Risiko Zinsflaute – Betriebsrenten als Zeitbombe

Risiko Zinsflaute – Betriebsrenten als Zeitbombe

Anfang September zieht die Lufthansa die Reißleine. Die Finanzierung der Betriebsrenten für die 60.000 Mitarbeiter in Deutschland wächst der Fluggesellschaft über den Kopf. Lufthansa-Manager Peter Gerber kündigt den Tarifvertrag, in dem die Renten festgelegt sind. Nun droht Ärger mit den Gewerkschaften. Doch für den Personalchef der Passagiersparte steht fest: "Für uns steigen die Belastungen stetig."

Allein 2012 steckte die Lufthansa 260 Millionen Euro in die Altersversorgung der Mitarbeiter - die Hälfte des operativen Gewinns. Ein erfahrener Flugkapitän kann mit 4000 Euro Betriebsrente im Monat rechnen. Dass Piloten und Stewardessen in der Vergangenheit schon mit 55 in Rente gehen konnten, verschärft die Lage noch. Denn die Zeit bis zur gesetzlichen Rente wird von der Lufthansa überbrückt.

Mit dem grundsätzlichen Problem ist die Fluggesellschaft nicht allein. "Die niedrigen Zinsen machen Pensionszusagen für die Unternehmen teuer", sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IdW) in Deutschland. "Sie müssen darauf achten, dass die Risiken beherrschbar bleiben." Je länger die Zinsflaute anhält, desto drängender wird das Problem, denn dadurch steigen die Kosten und die Rückstellungen für die Rentenversprechen. Das kann zu einer unbeherrschbaren Zeitbombe werden. Joe Kaeser, damals Siemens -Finanzvorstand und heute Vorstandschef, sprach schon vor einem Jahr von einer "ernsten Herausforderung" durch die Betriebsrenten. "Wir befassen uns damit intensiv." Kurz: Das Thema brennt unter den Nägeln.

Als die Lufthansa nach der Privatisierung in den 90er Jahren ihre Betriebsrenten-Formel aufstellte, hatte sich niemand vorstellen können, dass sich die sechs bis sieben Prozent einmal kaum mehr erwirtschaften ließen, mit denen man kalkuliert hatte, wie Gerber sagt. Deshalb will die Lufthansa die festen Betriebsrenten nun durch ein System ersetzen, in dem das Risiko niedriger Zinsen auf die Mitarbeiter abgewälzt wird. Der Arbeitgeber garantiert nicht mehr die Rente, sondern nur noch den monatlichen Beitrag, den er in einen Pensionsfonds einzahlt. "Wenn sich die Zinsen besser entwickeln, bekommen sie mehr Geld - wenn sie sich schlechter entwickeln, weniger", sagt Gerber. "Beitragsorientierte Zusage" heißt das im Fachjargon.

Mehr als die Hälfte der 30 Dax-Unternehmen hätten schon auf solch ein System umgestellt, rechnet die Lufthansa vor. Bei einigen müssen sogar die Alt-Arbeitnehmer Abstriche machen. "Die Kosten für Festzins-Zusagen sind seit dem Jahr 2000 vor allem wegen der niedrigen Zinsen in vielen Fällen um mehr als 50 Prozent gestiegen", erläutert Experte Thomas Jasper von der Unternehmensberatung Towers Watson.

Doch wer an den Betriebsrenten rüttelt, läuft Gefahr, sein Image als Arbeitgeber zu untergraben. "Ohne Schutz vor den Risiken der Kapitalmärkte verspielt die betriebliche Altersvorsorge einen Teil ihres Mehrwerts für die Mitarbeiter", warnt Peter Schwark, Geschäftsführer beim Versicherer-Verband GDV, der eine Doktorarbeit über Betriebsrenten geschrieben hat. Neueinsteiger müssten mit deutlich niedrigeren oder schwerer kalkulierbaren Renten rechnen. Dabei ist die Aussicht, im Alter nicht nur von der schmalen gesetzlichen Rente leben zu müssen, für viele ein Grund, ihrem Arbeitgeber die Treue zu halten, wie Towers Watson in einer Studie herausgefunden hat. Noch vor der Riester-Rente oder der Lebensversicherung gilt die Pension vom Arbeitgeber als zweitwichtigste Einkommensquelle nach dem Arbeitsleben.

Hoffnung auf steigende Zinsen

Ein heißes Eisen also. Deshalb will etwa der Autobauer Daimler keine Abstriche an der Altersversorgung für seine 275.000 Mitarbeiter machen. "Wir planen derzeit keine Anpassungen bei der Betriebsrente", sagt eine Sprecherin. In den vergangenen beiden Jahren habe Daimler 3,1 Milliarden Euro in seine Pensionsfonds gesteckt. Trotzdem ist seit 2011 - rein rechnerisch - das Loch in der Bilanz um gut 50 Prozent auf 9,7 Milliarden Euro gewachsen. Wirtschaftsprüfer sprechen von "ungedeckten Pensionsverpflichtungen", also den Zusagen, für die noch kein Vermögen aufgebaut worden ist. Hierfür müssen Rückstellungen gebildet werden. Das ist nur so lange kein Problem, wie ein Unternehmen satte Renditen erwirtschaftet.

In der Bilanz steht der Barwert der gesamten Pensionsverpflichtungen - also der Betrag, den das Unternehmen heute auf die hohe Kante legen müsste, um später mit Hilfe der aufgelaufenen Zinsen die Betriebsrenten zahlen zu können. Bei Daimler sind das knapp 24 Milliarden Euro, mehr sind es nur bei Siemens (33 Milliarden Euro) und Volkswagen (31 Milliarden). Je niedriger sich das Geld verzinst, desto höher werden der Barwert und damit die Lasten. Milliarden, die für Investitionen oder Dividenden fehlen.

Nach dem internationalen Bilanzstandard IFRS müssen die Unternehmen heute schon mit nur noch 3,5 Prozent Verzinsung kalkulieren - vor wenigen Jahren waren es noch mehr als fünf Prozent. Sinkt der Zinssatz um einen Prozentpunkt, steigt der Wert der Pensionszusagen um 10 bis 20 Prozent, so die Faustregel der Wirtschaftsprüfer. "Und je jünger die Belegschaft im Schnitt ist, desto gravierender kann diese Veränderung sein", sagt IdW-Chef Naumann. Denn dann dauert es entsprechend länger bis zur Auszahlung.

Mehr als zehn Prozent Rendite

Nach dem deutschen HGB-Bilanzstandard sinkt der Zinssatz in diesem Jahr auf rund 4,91 von 5,04 Prozent, in den nächsten Jahren geht es unaufhaltsam Richtung vier Prozent. Die Rückstellungen steigen, der Gewinn sinkt - und das knabbert an der Dividende, die deutsche Unternehmen immer noch aus dem HGB-Gewinn zahlen müssen. Das Steuerrecht verschärft die Lage noch. Denn für die Steuererklärung müssen die Unternehmen weiter mit sechs Prozent rechnen - sie zahlen also oft Steuern auf Gewinne, die nur auf dem Papier stehen. Geld, das zum Ansparen der Betriebsrenten fehlt. "Das sollte der Gesetzgeber ändern", fordern die Wirtschaftsprüfer daher.

Dabei sind sechs Prozent nicht völlig unrealistisch, wenn man auf die Renditen schaut, die Dax-Unternehmen zuletzt erwirtschaften konnten. Die Aktien-Rally gab ihnen Rückenwind - 10,3 Prozent Rendite auf das Renten-Vermögen standen im Schnitt 2012 nach der Studie von Towers Watson zu Buche, doppelt so viel wie erwartet und deutlich mehr als 2011 mit 3,9 Prozent. Experten befürchten aber, dass die Rendite-Kurve in Zukunft nach unten geht. Die Pensionsfonds der Unternehmen dürfen mutiger anlegen als etwa eine Lebensversicherung. 60 Prozent haben sie im Schnitt in festverzinsliche Wertpapiere und 22 Prozent in Aktien gesteckt.

Viele Dax-Konzerne sehen in den Pensionsverpflichtungen nur ein bilanzielles Thema: "Da die Renten-Cashflows gleich bleiben, ergeben sich bei BASF keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Finanzierung der betrieblichen Altersvorsorge", beschwichtigt der Ludwigshafener Chemiekonzern als Antwort auf eine Reuters-Umfrage. Die nächsten Jahre seien keine zusätzlichen Kosten zu erwarten. So argumentiert auch ThyssenKrupp.

Eine Wette auf die Zukunft

Doch viele Unternehmen haben nur für einen kleinen Teil der Pensionsverpflichtungen Geld beiseite gelegt - bei ThyssenKrupp etwa nur für 21 Prozent davon, wie aus den Daten von Towers Watson hervorgeht. Bei den 30 Dax-Unternehmen zusammen standen Ende September 312 Milliarden Euro Pensionsrückstellungen in der Bilanz nur 192 Milliarden Euro gegenüber, die sie tatsächlich angelegt hatten. Ein legitimes Vorgehen - anders als etwa in den USA oder in Großbritannien, wo alle Betriebsrenten über Fonds ausfinanziert werden müssen. Wenn die Eigenkapitalrendite im operativen Geschäft höher ist als der Zins am Kapitalmarkt, ist die Zahlung der Pensionen aus dem laufenden Geschäft betriebswirtschaftlich sogar vernünftig.

"Eine externe Finanzierung der Pensionsverpflichtungen, etwa über eine Pensionskasse oder einen Fonds, ist nicht besser oder schlechter als die Finanzierung aus dem laufenden Geschäft - so lange das auch in Zukunft genügend abwirft", sagt IdW-Chef Naumann. Das heißt aber auch: Sie ist eine Wette auf eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens. GDV-Geschäftsführer Schwark hält das für riskant, auch weil die Pensionäre immer älter werden. "Denn dann müssen die künftigen Mitarbeiter die Betriebsrenten für eine steigende Zahl an Rentnern miterwirtschaften."

Im schlimmsten Fall könnten Pensionslasten den Niedergang einer Firma noch beschleunigen. "Arbeitsplätze könnten in Gefahr geraten, wenn das Unternehmen schrumpft oder der eigene Markt wegbricht, und es die steigenden Pensionslasten nicht mehr aufbringen kann", sagt Schwark. Für Towers-Watson-Experte Jasper ist das Verhältnis der Pensionsverpflichtungen zum Eigenkapital oder zum Firmenwert ein Indikator, ob die Last möglicherweise zu schwer wird. Den Strumpfhersteller Kunert hatten Betriebsrenten in die Pleite gerissen, weil die heute schmale Belegschaft im Allgäu Heerscharen längst verrenteter Strickerinnen nicht mehr finanzieren konnte.

Umdenken bei der Telekom

Bei einigen Unternehmen hat daher ein Umdenken begonnen. Die Deutsche Telekom hat 2010 damit angefangen, die Kapitaldeckung ihrer Pensionsverpflichtungen auf 50 Prozent zu erhöhen, "um eine ausgewogene und nachhaltige Finanzierung für die Betriebsrenten aufzubauen". Bisher steht hinter 81 Prozent der neun Milliarden Euro an Rückstellungen nur die Zuversicht, dass der Gewinn auch in Zukunft reicht, um die Betriebsrentner zufrieden zu stellen - so groß ist der Anteil der ungedeckten Pensionsverpflichtungen bei keinem anderen Dax-Unternehmen.

Die Deutsche Post hat sich einen Bilanztrick zunutze gemacht. Knapp eine Milliarde des 9,7 Milliarden Euro umfassenden Pensionsvermögens besteht aus Immobilien, die die Post selbst nutzt. Solche Abhängigkeiten können gefährlich sein. Wie gefährlich, zeigt das Beispiel Arcandor. Der Versandhandels- und Kaufhauskonzern (Karstadt, Quelle) hatte nicht nur ganze Tochtergesellschaften, sondern auch die eigene Verbraucherkredit-Bank an den eigenen Pensionsfonds verpfändet. Als Arcandor in die Pleite stürzte, ging dem Pensionsfonds mit Verzögerung ebenfalls das Geld aus.

Doch die Karstadt-Betriebsrentner kamen glimpflich davon. Denn für solche Fälle gibt es den Pensionssicherungsverein in Köln. 51 deutsche Versicherer stehen dahinter. Im Schnitt 3,2 Promille ihrer Pensionsrückstellungen zahlen 93.000 deutsche Unternehmen dort als Beitrag im Jahr ein. 2009, nach der Arcandor-Pleite, war der Beitrag fast fünf Mal so hoch. 18,9 Milliarden Euro an Renten hat der PSV in den 38 Jahren seines Bestehens bereits ausgezahlt.

Eine Alternative, vor allem für Mittelständler, ist die Auslagerung der Pensionen an eine Versicherung, die auch das Risiko übernimmt, dass die Betriebsrentner älter werden als geplant. Oder zumindest eine Rückdeckung der Pensionszusagen über eine Versicherung. "Aber diese Umstellung kann sehr teuer werden, weil die Zusagen dann ausfinanziert werden müssen", sagt Arbeitsrechtsexperte Michael Braun von der Wirtschaftsprüfer-Kanzlei Rödl & Partner. SAP, mit seiner vergleichsweise jungen Belegschaft besonders anfällig, hat das vor Jahren schon gemacht. "Die gesamte Lösung ist nicht auf höchstmöglichen Output, sondern auf größtmögliche Sicherheit ausgerichtet", sagt ein Sprecher.

Doch Braun ist überzeugt: "Viele Unternehmen verdrängen das Thema, weil es ein sehr langfristiges ist und im Tagesgeschäft oft untergeht." Das böse Erwachen komme oft beim Verkauf des Unternehmens. "Es gibt immer wieder Firmenübernahmen, die daran scheitern", sagt Braun. "Relevant für den Kaufpreis sind die Pensionsverpflichtungen auf jeden Fall - und zwar sehr massiv."

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