Turnieres ein mitentscheidender Grund für das Vorrunden-Aus. "Marcel Koller hat das in Frankreich nie zum Thema gemacht. Aber in Summe haben acht Spieler Probleme ins Teamcamp mitgebracht. Jeder Teamchef in Europa ist davon abhängig, wie die Spieler zur Nationalmannschaft kommen. Sie kommen mit einem gewissen Rucksack zum Team. Dieser Rucksack war schwer", sagte Ruttensteiner.

Wichtige Spieler seien mit physischen und mentalen Problemen ins Trainingslager in der Schweiz gekommen, so Ruttensteiner. Als Beispiele nannte Ruttensteiner Aleksandar Dragovic und Marc Janko. Zu Dragovic sagte Ruttensteiner: "Er ist mit Knöchelproblemen gekommen. Wir haben ihn fit, aber bis zu den Spielen nicht in Bestform gebracht."

Janko habe vor dem Teamcamp fünf Wochen lang kein Meisterschaftsspiel bestritten. Dazu seien Spieler gekommen, die abgestiegen sind oder wenig Spielpraxis hatten, wie Martin Hinteregger, erklärte der Sportdirektor. Aus diesen Gründen sei der Kader nicht in Bestverfassung gewesen.

Dazu sei die hohe Erwartungshaltung gekommen. "Die Spieler haben es als ihre Verpflichtung angesehen, die hohen Erwartungen zu erfüllen, aber keine Erfahrung mit Großereignissen gehabt. Wir haben es verabsäumt, dieses Großereignis noch näher mit den Spielern aufzuarbeiten", sagte Ruttensteiner. Das sah er als einen der Fehler, den er sich und seinem Team ankreide.

Die Erwartungshaltung und die damit in Diskrepanz stehenden Leistungen hätten auch direkte Auswirkungen auf dem Feld gehabt, erklärte Ruttensteiner. "Wenn die Erwartungshaltung mit der Leistung in Diskrepanz steht, erzeugt das Stress. Der wirkt sich auf das zentrale Nervensystem aus und beeinflusst die Koordination. Die Mannschaft hat viele leichte Abspiel- und Stellungsfehler gemacht. Wir haben zu wenig getan, um diesem Stress entgegenzuwirken", sagte Ruttensteiner.

In der Organisation rund um die Spiele habe es noch zwei weitere Fehler gegeben, die sich negativ ausgewirkt hätten. Nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Portugal gab es aufgrund der Dopingkontrolle und dem Auftanken des Flugzeugs rund um einen Termin in der österreichischen Botschaft in Paris eine Verspätung, die sich auf zweieinhalb Stunden summierte. "Da wäre eine Übernachtung in Paris besser gewesen", sagte Ruttensteiner.

Der fantastische Tellerwurf

Und vor dem letzten Gruppenspiel gegen Island gab es aufgrund der Verkehrslage in Paris vor der Aktivierung am Vormittag einen ungeplant langen Aufenthalt im Bus. "Da hätte man die Aktivierung vielleicht woanders, etwa im Hotel, machen können", meinte Ruttensteiner. Die Gerüchte um einen angeblichen Tellerwurf im Teamcamp verwies Ruttensteiner ins Reich der Fantasie. "Ich war bei allen Essen dabei, das weise ich zurück", sagte Ruttensteiner.

Zudem habe es keinen Streit im Teamcamp gegeben. Dass die Stimmung nicht die beste gewesen sei, wenn man nicht gewinnt, sei auch klar.

Der Dank an die Fans

Ein Lob gab es sowohl von Ruttensteiner als auch Windtner für die mitgereisten österreichischen Fans. Die hohe Erwartungshaltung habe zu einer noch nie da gewesenen Fankarawane geführt, so Windtner. "Offiziell waren es gegen 50.000 Fans, inoffiziell wissen wir, dass es noch wesentlich mehr waren", sagte Windtner. "Ich möchte den österreichischen Fans danken, dass sie ein Bild von Begeisterung und Kultiviertheit abgegeben haben, so dass wir auch als Österreich stolz sein können", meinte der Verbandspräsident.

Finanziell blieb von dem Turnier trotz noch höherer Erwartungen bei einem möglichen Weiterkommen für den ÖFB ein Plus. "Das wird verwendet, um den österreichischen Weg und die Nachwuchsförderung fortzusetzen", sagte Windtner.

Der Neue mit der Binde

Nach der EM-Analyse richtete Teamchef Koller den Blick bereits auf die am 5. September in Georgien beginnende WM-Qualifikation. "Die Spieler brauchen einen Drive, sie sollen nicht genügsam sein oder denken, das geht schon von alleine", betonte der Schweizer.

Beim Spiel in Tiflis wird das ÖFB-Team von einem neuen Kapitän aufs Feld geführt. Christian Fuchs hat nach der Euro seinen Rücktritt vom ÖFB-Team bekanntgegeben. Wer die Nachfolger von Fuchs als Kapitän antritt, ließ Koller allerdings noch offen. Er habe "zwei, drei Ideen", wolle dies aber noch mit den Spielern besprechen, erzählte der Nationaltrainer.

Koller wurde laut eigenen Angaben von Fuchs bereits am Tag nach der Niederlage gegen Island von dessen Abschied aus der ÖFB-Auswahl informiert. "Er hat mir gesagt, er bringt das mit der Familie nicht mehr so hin", sagte der Coach über den Linksverteidiger, dessen Frau, Sohn und Stiefsohn in New York wohnen.

Koller bedauerte den Abgang des Niederösterreichers, den er einst von Mattersburg nach Bochum geholt hatte. "Das ist sehr schade, aber man muss es respektieren. Wir hatten immer einen guten Draht zueinander, und das wird weiter so bleiben."

Erster Anwärter für den nun vakanten Platz links in der Viererkette dürfte Ingolstadt-Legionär Markus Suttner sein. David Alaba agiert zwar bei den Bayern zumeist als Linksverteidiger, wird aber im Nationalteam wohl weiter im Zentrum zu sehen sein. "Er ist für uns im Mittelfeld extrem wichtig, da sehe ich ihn eigentlich auch weiterhin. Er kann Tore schießen und den letzten Pass spielen", meinte Koller.

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