Die total verrückte Aktien-Rallye

Die total verrückte Aktien-Rallye

FORMAT erklärt, wo die Stolperfallen in der aktuellen Hausse lauern und zeigt 20 Aktien, die trotzdem noch solide Gewinne versprechen und ein gewisses Sicherheitsnetz bieten.

Börsianer ticken anders. Sie sind in den meisten Fällen der Zeit voraus und kümmern sich kaum um die Gegenwart. Schließlich heißt es ja: "An der Börse wird die Zukunft gehandelt“. Wirft man derzeit einen Blick auf die Leitbörsen der Welt, vermeint man, getrost in eine gute Zukunft blicken zu können. Denn die Indizes eilen von Hoch zu Hoch, und kaum ein Händler scheint sich um Krisenmeldungen rund um den Globus zu kümmern. Gäbe es diese nicht, dann würden die Kursgewinne von New York über Tokio bis Frankfurt eine wundersame Heilung der Weltwirtschaft und der Euro-Schuldenkrise versprechen. Die Börsen gelten nämlich seit jeher als treffsicherer Vorlaufindikator für die Wirtschaftsentwicklung. Aber gilt diese Regel unter den Bedingungen der aktuellen Rallye überhaupt noch?

Diese Frage muss derzeit mit einem klaren "Nein“ beantwortet werden. Denn die Finanzmärkte haben sich von der fundamentalen Entwicklung der Weltwirtschaft weitgehend abgekoppelt. Der Grund dafür ist die Liquiditätsschwemme der Notenbanken, deren frisch gedrucktes Geld die Börsen auf immer neue Höchststände treibt. Während in der Eurozone das Wachstum stagniert und die Problemstaaten im Süden unter einer signifikant steigenden Arbeitslosigkeit leiden, kennen die Börsen in Europa seit bereits mehr als vier Jahren nur die Richtung nach oben. So beträgt das Kursplus beim deutschen Leitindex DAX seit März 2009 - bereinigt um Dividenden – über 80 Prozent, der ATX in Wien kann immerhin Kursgewinne von knapp 70 Prozent ausweisen. Mit den richtigen Einzelwerten konnte sogar ein Mehrfaches davon verdient werden: Der Top-Performer im DAX ist Infineon mit einem Kursplus von über 1.400 Prozent. Und sogar mit konservativen Werten á la VW konnten – noch ohne Dividenden – über 370 Prozent eingestreift werden.

Vorsicht vor "Luftlöchern“

Um es klar zu sagen: Es ist unwahrscheinlich, dass da in Kürze eine Riesen-Blase platzt. Aber eine gehörige Portion Vorsicht ist geboten. Erste warnende Worte zu der scheinbar ungebremsten Aktienrallye kommen von der Allianz-Tochter Pimco, die unter anderem den größten Anleihefonds der Welt verwaltet. Die Weltwirtschaft sei derzeit in einem “stabilen Ungleichgewicht”, das in finanziellen Turbulenzen, größeren sozialen Spannungen und nationalen Maßnahmen auf Kosten anderer Länder enden könnte. "Gedrängt von den hyperaktiven Zentralbanken spielen Anleger derzeit die Gefahren herunter und treiben die Finanzmärkte weiter nach oben“, erklärt Pimco-Chef Mohamed El-Erian gegenüber Bloomberg. Es gebe das Risiko "heftiger Luftlöcher“ an den Finanzmärkten, wenn sich das Wirtschaftswachstum als enttäuschend erweise, warnte er. "Die Zentralbanken haben einen bemerkenswerten Keil zwischen Marktpreise und den zugrundeliegenden Fundamentaldaten in Wirtschaft und Finanzwelt getrieben. Dennoch haben sie es noch nicht geschafft, ein ausreichend robustes Wachstum und Jobs zu schaffen“, begründet El-Erian seine Skepsis.

Er geht davon aus, dass die Notenbanken ihre Anstrengungen zur Konjunkturförderung aufrecht erhalten. Allerdings könnten die Maßnahmen im Laufe der Zeit an Effektivität verlieren. So steige das Risiko von Kollateralschäden. In den USA erwartet El-Erian ein Wachstum von nicht viel mehr als durchschnittlich zwei Prozent. In Europa sieht er als unmittelbare Bedrohung eine von ihm so genannte "Zombifizierung“: Unternehmen und Banken werden durch die Geldschwemme weiter getrieben, tragen aber kaum etwas zur Wirtschaft bei. Selbst für den Wachstumsmotor China sieht Pimco nur ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von sechs bis 7,5 Prozent jährlich. Das klingt zwar prächtig, ist es aber nicht. Denn das erforderliche sogenannte Potenzialwachstum Chinas liegt aktuell zwischen sieben und acht Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Nur bei Wachstumsraten über diesem Niveau schafft es China, neue Arbeitsplätze zu generieren. El-Erian rät Anlegern aufgrund des aktuellen Szenarios, ihre Portfolios gegenüber Kursrückgängen abzusichern.

Experten optimistisch

Aktuell erscheint El-Erian aber wie ein einsamer Rufer in einer Herde wildgewordener Börsebullen. Derzeit glauben praktisch alle großen Adressen der Wall Street an eine Fortsetzung der Hausse, die in den USA seit Rallye-Beginn sogar noch ausgeprägter als in Europa ist: Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq blicken auf Kursgewinne zwischen 120 und 170 Prozent seit März 2009 zurück.

Den Vogel schießt allerdings das deflationsgeplagte Japan ab: Die Börse in Tokio hat, angefeuert durch die Liquiditätswelle der Bank of Japan, seit Jahresbeginn schon knapp 50 Prozent zugelegt. Zumindest bis zur Vorwoche ging die Bullen-Stampede gut, dann folgte eines der von Pimco angekündigten "Luftlöcher". Der Nikkei stürzte binnen drei Tagen um über neun Prozent ab.

Von derartigen "Unfällen" lassen sich die Profis in den Handelsräumen aber kaum beeindrucken. Ebenso wenig von saisonalen Mustern, immerhin gilt die Zeit zwischen Mitte Mai und Anfang Oktober statistisch gesehen als schlechteste Zeit für Aktieninvestments. Sie ist immer wieder gespickt mit Sommergewittern und Herbstcrashs. Stattdessen kommen aufmunternde Sprüche von Investoren-Legenden. So meint etwa Warren Buffett: "Aktien werden auf lange Sicht noch viel höher steigen“. Auch Laszlo Birinyi, der die Rallye seit 2009 fast punktgenau vorhergesagt hatte, geht davon aus, dass US-Aktien noch einmal um ein Fünftel steigen könnten. In Deutschland ist der Optimismus nicht minder groß. So meint der deutsche Vermögensverwalter Jens Ehrhardt: "Folge dem Trend und stell dich nicht gegen die Notenbank“. Sogar "Crashprophet“ Max Otte ortet bei Aktien noch Potenzial und sieht sie gegenüber Anleihen extrem günstig bepreist. Zumindest im Jahr 2013, so sind sich die Experten einig, soll die verrückte Börsenrallye noch weiter gehen.

Im Mittelpunkt all dieser Annahmen steht das viele, billige Geld der Notenbanken, das sich seinen Weg in die Aktienmärkte bahnt und dort unweigerlich zu steigenden Kursen führen muss. Zunächst ist das auch ein vollkommen schlüssiges Argument. Immerhin ist der Aufwärtstrend seit März 2009 ein überaus solider, und die Notierungen der großen Indizes befinden sich allesamt in stabilen Aufwärtstrendkanälen. Sich gegen diese Entwicklung zu stellen, macht daher wenig Sinn. "The trend is your friend“ ist eine der wenigen Weisheiten, die auch inmitten der Krise ihre Aussagekraft nicht verloren hat.

Allerdings gibt es einen weiteren Trend, der genau zu beobachten ist und die Hausse dramatisch infrage stellt. Seit 2008 haben Aktien massiv an Relevanz verloren, dagegen sind Anleihen zum Flucht-Asset schlechthin mutiert. Seit 2011 mussten die Börsen weltweit sogar Nettomittelabflüsse verkraften. Die Hausse findet daher im historischen Vergleich bei bescheidenen Umsätzen statt und verliert demnach an Aussagekraft.

Wird es Zuflüsse in die Aktienmärkte aus dem Anleihen- und Festgeldbereich geben?

Nun setzen jedoch viele Marktteilnehmer auf den "Big-Change“, also eine Verschiebung der Geldmittel weg von Anleihen, hin zu Aktien. Begründet wird das mit der Blase am Anleihenmarkt und den niedrigen Zinsen. Dementsprechend sollen Aktien laufend an Attraktivität gewinnen, besonders jene, die hohe Dividenden ausschütten.

Das könnte sich aber als Wunschvorstellung entpuppen. Denn die Konzerne schaffen es aufgrund der Konjunkturflaute lediglich mit massiven Kostensenkungsprogrammen, die Gewinne stabil hoch zu halten und damit die Dividenden zu garantieren. Wenngleich die Konjunkturkrise immer öfter in den Bilanzen ablesbar ist. Egal ob Siemens, Andritz oder Daimler. Alle kämpfen mit rückläufigen Erträgen.

Unterbewertet?

Vergleicht man nun die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen mit der durchschnittlichen Dividendenrendite des S&P 500 bleibt wenig Potenzial für weitere deutliche Kursgewinne an den Börsen. Denn am langen Ende steigen die US-Zinsen bereits wieder. So rentieren US-Treasuries aktuell bei knapp über 2,00 Prozent. Die Dividendenrendite im S&P 500 liegt im Mittel bei 2,03 Prozent - also unwesentlich höher. Im aktuellen Umfeld ist trotz milliardenschwerem Anleihekaufprogramm der US-Notenbank daher eher mit steigenden Zinsen als deutlich anziehenden Unternehmensgewinnen und damit steigenden Dividenden zu rechnen. In Europa gibt es für Dividenenjäger noch etwas mehr Luft. Denn solvente Staaten wie Deutschland verschulden sich gerade – zumindest bei kurzen Laufzeiten – zu Nullzinsen und der DAX bietet immerhin noch eine durchschnittliche Dividendenrendite von 3,26 Prozent.

Anleger sollten sich aber bewusst sein, dass es jederzeit und aus heiterem Himmel zu einer Korrektur kommen kann, oder wie Pimco es ausdrückt, zu "Luftlöchern“ – siehe Nikkei. Daher ist es absolut notwendig, erzielte Kursgewinne mit Stopp-Loss-Orders zu schützen. Außerdem sollten sich besonders Kleinanleger, die bisher die Rallye verpasst haben, des Risikos eines Einstieges bewusst sein. Denn die psychologischen Muster einer Hausse gleichen sich immer wieder und Kleinanleger sind meist die letzten, die wie Lemminge auf den Aufwärtstrend aufspringen. Bestes Beispiel: Die deutsche "Bild“-Zeitung widmete der Hausse jüngst sogar eine Coverstory. Ein letztes Indiz, dass die Rallye die Kleinanleger erreicht hat. Objektiv betrachtet ist das Chancen/Risiko-Verhältnis momentan bestenfalls durchwachsen. Das Rückschlagpotenzial ist hoch.

Die beruhigende Nachricht ist allerdings: Die Aktien-Bewertungen liegen derzeit im historischen Vergleich auf durchschnittlichem Niveau. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind generell nicht exorbitant hoch. Eine echte Blase, die mit Getöse platzen könnte, hat sich noch nicht gebildet. Das begrenzt zumindest das Rückschlagspotenzial.

Schwacher Euro

Europa wird in Zukunft jedenfalls mit Sicherheit nicht Zielregion Nummer eins für Aktienkapital sein. Das liegt zum einen an der wirtschaftlich unterdurchschnittlichen Entwicklung und zum anderen an der anhaltenden Schwäche des Euro. Überdeutlich macht das eine Analyse von Standard Life Investments: "In Europa herrscht eine Art Bürgerkrieg auf höchstem Niveau. Es gibt nicht das geeignete Ausmaß an Anstrengungen und einvernehmlicher Politik, um Europa wieder in die Gänge zu bringen. Das ist ein permanentes Problem.“ Dementsprechend düster schaut das Kursziel für den Euro aus. Während 50 von Bloomberg befragte Experten bis März 2014 einen Euro-Stand von 1,26 Dollar erwarten, rechnet Standard Life mit einem Abrutschen binnen 12 Monaten auf 1,15 Dollar.

Anleger aus dem Euroraum sollten sich daher – sofern sie bei der rasanten Börsenrallye noch mitmachen wollen – eher auf die USA als Anlageziel konzentrieren. Die Bewertungen geben zumindest noch etwas Potenzial nach oben. Das meint auch Brian Barish, President von Cambiar Investors: "Heutzutage finden wir jede Menge Aktien, die angesichts ihres Wertes stark unterbewertet sind. Diesmal sieht alles recht gut aus.“ Um genau diese Aktien heraus zu filtern, hat FORMAT die Börsen einem tiefgehenden Check unterzogen und sowohl für den S&P 500 als auch für den europäischen Stoxx 600 die aussichtsreichsten und gleichzeitig absturzresistentesten Werte aufgelistet. Dazu wurden die Aktien in einem gleichgewichteten Punktesystem in den Kategorien geschätztes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2013, Kurs-Buchwert-Verhältnis, Dividendenrendite, Empfehlungskonsens und gleitende EBIT-Marge gereiht. Je niedriger der Punktwert, um so höher die Chancen auf Kurssreigerungen.

Vergessen sollten Anleger aber nicht auf die Wiener Börse. Auch wenn die Bedeutung des heimischen Finanzplatzes immer weiter sinkt und die Politik nichts zur Befruchtung der Börse tut. Weltmarktführer wie Andritz oder RHI sind durchaus einen Blick wert. Ebenso Lenzing oder Dividendenperlen wie die Post.

Fazit

Anleger die über die Sommermonate auf Aktieninvestments verzichten und sich keine neuen Positionen ins Depot legen, liegen jedoch bestimmt nicht falsch. Es gab nämlich schon bedeutend bessere Zeitpunkte um an der Börse sein Geld anzulegen. Denn eines ist gewiss: Der nächste Crash kommt bestimmt!

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