"Die Wurstsemmel muss grauslich sein"

"Die Wurstsemmel muss grauslich sein"

Im Vorfeld zur Fußball-WM 2014 in Brasilien haben Florian Scheuba und Alfred Dorfer den Abend "Ballverlust“ erarbeitet. Ein Gespräch über Fußball im Wandel von der Proletengaudi zum Lifestyle-Event.

FORMAT: Fußball, die berühmteste Nebensache der Welt, eingebettet in einen Kabarettabend: Kann man mehr Aufmerksamkeit erzielen?

Florian Scheuba: Das Gegenteil ist der Fall. Viele Leute, die auf unser sonstiges Rollenfach, politische Satire und Gesellschaftskritik, stehen, haben gar nicht so viel für Fußball über. Wir wollen aber auch für Nicht-Fußballfans einen Mehrwert liefern. Man soll aus diesem Abend mit ein paar neuen Einsichten rausgehen.

Gibt es ein Wunschpublikum? Zum Beispiel Frauen, die für ihre Männer Tickets kaufen.

Alfred Dorfer: Wir wollen uns jedenfalls gegen das Klischee wehren, dass sich Frauen nicht für Fußball interessieren. Das hat sich doch stark verändert. Die Publikumsstruktur geht mittlerweile auch durch alle Altersklassen und sozialen Schichten.

Fußball ist großes Entertainment geworden - von der Proletengaudi zum Lifestyle-Event. Dazu hat sich auch ein neuer Fan-Typus entwickelt: Retrojacke, Hornbrille, selbstironisch, intelligent - Marke "reflektierter Auskenner“ …

Scheuba: Was dieses Hipstertum angeht, gibt es Sachen, die uns extrem auf die Nerven gehen. Eine Literatin hat etwa geschrieben, dass sie der Meinung sei, dass Spiele prinzipiell unentschieden ausgehen sollten und dass das Problem des österreichischen Fußballs die österreichische Männlichkeitskonstruktion sei. Ein anderer Literat hat gemeint, dass die Spanier verachtenswert sind, weil sie mit ihrem Spiel den Gegner verhöhnen …

Dorfer: … und ein Ö1-Journalist hat gemeint, dass Fußballfans Troglodyten sind - es gibt also einen Haufen Verirrter.

Da reden wir aber nicht vom Sportjournalismus …

Dorfer: … sondern von der Überheblichkeit der Pseudointellektuellen gegenüber Fußball.

Nach Ror Wolfs Fußballcollagen, Nick Hornbys Fantagebuch oder Klaus Theweleits Analysen hat auch die Kunst den Ball fix in ihr Programm aufgenommen: Fußball ist kulturell wie politisch aufgeladen.

Scheuba: Eine der Kernfragen des Abends! Wir erklären den Leuten, warum Fußball das ist, wo man alles über das Gute, das Wahre und das Schöne erfahren kann. Und das dekonstruieren wir natürlich. Aus den Trümmern bauen wir einen Fußball zusammen, der zweckfrei ist. Wir halten zwar die Versuche, dem Fußball einen höheren Zweck zu geben, für sehr ehrbar und rührend - aber man braucht das nicht. Beim Fußball ist mittlerweile alles durchkommerzialisiert: Spielergagen, TV-Rechte, teure Logen, verglaste Skyboxen. Parallel wird die Gruppe der Nostalgiker größer, die alles so haben will wie früher: Fußball mit verwegenen Kerls, laut, derb - selbst die Urinale sollen wieder stinken.

Dorfer: Und die Wurstsemmel muss grauslich sein. Das ist tatsächlich ein Trend.

Scheuba: Wenn ich bei Red Bull Salzburg im Stadion sitze und das Gefühl habe, ich bin in einer Kinderdisco, wo "La Boum - die Fete“ inszeniert wird, verstehe ich die Sehnsucht nach einer alten Stadionwelt. Ich verstehe das Bedürfnis. Ich möchte es aber nicht mehr verwirklicht haben. Ich sehne mich definitiv nicht danach zurück, beschossen zu werden oder Bier ins G’nack zu bekommen Durch die Kommerzialisierung ist Fußball ein familiäres Ereignis geworden. Heute kann man auch mit kleinen Kindern ins Stadion gehen. Genau in diesem Zwiespalt befindet sich aber auch der Fußball. Ist Fußball noch etwas, das von Vereinen gespielt wird, oder sind es Unterhaltungskonzerne? Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Was macht ein gutes Spiel aus?

Dorfer: Es gab einmal ein Vorrundenmatch zwischen Holland und Frankreich, da ging es um nichts mehr, aber das war Zirkus! Das waren 22 Künstler, die mit dem Ball Kunststücke zauberten, ein ästhetisches Erlebnis! Aber normalerweise macht ein wirklich gutes Match aus, dass der gewinnt, zu dem man hält. Man sitzt dann bei Austria gegen Ried bei minus sechs Grad mit kalten Zehen und einem schlechten Tee und fragt sich kurz, warum. Aber etwas anderes dürfte stärker sein.

Was genau?

Dorfer: Wir sehen das als Leidenschaft, als Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte ohne Sex, drum hält die ja auch ein Leben lang.

Scheuba: Genau. Weil: Verein wechseln geht gar nicht.

Florian Scheuba ist Rapid-Fan, Alfred Dorfer Austrianer. Was hat Sie jeweils dazu gemacht?

Scheuba: Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es frühkindliche Prägung ist. Wir sind Fußballgraugänse. Mein Papa hat ja selber beim SAK in der Staatsliga gespielt und hat so für mich Fußballkompetenz verkörpert.

Dorfer: Ich habe ein Konvolut an Sinneseindrücken dazu. 1967, als der Großvater mich auf der Hohen Warte zum Fußball gebracht hat, war das eine Initialzündung! Ein Großfamilienersatz. Man war als Bub unter lauter Männern - damals war es noch nicht üblich, dass viele Frauen im Publikum waren. Eine große Bubengruppe also, die sich mit einer gewissen Nonchalance der Sprache, die ich bis dahin so nicht kannte, in einer gemeinsamen Welle vergisst. Das ist auch eine Freiheitsgeschichte. Um Fußballfan zu sein, muss man nichts können und sich nicht vorbereiten. Mir ist auch jeder lieber, der sagt: "Mir geht Fußball am Arsch vorbei“, als all die Auskenner. Die sind eine Pein.

Scheuba: Beim Fußball gibt es ohnehin nicht die eine Wahrheit. Das ist wie bei der Musik: Wenn Gabalier-Fans neben jenen von Mozart oder Stockhausen sitzen, kann man sich vorstellen, dass da unterschiedliche Sichtweisen aufeinander prallen. Man lebt in der Zugangswelt, für die man sich Parameter aufgestellt hat. Wir beide sind der Meinung, dass Tiki-Taka-Fußball schön anzusehen ist, ein ästhetisches Vergnügen. Es gibt aber Fans, die das "Geschiebe“ nicht wollen, für die nur Action und die weite Flanke Richtung Tor zählen. Das ist ein anderer Zugang. Da braucht man gar nicht streiten.

Kann ein Match auch ein Genuss sein?

Scheuba: Auf jeden Fall. Vielleicht nicht immer, wenn man in Österreich zuschaut. Obwohl, der Guido Burgstaller kann herrlich dribbeln, wenn der schießen auch noch könnte …

Dorfer: … Wäre er nicht bei Rapid.

Spielt einer von Ihnen noch ab und zu selber?

Dorfer: Das ist sehr gefährlich. Wenn man als Mann jenseits der Lebensmitte in diesen hochriskanten Bewegungsablauf wieder einsteigt, ist bis zum Meniskusriss alles drinnen. Das wäre für unseren Hauptberuf nicht so gut.

Bei der WM ist Österreich nun nicht dabei.

Dorfer: Es war knapp.

Scheuba: Die Raunzermentalität ist Teil des Programms: Die Österreicher machen sich immer klein. Das ist unser seltsames Selbstbewusstsein: In Österreich gibt es Selbstüberschätzung oder Minderwertigkeitskomplex. Die Grundhäme gegenüber Fußball ist aber viel größer. Beim Fußball sind wir schlecht, beim Skifahren sind wir super. Würde man einen Skifahrer so verarschen wie unsere Fußballer, gäbe es einen Volksaufstand. Die gelten als heilig.

Dafür werden Fußballer gefeiert wie Popstars, Fußball ist ein Stück Popkultur geworden, Spieler wie David Beckham sind zu Lifestyle-Ikonen mutiert und prägen auch das Männerbild.

Scheuba: Die Nationalspieler der 70er-Jahre haben in der Tat lustig ausgeschaut.

Dorfer: Da hat der Fußballer keine singuläre Stellung, die Politiker aus der Zeit waren auch nicht schön.

Scheuba: Die Fußballer funktionieren heute globalisiert. Ein Ronaldo-Leiberl kaufen sich die Kids in Polynesien genauso wie in Rudolfsheim.

Was hat sich denn im Bezug auf die Reizthemen "Alkohol“ und "Homosexualität“ geändert?

Scheuba: Offene homophobe Äußerungen wie einst von Herrn Baric gingen heute nicht mehr.

Dorfer: Einige Dinge sind in den Umgangsformen einfach anders geworden: der kettenrauchende Trainer mit Bierbauch ist heute undenkbar, der moralische Dresscode funktioniert. Seltsamerweise haben andere Dinge wie Wettskandale, Korruption und Geldgier zugenommen.

Scheuba: Es herrscht aber auch eine Idealisierung des Fußballers von früher, einer wie der George Best, der über die Maßen feiert, könnte heute nicht mehr überleben. Weil das Tempo schneller geworden ist und die Athletik größer. Man kann sich heute eine Karriere erarbeiten.

Gibt es das Thema "Frauen und Fußball“ im Programm, oder kommen Frauen nur als Fußballerfrauen vor?

Scheuba: Weder noch: Ich bin sogar der Meinung, dass Frauen genauso gut einparken können wie Männer. Und nicht nur gerne Fußball schauen, weil sie die Typen so fesch finden und die Waden so stramm …

Dorfer: … und den Bewegungsablauf so schön, wie wenn man ein Pferd beobachtet …

Sind Sie Fans von Fanartikeln?

Dorfer: Ich trage höchstens einen Schal. Aber wir wollten zwei sehr peinliche Sachen für die Show - zwei überdimensionale Fanhüte - das findet man in den Fanshops gar nicht mehr. Dafür gibt es einen Rapid-Stringtanga oder einen Austria-Hundenapf.

Scheuba: Daran ist wohl auch der Beckham schuld.

Wie schaut es mit der WM-Vorbereitung aus?

Scheuba: Wir haben beide schon ein Pickerlalbum. Und die Programmtermine wurden so gelegt, dass wir die wichtigen Matches schauen können.

Ihre WM-Favoriten?

Dorfer: Wir würden uns über Spanien freuen. Ich halte aber auch zu England, die spielen zwar nicht schön,

Scheuba: … aber das Herz ist gut.

"Ballverlust“, Rabenhof

Florian Scheuba und Alfred Dorfer präsentieren sich als "Männer der Aufklärung“ und präsentieren in ihrem "Bekenntnis-Abend“ Fakten, die Fußballkenner überraschen werden, aber auch Nicht-Anhänger des runden Leders unterhalten.Neben den Satirikern auf der Bühne: zwei Originalsessel aus dem Klagenfurter Stadion und zwei überdimensionale Fanhüte. Rabenhof, Premiere: 12. Mai., 20 Uhr.

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