"Wir empfinden eine gewisse Lust daran,
zu täuschen und getäuscht zu werden"

Notlügen, Geltungslügen, Betrug & Selbsttäuschung: Die Lüge ist aus unserem Dasein nicht wegzudenken. Wie und warum wir lügen und wie man sich schützt.

FORMAT: Herr Professor Liessmann, der Themenkomplex Wahrheit und Lüge wird in den letzten Monaten verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert. Wo liegen begriffliche Schwierigkeiten?
Liessmann: Das Spektrum der Lüge ist weit, das macht es nötig, zu differenzieren. Eine harmlose Alltagslüge oder Höflichkeitsfloskeln, von denen man weiß, dass sie nicht ganz wahr sind, haben eine ganz andere Dimension, als etwa bewusst mit falschen Zahlen zu operieren und so – wie gerade in Griechenland – eine ganze Volkswirtschaft in den Ruin zu treiben.
FORMAT: Das haben gute Beobachter geahnt, vielleicht auch gewusst. Will der Mensch demnach belogen werden?
Liessmann: Ja, in bestimmten Dingen wollen wir auch belogen werden, weil wir nicht gewillt sind, die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn etwas den Lebensstil betrifft oder eine fest verankerte Meinung revidiert werden müsste, erhält üblicherweise die Lüge der Wahrheit gegenüber den Vorzug. Die Lüge ist jedenfalls aus unserem Dasein nicht wegzudenken. Der Mensch hat einfach Lust am Täuschen. Nicht nur sprachlich, auch nonverbal. Wir schminken uns, versuchen mit Kleidung und Statussymbolen bedeutender zu erscheinen. Und lieben Flunkereien.

Werbung suggeriert Glücksgefühle
FORMAT: Zum Beispiel auch in der Werbung…
Liessmann: Genau. Jeder weiß, dass Werbung lügt, aber wir wollen zu einem gewissen Grad glauben, dass Produkte nicht nur eine technische Funktion erfüllen, sondern auch Glücksgefühle, Freiheit oder erotisches Flair vermitteln. Der Mensch empfindet einfach eine gewisse Lust daran, zu täuschen und getäuscht zu werden.
FORMAT: Dennoch krachen Lügengebäude immer wieder zusammen…
Liessmann: Vor allem dann, wenn das ganze System absolut überzogen ist und die Lüge so offensichtlich, dass es keine Lust mehr macht, sie zu glauben. Aber auch wenn man nicht belogen werden will und die Möglichkeit besteht, die Wahrheit zu erfahren, fliegt alles auf.
FORMAT: So wie im Moment in der katholischen Kirche?
Liessmann: Das ist ein anderer interessanter Aspekt der Lüge: die Selbsttäuschung. Man weiß, was läuft, beschönigt aber die Wirklichkeit. Aber neben der Lust an der Lüge hat der Mensch auch die Lust, die Wahrheit aufzuspüren und zu erfahren. Das ist ein Spiel, das zusammengehört.

Widersprüche bringen Lügen zu Fall
FORMAT: Worin besteht in diesem Spiel die Kunst des Lügens?
Liessmann: Man darf sich nicht zu weit von der Wahrheit und Realität entfernen. Sobald sich ein Lügner in Widersprüche verstrickt, wird es schwierig. Dazu braucht es übrigens gute kognitive Fähigkeiten. Manche Philosophen sind daher der Auffassung, dass uns Lügen geistig weiter gebracht hat, als die Wahrheit zu sagen.
FORMAT: Da drängt sich die Frage auf, wann man dann lügen darf…
Liessmann: Es gibt verschiedene Strategien, die Lüge zu rechtfertigen. Eine Lüge aus Spaß oder eine Notlüge wird etwa dann sozial toleriert, wenn man damit größeren Schaden abwendet oder wenn sie aus Höflichkeit erfolgt. Es werden auch große politische Lügen toleriert. Es ist nach wie vor ein Prinzip der Politik, dass gelogen wird, um das Gute zu erreichen oder zumindest das, was für gut gehalten wird.
FORMAT: Wer sind für Sie eigentlich die größten Lügner?
Liessmann: Die besten und größten Lügner sind diejenigen, denen es gelingt, mit der Wahrheit zu lügen.

Interview: Manfred Gram, Dina Elmani

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