"In zwei Wochen ist alles doch vergessen"

"In zwei Wochen ist alles doch vergessen"

"Gerald Asamoah, der dunkelhäutige deutsche U21-Nationalspieler Danny da Costa vom FC Ingolstadt ist am Sonntag in München übel rassistisch beleidigt worden. Sie sind einer der bekanntesten Anti-Rassismus-Botschafter. Wie haben Sie den Fall aufgenommen?"

Gerald Asamoah: "Der Fall hat mich schockiert, natürlich, es schockiert mich immer. Wenn man sich entschieden hat, in einem Land zu leben, gehört man dazu. Egal, mit welcher Hautfarbe, egal, ob man ein deutsches Trikot trägt oder auch nicht. Deshalb tut mir das sehr, sehr weh."

"Da Costas Mitspieler Ralph Gunesch hat den Fall bei Facebook an die Öffentlichkeit gebracht..."

Asamoah: "Ich war von Ralph sehr angetan, ich kenne ihn noch vom St. Pauli. Was Ralph macht, zeigt Zivilcourage. Ich finde es klasse, dass Danny zum Schiedsrichter geht und es eine Durchsage gab. Wenn wir immer nur einstecken, kann man nichts ändern. Wir dürfen nicht schweigen."

"Müsste solch ein Spiel in letzter Konsequenz abgebrochen werden?"

Asamoah: "Vom Spielabbruch halte ich nicht viel. Das sind immer wenige Leute, die diesen Mist machen. Die anderen Leute müssen wach werden. Das Spiel abbrechen, da leiden alle, man soll sich den Spaß von diesen Idioten nicht verderben lassen. Man muss Mumm zeigen und sagen: Er war das! Er gehört hier nicht rein, so geht es nicht! Die eigentlichen Fans bekommen das ja mit. Die Fans müssen Zivilcourage zeigen, sie müssen sagen: Was du da machst, ist nicht richtig."

"Kevin-Prince Boateng ist beim AC Mailand vom Platz gegangen. Das ist also nicht zu empfehlen?"

Asamoah: "Es ist eine Gefühlsentscheidung. Ich hatte auch selbst mal so etwas, habe aber weitergespielt. Mich hat das damals nur noch stärker gemacht, weil ich gezeigt habe, dass ich trotz dieser Rufe weiter Fußball spielen kann. Das muss jeder für sich selbst wissen."

"Aber solche Aktionen sensibilisieren die Öffentlichkeit. Das kann doch nur gut sein."

Asamoah: "Ja, jetzt reden wir darüber. Wie immer, wenn etwas passiert. Aber warum nicht immer? Diese Thematik ist immer da. Tun wir aber auch alle was dagegen? Nein! In zwei Wochen ist alles doch vergessen, da geht der Alltag wieder los. Man sollte das grundlegend bereden und nicht nur an Einzelfällen haften."

"Also: Was kann man tun?"

Asamoah: "Wir müssen jetzt die Kinder erreichen, unsere Zukunft, und ihnen sagen, dass so etwas niemals passieren darf! Da sitzt ein kleines Kind im Stadion und hört, was sein Vater ruft. Wie kann man das Kind erreichen? Den Vater, der ist Mitte Vierzig, den kann man nicht mehr umbiegen. Den Jungen müssen wir erreichen! Solche Leute haben doch eine Schraube locker. Die jungen Leute sind die Zukunft, da müssen wir ran."

"Das sagen sie aus eigener leidvoller Erfahrung. Sie haben das auch in Ihrem Buch beschrieben. 'Dieser Weg wird kein leichter sein'."

Asamoah: "Ja. Ich habe drei Kinder, die sollen nie das erleben, was ich erleben musste und muss. Das Schlimmste war für mich nach der WM 2006, als ich dachte, diese Zeiten sind vorbei. Wir lagen uns alle in den Armen. Dann ging es nach Rostock, und ich war wieder der Farbige. Ich wurde rausgepickt: Du gehörst nicht dazu! Das war echt richtig bitter. Deshalb werde ich auch immer über Rassismus reden - ich werde niemals den Mund halten."

"Es war für Funktionäre immer einfach, auf Italien und Osteuropa zu zeigen, wo Rassismus im Stadion an der Tagesordnung ist. Hätten Sie gedacht, dass so etwas in Deutschland nicht mehr möglich ist?"

Asamoah: "Wir haben das Jahr 2013, und wenn wir jetzt immer noch darüber reden müssen, ist das ein Schock. Das ist unglaublich! Da geht es auch gar nicht nur um Fußball."

"Sie sprechen Alltagsrassismus an."

Asamoah: "Im Stadion ist es schlimm. Da lassen alle nach der Arbeitswoche ihren Frust raus. Über Alltagsrassismus wird viel zu wenig geredet. Wir wissen gar nicht, wie es farbigen Menschen auf der Straße geht, die immer angepöbelt werden. Wie ist es, nicht in eine Diskothek reinzukommen, oder nicht bedient zu werden? Wie geht es den Afrikanern und den Menschen von den anderen Kontinenten, die in Deutschland nicht akzeptiert werden?"

"Welche Rolle kann der Fußball in diesem Kampf einnehmen?"

Asamoah: "Man muss Kinder erreichen, die in die Schule kommen, man muss Zeichen setzen, einen Tag gegen Rassismus organisieren, so etwas. Natürlich ist auch der Deutsche Fußball-Bund gefordert, aber ich weiß, dass er bereits sehr viel tut. Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass junge Menschen denken, so etwas wäre normal. Es ist alles besser geworden, es war früher sehr, sehr schlimm, aber es ist immer noch da.

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