Widerstandsbewegung in der Muckibude: Puristisches Training aus der Schweiz

Vor zehn Jahren etablierte der Schweizer Fitness-Unternehmer Werner Kieser seinen Krafttrainings­betrieb auch in Österreich. Millionen hat er bereits den Rücken gestärkt, sein großes Ziel: ein Weltimperium.

Dieser Tage werden jede Menge Prospekte ausgetragen, sogar auf Infoscreens und Plakaten lässt er für seine Trainingsbetriebe werben: eine Ausnahme, die sich Werner Kieser, 70, anlässlich der anstehenden Jubiläumsfeiern zum Österreich-Start vor zehn Jahren leistet. Ansonsten folgt der Schweizer Fitness-Unternehmer seit über vierzig Jahren konsequent dem puristischem Diktat. Kieser-Betriebe bestehen in erster Linie aus einer Trainingsetage mit 50 bis 90 Krafttrainingsmaschinen. Es gibt weder eine Sauna noch eine Bar, weder Musik noch Fernsehen, keine Cardiogeräte oder Yogakurse und schon gar keine Wellness; die Garderobe ist mit schlichten Spinden und Edelstahlduschen bestückt. Nicht einmal Spiegel oder Pflanzen sind zu finden. Im Vergleich zu den Wellnesstempeln der Konkurrenz versprühen die Kieser-Studios den nüchternen Charme von Fabrikshallen. „Wer zu uns kommt, trainiert konzentriert, duscht und geht nach 45 Minuten wieder“, sagt Kieser. Komfort sei seine Doktrin nicht, wohl aber die Gesundheit. „Kieser Training steht auch nicht für Sport. Wir streben eine Art Hygiene des Bewegungsapparates an, vergleichbar mit der Zahnhygiene. Da ist nichts Trendiges oder Spaßiges dran, aber es erspart eine Menge Probleme im Zuge des Älterwerdens.“

Kraft als Maxime
1967 eröffnete der gelernte Tischlermeister und Diplomtrainer sein erstes Fitness-Studio. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Ärztin, entwickelte er ein Trainingskonzept weiter, das ausschließlich auf den Kraftbereich und insbesondere auf die Kräftigung der Stützmuskulatur im Wirbelsäulenbereich abzielt. Unter dem Motto „Es gibt kein Rücken-, nur ein Kraftproblem – 80 Prozent der Beschwerden sind auf eine schwache Muskulatur zurückzuführen“ zog er in den Kampf gegen eines der größten Volksleiden und sorgte für einen Aufschrei unter Chirurgen, Orthopäden wie Matratzenproduzenten. Zuletzt kritisierte er die deutsche Politik, die über die Vielzahl von übergewichtigen Kindern und zukünftige, unerschwingliche Folgekosten für das Gesundheitssystem klagte. „Nicht das Fast Food, sondern mangelnde Kraft ist das Problem“, ließ er lautstark wissen. Der Schweizer kann sich das erlauben. Mittlerweile ist die Kieser Training AG ein Imperium: 152 Standorte in zehn Ländern zählen knapp 300.000 Kunden im Alter von 13 bis 92 Jahren und einen Brutto-Jahresumsatz in der Höhe von mehr als 100 Millionen Euro.

Philosophie des Widerstandes
Kraft und Muskulatur, so Kieser, seien die Basis für Gesundheit. Die Muskulatur sei unter anderem verantwortlich für die Atmung, die Fortbewegung und die Koordination. „Auch die inneren Organe sind bloß Diener der Muskeln.“ Als stoffwechselaktives Gewebe würden diese nicht nur auf den Knochenstoffwechsel, sondern auch auf Zucker- und Fettstoffwechsel großen Einfluss nehmen. „Je muskulöser der Körper, desto mehr Fett wird verbrannt“, erklärt Kieser. „Wer zu viel Ausdauer trainiert, greift Fett- und Eiweißressourcen an.“ Ab dem 25. Lebensjahr nehme die Muskelmasse stetig ab, zur Kraftverbesserung bedarf es eines gezielten Trainingsreizes. Das kennt man auch aus der Weltraumforschung: „Obwohl sich die Astronauten in der Kapsel ausreichend bewegen, bauen sie Knochenmasse ab. Ihnen fehlt der Widerstand der Erdanziehung.“ Kiesers Conclusio: „Der Mensch wächst am Widerstand.“ Jede Übung bzw. jede Muskelgruppe wird daher nur einmal kurz und intensiv belastet, etwa 60 bis 90 Sekunden – jedenfalls bis zur Erschöpfung.

Neue Muskelgruppen im Fokus
Die Trainingsmaschinen, einst vom Amerikaner Arthur Jones entwickelt, werden vom geschäftstüchtigen Kieser mittlerweile selbst produziert. Das Spezielle: Der Trainierende wird mit Gurten festgezurrt, der korrekte Bewegungsablauf wird so kontrolliert. „So werden die Muskeln nahezu isoliert, also ganz gezielt trainiert. Kein anderer Muskel kann kompensatorisch einspringen.“ Außerdem ließ Kieser in seiner eigenen Forschungsabteilung exklusiv für seine Studios neue Gerätetypen entwickeln. Während in anderen Fitnesscentern etwa nur der Wadenmuskel trainiert werden kann, bietet Kieser auch ein Modell für dessen Antagonisten, den vorderen Schienbeinmuskel. Weitere Spezialanfertigungen gibt es für die Halsbeugung, Nackenstreckung und Schulterdrehung. Demnächst werden die Studios mit Maschinen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur und des Sprunggelenks aufgerüstet.

Kritikresistent
Auf Freihanteltraining wird bei Kieser verzichtet („Hanteln wurden in der Antike zu Kraftdemonstrations-, nicht zu Trainingszwecken herangezogen“), ebenso aufs Aufwärmen sowie auch aufs Stretching („Beim Krafttraining wird der Muskel automatisch gedehnt“). Auf die oft gehörte Kritik, sein Konzept vernachlässige das Ausdauertraining, das zur Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten essenziell sei, kontert er selbstsicher: „Um Ausdauer trainieren zu können, braucht es zuerst einmal Kraft. Dann empfehle ich, zusätzlich Rad zu fahren und bergauf zu gehen, wie ich es auch tue.“ Hans Tilscher, über 30 Jahre lang Leiter der Abteilung für Schmerztherapie im Orthopädischen Spital Wien-Speising, schätzt Kiesers Konzept, warnt aber allgemein vor „zu einseitigem Training“. Muskelkraft würde auch abhärten, schmerzresistent machen. „Unsinn“, so Kieser. „Wir lassen unsere Klientel medizinisch checken. Die Trainingseffekte sind bei uns genau messbar.“ Der Grund, warum der Rationalist und Autor von Bestsellern wie „Die Seele der Muskeln“ von Alternativen wie Yoga oder Pilates nichts hält.

Weltweite Muskelsanierung
Was Kieser jedenfalls zugutegehalten werden kann: Er mobilisiert Massen. Dass er in Deutschland 119 Niederlassungen, in Österreich hingegen nur sechs zählt, liegt seines Erachtens am größenabhängigen Franchise-System. „Wir investieren in Standorte mit über 90.000 Einwohnern. Davon gibt es in Österreich nicht so viele.“ Der Geschäftsmann hat allerdings neue Wege gefunden, sich auch in Kleinstädten und ländlicher Umgebung zu verbreiten: unter dem Titel „Kieser Selection“ bietet er Kur- und Wellnesshotels kleinere Maschinenparks auf Lizenz- und Mietbasis an. Auch international bleibt der Schweizer umtriebig: Erst ging er nach Australien, im Vorjahr expandierte er nach Singapur, und jetzt will er sogar China, das Land der Ganzheitsmedizin, erobern. Ziel der Übung: „Die ganze Welt kräftigen!“

Nina Kreuzinger

Standorte.  Sechs „Kieser Training“-Betriebe in Wien, Salzburg, Graz (AG-Tochterunternehmen, kein Franchise), zwei „Kieser Selection“-Einheiten in Kitzbühel und Bad Tatzmannsdorf. Insgesamt ca. 18.000 Kunden; 8,2 Mio. Euro Umsatz 2008.
Mitgliedschaftskosten.  Mit 530 Euro pro Jahr bzw. 810 Euro für zwei Jahre inkl. Trainingsplan und ärztlicher Beratung liegt Kieser im Mittelfeld zwischen Billigkette (ab 220 Euro p. a.) und Edelstudio (bis zu 1.840 Euro p. a.). Zum Jubiläum gibt es von 8. bis 19. 3. Gratis-Einführungstraining und 30 Euro Mitgliedschaftsrabatt.
Info: kieser-training.com

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