Die neue Formel 1: Neuer Look, neuer Sound

Am Dienstag um 08.37 Uhr hat die Mission "Titel Nummer fünf" für Sebastian Vettel so richtig begonnen. Der vierfache Formel-1-Champion enthüllte kurz vor dem Start in die offizielle Testphase in Jerez gemeinsam mit seinem neuen Teamkollegen Daniel Ricciardo den Red-Bull-Boliden für die WM 2014.

Der Mercedes F1 W05 hat nach Meinung von Beobachtern eine elegantere, nicht rüsselförmige Nase, die Ähnlichkeiten mit dem staubsaugerartigen Modell von Ferrari aufweist. Nico Rosberg war bereits vergangenen Freitag in Silverstone für 40 Kilometer am Steuer gesessen, zu Beginn der viertägigen Testfahrten in Jerez pilotiert Lewis Hamilton den "Silberpfeil" von MercedesAMG, der nun von Paddy Lowe und dem Österreicher Toto Wolff geführt wird. Sie lösten Ross Brawn ab.

Sie sehen komisch aus, sie klingen anders, und keiner weiß, wie sie sich fahren: Die neuen Formel-1-Renner sorgen schon vor den ersten Kilometern der neuen Saison für jede Menge Gesprächsstoff. Mit den Testfahrten im spanischen Jerez wird eine neue Ära eingeläutet - und nicht wenige trauern bereits jetzt der guten alten Zeit hinterher.

Zum ersten Mal werden dann die Turbo-Motoren der Formel 1 ihren neuen Sound verpassen. Die Königsklasse wird wohl weniger dumpf und grollend klingen, sondern deutlich höhere Töne anschlagen.

Nicht jedem wird das gefallen. Rennautos müssten "schreien, laut sein, die Erde zum Beben bringen" sagte Weltmeister Sebastian Vettel einmal über die Faszination der Geräuschkulisse bei einem Formel-1-Rennen. Ob die Nachfolgerin von "Hungry Heidi", mit der der Heppenheimer 2013 überlegen zum Titel gefahren war, die Gehörgänge des 26-Jährigen wirklich entzücken kann, offenbart sich bei der Präsentation des RB10 am Dienstag.

Zusammen mit dem gewöhnungsbedürftigen neuen Look, der sich nach den Präsentationen der ersten Boliden abzeichnet, verändert die Formel 1 ihr Gesicht so radikal wie seit Jahren nicht mehr. Dass kaum jemand darüber glücklich ist, dass in dieser Saison Ameisenbären (McLaren und Williams) gegen Gabelstapler (Lotus) und Staubsauger (Ferrari) um die Punkte fahren, dürfte den Regelhütern herzlich egal sein. Sie senkten die Maximalhöhe der Fahrzeugnasen von 55 auf 18,5 cm und machten damit den Weg frei für die eine oder andere Scheußlichkeit.

Doch nicht nur Aussehen und Sound der Formel 1 sind neu, auch am Personalkarussell wurde kräftig gedreht. Dass Weltmeister Vettel nach dem Abgang von Mark Webber in Daniel Ricciardo wieder einen Australier an seiner Seite hat, der den Nummer-1-Status des Heppenheimers kaum gefährden dürfte, war deutlich weniger spannend als die Rotationen im Verfolgerfeld.

Ferrari macht endlich ernst mit der Vettel-Jagd und holte den einst vom Hof gejagten finnischen Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen zurück in die Arme der Scuderia. Zusammen mit Vizeweltmeister Fernando Alonso bildet der Iceman die vielleicht stärkste, aber auch explosivste Fahrerpaarung. "Die Bedingungen für gute Leistungen sind vorhanden. Wir haben es satt, auf Platz zwei zu landen", sprach der mächtige Ferrari-Präsident Luca Cordero di Montezemolo - seine Angestellten dürften den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden haben.

Im Mittelfeld tauschten Nico Hülkenberg und Adrian Sutil einfach ihre Cockpits, sodass weiterhin jeweils ein deutscher Pilot bei Sauber bzw. Force India hinterm Steuer sitzt. Wer dabei wem ein Schnippchen geschlagen hat, wird sich wohl erst beim Saisonstart am 16. März in Melbourne zeigen.

Spätestens dann müssen auch die neuen Teamchefs zeigen, was sie wert sind. Mercedes trennte sich wie erwartet von Ross Brawn und wird jetzt von Neuzugang Paddy Lowe und Motorsportchef Toto Wolff auf Kurs gebracht. Beim Lotus-Team, das in Jerez fehlt, weil der Gabelstapler E22 nicht rechtzeitig fertig wurde, verließ nach Räikkönen auch Teamchef Eric Boullier das zwar nicht sinkende, aber aufgrund der hohen Verbindlichkeiten von über 100 Millionen Euro doch leckgeschlagene Schiff. Teameigner Gerard Lopez hat für Bouillier übernommen.

Boullier könnte bei McLaren an Bord gehen, wo Ron Dennis wieder der starke Mann und Teamchef Martin Whitmarsh wohl Schnee von gestern ist. Noch aber hüllt sich der Traditionsrennstall, der 2013 kein einziges Mal aufs Podest gefahren war, in Schweigen. Auch Brawn ist ein Thema, zumal bekanntlich Honda ab 2015 Mercedes als Motoren-Lieferanten ablöst. Bis dahin dürften sich dann auch alle an die neue Formel 1 gewöhnt haben.

Testfahrten in Jerez

Zu Beginn der Testsession sahen die Boliden nur hübsch aus. Gefahren werden konnten sie kaum. Sebastian Vettel war in den ersten Stunden der neuen Formel-1-Saison zum Zuschauen verdammt. "Ein Teil ist falsch herum montiert worden", erklärte der 26-Jährige am ersten Tag der Testsession im spanischen Jerez. Und weil der am Morgen vorgestellte, nagelneue RB10 "wie ein Puzzle" ist und sein Zusammenbau durchaus etwas mit "Raketenwissenschaft" zu tun hat, stand Vettel zunächst still.

Der große Konkurrent Mercedes war bis zum Mittag einen kleinen Schritt weiter, hatte aber auch so seine Sorgen. Zwar präsentierten die Schwaben im W05 wie Red Bull eine sehr ansehnliche Antwort auf die Frage, wie hässlich die neuen Nasen der Formel-1-Renner sein müssen, doch ausgerechnet ein sich lösender Frontflügel stoppte Ex-Weltmeister Lewis Hamilton bei einer seiner wenigen Runden. Immerhin ging der Unfall glimpflich aus, Schaden gab es nur am Silberpfeil.

Überhaupt hielten sich die Teams in den ersten Stunden mehr oder weniger freiwillig sehr zurück. "Unser Ziel war es, unser Auto überhaupt hierher zu bringen", stellte Red-Bull-Teamchef Christian Horner klar. Auch wenn der RB10 zunächst stand, war das schon mehr als zum Beispiel Marussia (Auto kommt erst Mittwoch) oder Lotus (kommt gar nicht) überhaupt zu leisten im Stande waren. Ferrari-Rückkehrer Kimi Räikkönen wurde zudem schon in der ersten Runde aus Sicherheitsgründen von den Ingenieuren gestoppt.

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