Fußball-WM 2014: FIFA in der Nähe "mafiöser Machenschaften"

Fußball-WM 2014: FIFA in der Nähe "mafiöser Machenschaften"

Anlässlich der WM 2014 in Brasilien häuft sich die Kritik am Weltfußballverband FIFA und dessen Präsident Sepp Blatter. Die Verantwortlichen hinter der Fußball-Weltmeisterschaft gelten als korrupt; der Verein zahlt in der Schweiz kaum Steuern.

Die im Jahr 1904 gegründete Fédération Internationale de Football Association (FIFA) ist ein Verein Schweizerischen Rechts mit Sitz in Zürich, der heute 208 nationale Verbände angehören; am Hauptsitz sind derzeit 310 Mitarbeiter aus 35 Ländern tätig. „Das in ihren Statuten formulierte Ziel der FIFA ist die ständige Weiterentwicklung des Fußballs“, heißt es auf der Website des Vereins.

Durch diese Tätigkeit verdient der Verein viel Geld: Das Jahr 2013 wurde mit einem Gewinn von 53,15 Millionen Euro abgeschlossen. Vor der WM in Brasilien verfügte die FIFA über Reserven in Höhe von 1,06 Milliarden Euro. Für den Turnus 2015 bis 2018 plant der Weltverband mit einem Budget von 3,69 Milliarden Euro; davon kommen 1,69 Milliarden Euro aus Marketing- und Ticketing-Einnahmen, rund 2 Milliarden Euro kommen aus TV-Rechten. Die WM-Einnahmen 2014 belaufen sich auf 3,32 Milliarden Euro, nach Abzug der Kosten verbleiben 1,62 Milliarden Euro.

Kosten für das Volk – Gewinn für die Fifa

An Kritik gegenüber dem Verein mangelt es nicht – das wurde zuletzt an der Ablehnung der WM im eigenen Land durch die Fußball-Nation Brasilien deutlich: Nicht einmal jeder zweite Brasilianer steht der WM positiv gegenüber, besagt eine aktuelle Umfrage. Hauptgrund sind die exorbitant hohen Kosten für Stadien und Infrastruktur im kriselnden Schwellenland: Die Bürger wünschen sich Schulen und Krankenhäuser statt neuer Fußballstadien.


Proteste in Brasilien / Bild: © STRINGER Brazil / Reuters

„Es ist klar, dass der Staat die Kosten trägt, während die FIFA den Gewinn macht“, sagt Otmar Weiß, stellvertretender Vorstand des Instituts für Sportwissenschaft der Uni Wien. Das geht auf Kosten der Bevölkerung – zwar wird von Seiten der FIFA mit „Umwegrentabilität“ und dem langfristigen Nutzen für das Land durch den Ausbau von Verkehr und Telekommunikation argumentiert: „Das sind aber Nebeneffekte, die in keiner Relation zu den Gewinnen der FIFA stehen“, sagt Weiß.

Zudem kritisierten NGOs in Wien zuletzt die Verletzung von Menschenrechten im Gastgeberland Brasilien: Neun Menschen seien während der Bauarbeiten ums Leben gekommen; außerdem soll es Zwangsumsiedelungen von 250.000 Menschen gegeben haben. Straßenhändler mussten nach Vorgaben der FIFA für die Veranstaltung das Feld räumen und wurden somit ihrer Einkommensgrundlage beraubt.

Katar: Hitze und Tote

Doch Brasilien ist noch ein vergleichsweise kleiner Fisch im Vergleich zu dem, was Kritiker der FIFA bezüglich der geplanten WM 2022 vorwerfen, die in Katar stattfinden soll. Bei den Bauarbeiten sind bis Juni 2014 bereits 1200 Arbeiter ums Leben gekommen, kritisieren die NGOs. Meist handelt es sich bei den Opfern um Gastarbeiter, für die im Nahost-Land kein ausreichender arbeitsrechtlicher Schutz gilt. Auch hier explodieren bereits die Kosten für die Ausrichtung der WM – mal abgesehen davon, dass es geradezu absurd ist, in einem Wüstenstaat mit sommerlichen Temperaturen von weit über 40 Grad eine Fußball-WM austragen zu wollen.

Angesichts dieser Zustände liegt es nahe, Korruption zu wittern – und so ist es auch: Nach Eigenangabe der britischen „Sunday Times“ liegen dem Blatt Dokumente vor, laut denen im Dezember 2010 fünf Millionen Dollar Bestechungsgeld an FIFA-Funktionäre flossen.

Korruption in den 1990ern

Doch Korruption gibt es nicht erst unter dem amtierenden Präsidenten Sepp Blatter. Belegt ist etwa auch, dass sich der einstige FIFA-Präsident Joao Havelange und sein früherer Schwiegersohn Ricardo Teixeira in den Neunzigerjahren von der mittlerweile insolventen Marketingfirma ISMM/ISL bestechen ließen. Allein an Teixeira sollen zehn Millionen Euro geflossen sein; insgesamt sollen es über 100 Millionen Euro gewesen sein, mit denen Funktionäre geschmiert wurden.

Sepp Blatter soll einem Bericht des „Handelsblatt“ zufolge von den Zahlungen gewusst, sie aber nicht für strafbar gehalten haben: „Schließlich seien die Provisionen Ende der Neunzigerjahre sogar steuerlich absetzbar gewesen“, heißt es in dem Bericht aus dem Jahr 2012.

„Nähe zu mafiösen Machenschaften“

Da die FIFA dem Schweizer Vereinsrecht unterliegt, gelten für sie andere Transparenzregeln als für Unternehmen mit vergleichbaren Umsätzen – mal ganz abgesehen von den steuerlichen Vorteilen, die ein Verein genießt. „Ein Verein sollte uneigennützig arbeiten und keinen Gewinn erwirtschaften“, sagt Weiß: „Die FIFA ist aber abgerutscht in die Nähe mafiöser Machenschaften“. Den Vorwurf unterstreicht er mit einer Aussage Blatters, der die Fifa einst als „große Familie“ bezeichnet hatte.

Das Schweizer Vereinsrecht hält der FIFA dabei den Rücken frei: Zwar wurde es inzwischen novelliert; doch zuvor hatte es bereits ermöglicht, dass Verfahren gegen Funktionäre eingestellt wurden.

Spannungsfeld Sponsoren

Im Visier der Kritiker ist nicht nur die FIFA selbst, sondern auch deren Sponsoren. Horst Dassler, Sohn des Adidas-Firmengründers Adi Dassler, hat das Sportsponsoring quasi erfunden: Begonnen hat er 1956 damit, Sportschuhe bei der Olympiade zu verteilen; später machte er Sepp Blatter zum Fifa-Generalsekretär. „Adidas sind als Erste groß eingestiegen in die Fußball-Werbung“, sagt Weiß: „Und zwar aus rein ökonomischen Interessen – das hat zu den heutigen Auswüchsen geführt.“ NGOs verweisen bei jedem sportlichen Großereignis, das von Adidas finanziert wird, auf die Verletzung von Arbeits- und Menschenrechten bei der Produktion in Schwellenländern.

Andere Unternehmen machen Werbung in Verbindung mit Sport, um ihren ungesunden Produkten ein besseres Image zu verleihen. Der Softdrink-Hersteller Coca-Cola ist FIFA-Partner, die Fastfood-Kette McDonald’s ist ebenso Sponsor wie der Bierkonzern Budweiser. Diese Verbindung brachte den World Cancer Research Fund (WCRF) schon bei der WM 2012 auf den Plan: „Würde die FIFA mit gutem Beispiel vorangehen und verkünden, dass sie künftig keine Sponsoren akzeptiert, die für ungesunde Produkte stehen, könnte das der Gesundheit der Menschheit starken Auftrieb geben“, sagte Teresa Nightingale, Geschäftsführerin der Organisation.

Doch es geht nicht bloß um verpasste Chancen bei der öffentlichen Meinungsbildung – sondern auch um Lobbying zugunsten der Sponsoren: In Brasilien galt seit über einem Jahrzehnt Alkoholverbot im Stadion, als Reaktion auf gewaltsame Ausbrüche mit Todesfolgen; nun überredete die FIFA die Regierung, das Verbot aufzuheben – denn immerhin will Budweiser sein Bier verkaufen. Beobachter sind beunruhigt, dass der Verband die Gesetze eines Landes beeinflussen kann – und fürchten, dass das Verbot nach der WM nicht wieder eingeführt wird, was die Gefahr von Ausschreitungen zwischen radikalen Fans wieder verstärken könnte.

Frauenfußball? Kurze Höschen!

Wird sich die FIFA angesichts dieser zahlreichen Vorwürfe jemals ändern? Kolumnisten und Sportreporter zahlreicher Zeitungen sehen die aktuellen Entwicklungen als Chance für einen Richtungswechsel – vor allem die Fehler, die bei der Vergabe an Katar passiert sind, bringen Blatter nun ordentlichen Rückenwind. „Die Fehler bei Katar werden nicht bestritten“, analysiert Georg Spitaler vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien: „Die Frage ist, wer verantwortlich ist.“

Irgendwann wird der 78-jährige Blatter wohl in Pension gehen – und das würde laut Spitaler ermöglichen, den „altmodischen Männerbund“ durch jüngere Funktionäre aufzufrischen, die neue Management-Methoden verkörpern. Auch eine Frauenquote wäre eine Idee. Blatter selbst hatte 2004 Kritik geerntet, weil er die Sportbekleidung für Fußballspielerinnen „femininer“ gestalten wollte – das sollte neue Geldgeber, etwa aus der Kosmetik- und Modeindustrie, anlocken.

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