WM-Start 2010: Pickerl-Hersteller Panini liefert am 26. April Fußball-Sticker aus

Jetzt geht’s looos! Inoffizieller WM-Start ist dann, wenn Pickerl-Hersteller Panini seine Sticker ausliefert: also am 26. April. Wie das Sammelfieber Jung & Alt erfasst und dem italienischen Konzern eine Milliarde Dollar beschert.

Wir nähern uns dem Ausnahmezustand. Offiziell zwar erst am 11. Juni, wenn mit dem Anpfiff zum Match Südafrika gegen Mexiko die 19. Fußballweltmeisterschaft startet. Ab dann darf nämlich der berufliche Output durchaus ein klein wenig ge­ringer sein, da eine intensive, emphatische Teilnahme an diesem sportlichen Großereignis eher zeit­intensiv ist. Inoffiziell geht es aber schon gut sieben Wochen vorher los. Präziser: am 26. April, denn ab dann gibt es in Trafiken, Kiosken und Spielwarengeschäften die Panini-WM-Pickerln.

Euphorie bei Jung & Alt
Und diese Klebebildchen mehr oder weniger attraktiver Männerschädel schaffen es, quer durch alle Alters- und Sozialschichten zu verzücken. Ist das alles ein kurzes Aufflammen genetisch tief verankerter Jäger- und Sammlertriebe? Ein Abrufen nostalgischer Erinnerungen? Entdeckt man vielleicht in sich eine perverse Lust am Archivieren? Es hat doch jeder Kicker seinen Platz, und nummeriert ist er auch noch. Oder ­watet man letztlich doch nur knietief in einer ­Regression herum? Es lässt sich nicht sagen, was den Zauber dieser kleinen Klebebilder nun exakt ausmacht.

Alle tauschen Tütchen
Fakt ist jedenfalls, dass in Zeiten von Welt- und Europameisterschaften die Panini-Kernzielgruppe der 6- bis 14-jährigen Buben plötzlich wächst, oder besser: ausufert. Dass nicht ausschließlich Taschengeld in die Tütchen investiert wird, bemerkt man bereits, wenn man eine der zahlreichen Tauschbörsen ­( 90minuten.at, stickermanager.com ) besucht, die sich in Zeiten wie diesen im öffentlichen Raum formieren. Nebst Müttern und Vätern mit ihrem Anhang blasen vor allem Bürohengste, Studenten und zusehends immer mehr Damen zum Halali auf Fußballerköpfe.

Zeitreise in die Vergangenheit
Man braucht nicht einmal ein großer Fußballfan zu sein, um dem Zauber der Pickerltüte zu verfallen. Und auch die Zeiten, in denen die eigenen Kinder vorgeschickt wurden, um heimlich der eigenen Sammelleidenschaft frönen zu dürfen, sind längst passé. „Ich steh zu meiner Sticker-Leidenschaft, die mich alle zwei Jahre einholt“, zeigt sich etwa der Klagenfurter Zahnarzt Martin Zambelli selbstbewusst. Seit der WM in Spanien 1982 ist er im Club der Kleber mit dabei. „Es ist Nostalgie und eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit, wenn man alte Sticker-Alben rauskramt und anschaut. Und natürlich werden auch Kindheits- und Jugenderinnerungen wieder wach“, erklärt der 40-jährige Familienvater.

Voll im Geschäft
Und das steigert den Umsatz des norditalienischen Verlags mit dem Ritter ­(Paladin) als Logo ordentlich. 2008 etwa, also als Österreich und die Schweiz der Nabel der Fußballwelt waren, setzte der Konzern rund eine Milliarde Dollar um. Ein Glücksfall für Panini, dass in den zwei Alpenstaaten begeisterte Sammler zuhause sind. „Die Schweizer und Öster­reicher sind Weltmeister im Kleben“, erklärt Frank Zomerdijk, Geschäftsführer von Panini Deutschland. Wobei die Heim-Euro vor zwei Jahren ein kleiner Booster für den ganzen Pickerl­wahnsinn war. Rund 40 Millionen Stickertüten wurden allein in Österreich verkauft, doppelt so viele wie bei der Weltmeisterschaft in Deutschland 2006.

Grenzenloses Sammelfieber
„Heuer rechnen wir mit 24 Millionen verkaufter Tüten in Österreich“, steckt Zomerdijk die Konzernwünsche etwas niedriger aus und kann sich dabei eine kleine Spitze in ­Richtung österreichischer Fußball nicht verkneifen: „Vielleicht sollte Österreich öfter Turniere austragen, dann sind sie auch immer fix qualifiziert.“ Sehr witzig, Herr Geschäftsführer. Aber was klar
wird: Es braucht nicht unbedingt eine Teilnahme der ei­genen Nationalmannschaft, um vom ­Sammelfieber erfasst zu werden. Schön und wünschenswert wäre es trotzdem. Als Balsam für die geschundene ­österreichische Fußballseele und so. Panini ist es nämlich prinzipiell egal, die drucken mit oder ohne österreichische Beteiligung fünf Milliarden ­Tüten. Oder, anders ausgedrückt und nicht weniger imposant: Während der WM, der Sammel- und Tauschhochphase, werden vom unscheinbaren Panini-Werk in Modena täglich 40 Millionen ­Einzelbilder in die ganze Welt versendet. Seit Februar wird übrigens schon gedruckt. Also lange bevor etwaige Team­kader feststehen.

Zufällige Kopf-Parade
Mach voll! Die Köpfe sind also millionenfach im Umlauf. Das ist gut. Allerdings kann man als Sammler schon einmal leicht aggressiv werden, wenn einem der Edelprolo Cristiano Ronaldo bereits zum zehnten Mal aus der Packung entgegenspringt, nirgendwo aber ein Lionel Messi zu ergattern ist und niemand der sammelnden Freunde und Kollegen das südafrikanische Verbandswappen hat. Steckt Strategie dahinter? Gibt es Regionen, in denen sich bestimmte Bilder häufen und andere kaum oder gar nicht vorkommen? Verschwörungstheorien um den Panini-Kosmos gibt es jedenfalls zuhauf. „Alles Zufall. Jedes Bild kommt gleich oft vor“, beruhigt Frank Zomerdijk Sammlernerven. Die Frage hat er allerdings wohl auch schon tausendmal zu beantworten gehabt. Man will es nämlich immer wieder wissen und kann es trotzdem nicht glauben.

Lückenfüller
Vielleicht auch, weil Sammler je nach Herangehensweise zwischen 300 und 700 Euro investieren, um alle Lücken in ihrem Album zu füllen. Das errechneten 2004 deutsche Informatiker und fassten das Resultat in der „Panini-Weltformel“ zusammen. Wert-voll? So oder so, eine schöne Stange Geld, die man da anlegt. Da fragt sich der Sammler, was wird denn das einmal wert sein? Es sollte ja nicht vergessen werden, dass die Psychologie des Sammelns darauf beruht, mit Besitz Eindruck (z. B. beim Kontrahenten, noch besser beim Weibchen) zu machen und Sicherheit für schlechte Zeiten zu schaffen.

Sportsgeist zeigen
Nun, schlechte Nachrichten für An­leger. Selbst ein ausgezeichnet erhaltenes ­FIFA- World-Cup-Album aus dem Jahr 1974 (seit damals gibt es die WM-Stickeralben im deutschsprachigen Raum) wird auf eBay im Sofortkauf mit 229 Euro ­angeboten. Ein komplett voll geklebtes ­Album von der Euro 2008 gibt es schon um läppische 40 Euro. Allerdings nicht auf eBay, sondern direkt bei Panini selbst. Nur, so in den Besitz eines vollen Albums zu kommen ist – gelinde gesagt – ein wenig unsportlich. Genau so, wie fehlende Bildchen via Internet beim Hersteller nach­zubestellen. Das macht man nicht.

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