Falsches Spiel in der FIFA: Erpressung, Bestechung, Betrug, Festnahmen

Falsches Spiel in der FIFA: Erpressung, Bestechung, Betrug, Festnahmen
Falsches Spiel in der FIFA: Erpressung, Bestechung, Betrug, Festnahmen

Mindestens sieben enge vertraute FIFA-Funktionäre rund um FIFA-Präsident Sepp Blatter (Bild) wurden verhaftet.

Der Weltfußballverband FIFA durchlebt seine schlimmsten Tage. Einen Tag vor Beginn des FIFA Congress 2015 in Zürich, bei der auch der Präsident neu gewählt werden soll, wurden sieben ranghohe Funktionäre festgenommen. Die USA hat ein Auslieferungsersuchen gestellt. Es geht um Geldwäsche, Erpressung und Betrug über 100 Millionen Dollar. Die Schweizer Justiz ermittelt außerdem wegen der Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar und hat die Schweizer Konten der FIFA gesperrt.

Ungemütliche Zeiten wird es in den kommenden Wochen für viele Funktionäre des Weltfußballverbands FIFA geben. In Zürich wurden am Mittwoch in der Früh sechs Fußball-Funktionäre von der Exekutive aus den Betten geholt. Im Verlauf des Tages wurde noch einen siebenter Funktionär verhaftet. Ermittlungen gegen weitere Personen aus dem FIFA-Umfeld lafen auf Hochtouren. Insgesamt wird gegen 14 Personen, davon neun FIFA-Funktionäre ermittelt. Bei den fünf weiteren handelt es sich um Chefs von Sportmarketingunternehmen.

Die USA begehrt nun die Auslieferung der Verdächtigen, von denen vermutet wird, dass sie Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben. In New York wird neben der Annahme von Bestechungsgeldern auch hinsichtlich verdeckter Provisionen, Geldwäsche und Betrug ermittelt. Die verhafteten Funktionäre widersetzen sich allerdings der Auslieferung in die USA, wo ihnen Haftstrafen bis zu 20 Jahren drohen. Nun will die Schweizer Justiz die USA auffordern, formelle Auslieferungsgesuche stellen.

Der Vorwurf: Vertreter von Sportmedien und Sportvermarktungsunternehmen sollen gemäß Schweizer Justiz mit den FIFA-Funktionären gepackelt haben. Es sollen dabei Schmiergelder von über 100 Millionen Dollar geflossen sein. Die illegalen Zahlungen sollen von den Neunzigerjahren bis heute als als Gegenleistungen bei der Vergabe von Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte für Fußball-Weltmeisterschaften sowie der Vergabe von TV-Rechten für die USA und Lateinamerika geflossen sein.

Die Verdächtigen

Acht der neun FIFA-Funktionäre, gegen die ermittelt wird: Von links nach rechts: Obere Reihe: Jose Maria Marin, früherer Präsident der Football Confederation Brasilien; Rafael Esquivel, Präsident des Fußbalverbands Venezuela; Eduardo Li, Präsident von Costa Ricas Fußballverband; Nicolas Leoz, ehemaliger CONMEBOL Präsident (Südamerika). Untere Reihe: Julio Rocha, ehem. Fußball-Präsident Nicaragua; Eugenio Figueredo, früherer CONMEBOL Präsident; Jack Warner, früheres FIFA Vorstandmitglied und Jeffery Webb, Fußball-Präsident CONCACAF (Nord-, Zentralamerika, Karibik).

Im Verlauf des Mittwochs hat die Schweizer Justiz weitere Ermittlungen bekanntgegeben. So hat die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren eröffnet und Daten im FIFA-Hauptquartier sichergestellt. Die Staatsanwaltschaft hegt den begründeten Verdacht, es sei bei den Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katarder zu Unregelmäßigkeiten und unrechtmäßigen Bereicherungen gekommen. Zudem habe man Hinweise auf Geldwäsche über Banken in der Schweiz erhalten. Die Ermittlungen würden nicht gegen konkrete Personen laufen.

Spekulationen, dass FIFA-Präsident Sepp Blatter selbst zu den Beschuldigten zählt, hat FIFA-Sprecher Walter De Gregorio anlässlich einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz entschieden dementiert: "Er ist nicht involviert." Mit "Er" meinte der Sprecher Sepp Blatter. Kurz nach Mittag kam es noch dicker: Die Schweizer Ermittlungsbehörden haben eine Sperre über die Konten der FIFA vehängt. Über die Konten sollen die Bestechungsgelder geflossen sein sollen, teilte das Bundesamt für Justiz mit. Die FIFA kann somit nicht mehr über ihre Schweizer Konten verfügen.

Die Flucht nach vorne

"Es ist kein schöner Tag für die FIFA", meinte De Gregorio. "Es ist schlecht für das Image, aber es hilft und ist positiv in dem Sinne, um nun aufzuräumen." Der frühere englische Fußballprofi Gary Linecker kommentierte das FIFA-Desaster via Twitter dagegen mit den Worten: "Das ist das beste, das diesem schönen Spiel passieren konnte!"

Für De Gregorio ist die FIFA eine "beschädigte Partei", die mit den Ermittlern kooperiere. Er erklärte außerdem, dass die Kooperation der FIFA mit den Ermittlern wegen der Korruptionsvorwürfe bereits seit vier Jahren im Gang sei. Die Razzia in den frühen Morgenstunden habe auch die FIFA überrascht. Auch Blatter sei von der Staatsanwaltschaft nicht informiert worden.

FIFA-Sprecher Walter De Gregorio: "Kein schöner Tag."

De Gregorio kündigte an, dass der bisher in Safes verschlossene sogenannte "Garcia-Report" nun veröffentlicht werden soll. Mit diesem Report hat die FIFA bis zum Jahr 2014 intern zu den Korruptionsvorwürfen ermittelt. Bisher lautete die Sprachregelung der FIFA - unter anderem auch von Sepp Blatter - das nur Teile des Reports veröffentlicht werden sollten. Wann das sein soll, wurde bisher stets offen gelassen.

Hintergrund: Geldwäsche, Bestechung und Betrug

Die Ermittllungen gegen die FIFA und mehrere ihrer Funktionäre sind schon seit geraumer Zeit gelaufen. Der ehemalige US-Verbandschef Chuck Blazer und der frühere Blatter-Stellvertreter Jack Warner aus Trinidad und Tobago gehören zu Beschuldigten in diversen Korruptionsverdachtsfällen.

Warner hat seine FIFA-Ämter nach Korruptionsvorwürfen bereits im Jahr 2011 zurückgelegt. Im sogenannten "Integrity Report" hatte die FIFA damals festgestellt, dass Warner als Funktionär die FIFA und den CONCACAF (Anm.: den Fußballverband von Nord und Mittelamerika; 35 Landesverbände) um 26 Millionen Dollar betrogen haben soll. Warner hatte außerdem von der FIFA die TV-Rechte für die Übertragung der WM 2010 in Südafrika um 1 Dollar erstanden und diese Rechte anschließend um 4,25 Millionen Dollar weiterverkauft. Käufer war eine Gesellschaft mit Sitz auf den Cayman Island, an der Warner beteiligt sein soll.

Warner hat sich inzwischen in seinem Heimatland Trinidad und Tobago der Polizei gestellt. Er soll bald gegen die Zahlung einer Kaution in Höhe von 2,5 Millionen Dollar auf freien Fuß gesetzt werden, wie örtliche Medien am Mittwoch berichteten. Zunächst sei Warner aber noch in Gewahrsam geblieben, korrigierte die Zeitung "Trinidad Express" frühere Angaben. Der ehemalige FIFA-Funktionär müsse auch seinen Pass abgeben und sich zweimal pro Woche bei der Polizei melden. Der nächste Gerichtstermin findet im Juli statt.

Die vermuteten Straftaten seien in den USA vorbereitet und abgesprochen worden, schrieb das Schweizer Bundesamt unter Berufung auf das Verhaftungsersuchen. Auch seien Zahlungen über US-Banken abgewickelt worden. Die FIFA hat bis zum heutigen Tag weder eine Rückforderung noch Anzeige gegen Warner erstattet.

"UEFA zeigt der FIFA die Rote Karte"

Die Mai-Verhaftungen kamen nur zwei Tage vor der geplanten Neuwahl des FIFA-Präsidenten. Diese soll nach wie vor wie geplant am Freitag auf dem Congress in Zürich erfolgen. Insider vermuten allerdings, dass die Wahl nicht zustande kommen wird. Auch die europäische Fußballunion UEFA hat bereits gefordert, die Wahl zu verschieben.

Das UEFA-Statement im Wortlaut:

"UEFA zeigt dieser FIFA die Rote Karte"

"Die heutigen Vorfälle sind ein Desaster für die FIFA und beflecken das Image des Fußballs in seiner Ganzheit.

Die UEFA ist zutiefst erschüttert und betrübt.

Die Vorgänge zeigen, einmal mehr, dass Korruption in der FIFA-Kultur tief verwurzelt ist.

Es ist notwendig, dass ein "Neustart" der kompletten FIFA erfolgt und eine echte Reform durchgeführt wird.

Beim anstehenden FIFA-Kongress besteht die Gefahr einer Farce. Deshalb werden sich die europäischen Verbände genau überlegen müssen, ob sie überhaupt am Kongress teilnehmen sollen, um ein System zu verwarnen, welches - insofern es nicht gestoppt wird - den Fußball letztendlich töten wird.

Die UEFA-Mitgliedsverbände treffen sich morgen im Vorfeld des FIFA-Kongresses. Zu diesem Zeitpunkt werden die europäischen Verbände entscheiden, welche weiteren Schritte notwendig sind, um den Fußball zu beschützen.

Aktuell sind die Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees davon überzeugt, dass es zwingenden Bedarf für einen Führungswechsel in dieser FIFA gibt und dass der FIFA-Kongress verschoben werden sollte, um innerhalb der nächsten sechs Monate eine neuerliche FIFA-Präsidentschaftswahl zu organisieren."

Die FIFA-Wahl

Als großer Favorit für die Wahl galt trotz aller Anschuldigungen bis Mittwochfrüh der seit 1998 amtierende FIFA-Präsident Sepp Blatter. Es wäre Blatters fünfte Amtszeit in Folge. 209 Delegierte sind am Congress mit jeweils einer Stimme wahlberechtigt. Blatter soll 146 Stimmen bereits sicher haben. Im ersten Wahlgang gilt der Kandidat als gewählt, der zwei Drittel der Stimmen der Delegierten erhält - das sind 140 Stimmen.

Blatter soll jedoch seit Jahren von illegalen Machenschaften im Weltverband gewußt und diese sogar begünstigt haben. In Europa und Südamerika sehnt man daher das Ende der Ära Blatter herbei. Die beiden Verbände wollen auch geschlossen gegen Blatter stimmen. Sie sind damit jedoch alleine und haben nur 53 Stimmen (Europa), beziehungswiese 10 Stimmen (Südamerika).

Seit der Vorwoche hat Blatter mit Prinz Ali bin Al-Hussein aus Jordanien außerdem nur noch einen Gegenkandidaten. Prinz Al-Hussein hat nach den Festnahmen der FIFA-Funktionäre von einem "traurigen Tag für den Fußball" gesprochen. Mit Verweis auf den weiteren Verlauf der Untersuchungen und Maßnahmen sei es aber nicht angemessen, "zum jetzigen Zeitpunkt darüber hinaus" Kommentare abzugeben, hieß es in der Mitteilung des jordanischen Verbandschefs.

Die weiteren Kandidaten, der niederländische Verbandschef Michael van Praag und der frühere Fußballstar Lius Figo aus Portugal hatten ihre Bewerbungen bereits in den Wochen zurückgezogen. Van Praag meinte zu den aktuellen Ereignissen lediglich, es müsse in der FIFA aufgeräumt werden: "Der Fußball darf nicht mehr länger nur mit Korruption und Erpressung im gleichen Atemzug genannt werden."

Reicher Verband

Die FIFA gilt als reichster Sportverband der Welt. Allein im abgelaufenen Jahr 2014 soll der Verband mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien einen Gesamtumsatz in der Höhe von 3,3 Milliarden Euro erzielt haben. Unterm Strich soll die FIFA jährlich einen Gewinn von etwa 1,6 Milliarden Euro einstreifen. Die bisherige Bestmarke hat die FIFA mit der WM im Jahr 2010 in Südafrika mit rund 3,0 Milliarden Euro erzielt.

Geschäftszahlen werden von der FIFA nicht offiziell kommentiert. Hintergrund: Der Verband wird in der Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins geführt und unterliegt nicht den Veröffentlichungspflichten wie etwa Aktiengesellschaften oder GmbH. Die FIFA residert mit ihrem Hauptquartier in Zürich in einem neu errichteten Gebäude, dessen Bau 240 Millionen Franken gekostet haben soll.

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