Fußball WM 2014 in Brasilien: Football's coming home

Fußball WM 2014 in Brasilien: Football's coming home

Vor dem Ankick der FIFA Fußball WM 2014 am 12. Juni in São Paulo ist FORMAT stolz, den WM-Hype mit einem exklusiven Outing befeuern zu dürfen: Marcel Koller ist ein Brasilianer! Nicht so sehr, was seine Geschmeidigkeit beim Hüftkreisen, seine Zügellosigkeit im Karneval oder seinen Caipirinha-Konsum betrifft, sondern seine Vorstellung von ultimativer Fußballkunst.

Ohne Brasilien wäre er nie Fußballer geworden - und in weiterer Konsequenz nicht beliebtester Schweizer in Österreich. Der 53-jährige ÖFB-Teamchef fabriziert einen gedanklichen Rückpass: "Für die WM 1970 hat sich mein Vater extra einen Farbfernseher gekauft. Brasilien mit Pelé hat mich sofort fasziniert. Ich bekam ein Brasilien-Trikot, mit dem ich mich auf dem Balkon zu Hause in Zürich stolz fotografieren habe lassen. Nach dem 4:1 im Finale gegen Italien - ich war damals ein zehnjähriger Straßenfußballer - entschied ich mich, einem Verein beizutreten."

Brazil, what else?

2700 Kilometer entfernt, auf der Atlantikinsel Madeira, holte sich ein Bub ebenfalls den Kick fürs Leben. Sein Name: Ronaldo. Fasziniert starrte der heutige Weltfußballer und Champions-League-Sieger beim WM-Endspiel 1994 in die Glotze. Wie bei Koller, 24 Jahre davor, hieß es: Brasilien gegen Italien. Und wie beim Schweizer waren auch beim Portugiesen die Sympathien klar verteilt: Brazil, what else?

Brasilien, der Rekordweltmeister, hat Abermillionen Fußballinteressierte von Koller bis Ronaldo inspiriert und tut es noch immer. Brasilien als Sehnsuchtsziel für Aficionados und Talente funktioniert am besten als Kopfkino: Einmal so beschwingt-kreativ zaubern können und dabei so locker in den Hüften wirken wie die vielbesungenen Girls from Ipanema.

Schon irgendwie witzig, dass ausgerechnet die als kühl verschrieenen Briten das Fußballspiel nach Brasilien brachten: Charles William Miller, Sohn eines eingewanderten Eisenbahningenieurs aus Schottland, hob 1893 in São Paulo die erste Fußballschule aus der Taufe. Seine geschäftstüchtigen britischen Freunde in Rio gründeten die ersten Klubs, darunter die erbitterten Derby-Kontrahenten Flamengo und Fluminense ("Fla-Flu"). Englisches Fair Play schien von den Gründervätern freilich nicht mitimportiert worden zu sein: Mischlinge und echte "schwarze Perlen" waren höchst ungern auf dem Rasen gesehen, und schon gar nicht in der Nationalmannschaft ("Seleção"). Die herrschende weiße Oberschicht spielte lieber ihr eigenes - schmutziges - Spiel.

Den Durchbruch von Arthur Friedenreich, Sohn eines emigrierten Deutschen und einer brasilianischen Wäscherin, konnten die Rassisten allerdings nicht verhindern. Nur aufgrund seiner deutschen Herkunft hatte er als erster Nichtweißer für Brasilien dribbeln dürfen. Und wurde, von Europa nahezu unbemerkt, erster echter Superstar in Samba Country: Der Stürmer, der sich mitunter mit Mehl im Gesicht einen weißen Anstrich geben musste, ballerte sich zwischen 1910 und 1930 zum sagenhaften Output von 1329 Toren in 945 Spielen.

Ein Friedenreich macht aber noch keinen Sommer. Es sollte dauern, bis Brasilien als große Nummer auf der Fußballlandkarte einschlug. Für die Heim-WM 1950 war alles angerichtet - im entscheidenden letzten Spiel gegen Uruguay hätte vor der Rekordkulisse von 200.000 Zuschauern schon ein Remis zum Premierentitel gereicht. Allein: elf Minuten vor Schluss killte der südamerikanische Rivale mit dem 2:1-Siegestor durch Alcides Gigghia die ausgelassene Faschingsstimmung in der frisch eingeweihten Fußballkathedrale Maracanã.

Die weißen Dressen der Brasilianer wurden ein Fall für die Altkleidersammlung. Sie hatten für ewige Zeiten ausgedient, nicht aber die Klagen über das "Trauma" oder den "Fluch" der Niederlage. Dankenswerterweise ist der aktuelle Teamchef, Luiz Felipe Scolari, der 2002 in seiner ersten Ära immerhin schon Brasiliens fünften Titel eingefahren hatte, kein Freund von Schauermärchen: "Die Spieler von damals waren doch Wegbereiter aller unserer bisherigen Erfolge. Das gehört doch wertgeschätzt!"

Einen Star von damals, Zizinho, würde man heute im selben Atemzug nennen wie Pelé, hätte es nicht dieses 1:2 gegeben. Obwohl der fabelhafte Stürmer zum besten Spieler des Turniers geadelt wurde, blieb er doch als einer der Gescheiterten von 1950 in den Köpfen der Fans haften. Über ein halbes Jahrhundert, bis zu seinem Tod mit 80, würde er am Jubiläumstag der Pleite - ein 16. Juli - nicht das Telefon abheben, "weil mich sonst den ganzen Tag Menschen aus dem ganzen Land gelöchert hätten, warum wir damals die WM verloren haben."

Die goldenen Jahre

Doch bald war Brasilien nicht mehr aufzuhalten. Der flüssige, artistische, atemberaubende Spielstil, den Brasilien bei der WM 1938 erstmals auf der großen Bühne präsentierte , sollte reichlich mit Trophäen belohnt werden. Auf Zizinho folgte Edson Arantes do Nascimento, der Größte aller Zeiten. Mit 17 verzückte der Bub aus Três Corações erstmals bei der WM 1958 in Schweden die Welt -und läutete die goldenen Jahre ein. Mit dem krummbeinigen "kleinen Vogel" Garrincha an seiner Seite flatterte der Überflieger in ungeahnte Sphären.

Mit Pelé wurde die Seleção dreimal Weltmeister, 1958,1962,1970, und er selbst Synonym für Fußballgott. Einer der italienischen Finalverlierer von 1970, der Verteidiger Tarcisio Burgnich, hatte sich auf legendäre Art vor dem Genie verneigt: "Vor dem Endspiel sagte ich mir, dass Pelé auch nur aus Fleisch und Blut wäre, wie wir alle. Aber ich musste einsehen, dass ich falsch lag."

Brasilien stand nun ultimativ für Spektakel de luxe. Für das Joga Bonito, das schöne Spiel. Für Futebol-Arte, die hohe Kunst des Fußballs. Ab sofort verblasste jede Art, Fußball zu spielen, die nicht dem Rhythmus Brasiliens entsprach. Das Land schien ohne Ende Stars von den Palmen zu schütteln. Ein tausendfaches Déjà-vu stellte sich beim Bummeln irgendwo im Lande ein: Jeder ist mit dem Ball per Du. Am Strand, in der Favela, in der Halle. Jeder ein Mini-Pelé mit Tagträumen vom sozialen Aufstieg. Egal, ob dick, dünn, winzig oder groß. Ballgefühl wie angeboren. Die Kugel tanzte in der Luft und schien erst Stunden später wieder den Boden zu küssen.

Ganz oben auf der Spielerpyramide bildeten sich denkwürdige Teams. Bei der WM 1982 zum Beispiel jenes mit Zico, Sócrates, Toninho Cerezo und Falcao. Oder das Team von 1986, ebenfalls zum Zungenschnalzen. Aber die Titel vier (1994) und fünf (2002) holte eine Seleção, die einen viel pragmatischeren und nüchternen Zugang zum Spiel hatte als ihre Vorgänger. Kälter, taktischer, weniger tropisch.

Die aktuelle Auswahl, die unter dem Codenamen "Operation Hexa" ihren 192 Millionen Landsleuten den sechsten Titel schenken will, erinnert Kiebitze, unabhängig von allen taktischen Fortschritten und einer bärenstarken Abwehr, wieder an die unbeschwerten, künstlerisch wertvollen Auftritte in den 70ern. Breno Lago, Journalist aus São Paulo: "Ich sehe unsere Spieler lachen und Spaß haben. So als würden Neymar und seine Bande auf der Straße tricksen ." Auch das kultige Kraftpaket Hulk wähnt sich in der guten alten Zeit: "Es fühlt sich an, als würden wir mit vier Mann stürmen -Oscar, Neymar, Fred und ich. Wo gibt's das noch?"

Aber außerhalb der Stadien existiert die heile Welt nicht mehr. Oder war es eine Fehlinterpretation, dass die Seleção einst mit "Nation in Fußballschuhen" übersetzt wurde? Der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato: "Jahrzehntelang glaubte man, dass Fußball die nationale Einheit fördere, Reiche und Arme, Schwarze und Weiße, Indianer und Mestizen zusammenschweiße. Heute wird offenbar, dass sich die Kluft kaum verändert hat und Brasilien eines der ungerechtesten Länder der Welt ist."

Gereizte Stimmung

Angesichts der sozialen Schieflage, der Vernachlässigung von Bildungseinrichtungen und allgemeiner Infrastruktur zugunsten der 20. WM kommt es seit der WM-Generalprobe vor einem Jahr, dem Confed-Cup, immer wieder zu teils gewalttätigen Protestmärschen. Auch mit der schleppenden Organisation des Megaevents und der buchstäblich vielen Baustellen machte sich Brasilien keine neuen Freunde. Brasiliens WM-Rekordtorschütze Ronaldo, Galionsfigur des Organisationskomitees, räumte erst kürzlich ein, dass er sich dafür "schäme".

Die gereizte Stimmung wird bei dieser zweiten Heim-WM Brasiliens den Druck auf die Seleção noch zusätzlich erhöhen. Niemand mag sich vorstellen, was passieren könnte, falls die Gelb-Grün-Blauen früh ins Gras beißen. Unter normalen Umständen würde das Riesenland für ein paar Tage in die große Depression kippen, um sich dann gedanklich aus dem Turnier zu klinken und wieder zur Tagesordnung überzugehen. Im Brasilien des Jahres 2014 sollte man auf dieses Szenario eher keine Wetten abschließen.

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