Unverträglich? Immer mehr Menschen werden von 'gesunden' Lebensmitteln krank

Auch gesunde Lebensmittel können krank machen: Fast jeden dritten Österreicher plagt eine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Vom neuen Volksleiden profitieren Lebensmittelhandel, ­Ernährungs- und Diätberater sowie die Pharmaindustrie.

„Darf ich nicht, kann ich nicht, vertrag ich nicht“ zählen in Kantinen und Restaurants wie bei privaten Essenseinladungen mittlerweile zu den geflügelten Worten. Wer regelmäßig über Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme, Bauchkrämpfe, Durchfall oder Verstopfung klagt, wird schnell zum „Austesten“ geschickt. Denn dass solche Symptome nicht unbedingt ein Magen-Darm-Problem signalisieren, sondern die Folge einer Nahrungsmittelunverträglichkeit sein können, hat sich in der letzten Zeit besonders stark herumgesprochen. Auch beim Lebensmittel-Kongress, der Ende Oktober in Wien stattfand, war das Problem der Unverträglichkeit ein gewichtiges Thema. Die jüngsten, von Nutridis – einer wissenschaftlichen Gesellschaft für Forschung im Bereich nahrungsmittelbedingter Intoleranzen – veröffentlichten Studienergebnisse: Knapp 1,6 Millionen Österreicher wissen bereits um ihr Schicksal, die Dunkelziffer ist allerdings groß. Aktuellen Schätzungen zufolge vertragen 30 Prozent der Österreicher keinen Milchzucker (Laktose), leiden 30 Prozent unter einer Fruktose-Malabsorption, 20 Prozent unter einer Histamin-Intoleranz, und rund ein Prozent reagiert auf das Getreideeiweiß Gluten. Das heißt: Immer mehr werden auch von „gesunden“ Grundnahrungsmitteln wie etwa Brot, Käse, Milch und Zitrusfrüchten krank.

Tabu: Milchkaffee und Fruchtjoghurt
Harald S. holte sich über 15 Jahre lang bei diversen Ärzten Fehldiagnosen ab. Übergewicht trotz normalen Essverhaltens und Sports sowie regelmäßige Magen-Darm-Beschwerden und Müdigkeitserscheinungen ließen die beratenden Mediziner abwechselnd auf Gastritis, Geschwüre und Pilze tippen. Erst ein ausführlicher Komplettcheck im AKH sorgte für Klarheit. Die Diagnose: Laktose­intoleranz und Fruktosemalabsorption. Seit dieser Erkenntnis ist nichts, wie es war; Kaffee mit Milch, Butterbrot, Fruchtjoghurt und vieles mehr sind für ihn tabu. Die medizinische Erklärung: Bei der Laktoseintoleranz unterscheiden Mediziner eine genetisch bedingte und eine sekundäre Form. Erstere sei „natürlich“. Theresia Maier-Dobersberger, Fachärztin für innere Medizin und lange Zeit an der University of Alberta, Kanada, in der molekularbiologischen Forschung tätig: „Die Laktose in der Muttermilch ist für Kinder für die Reifung des Gehirns notwendig. Nach dieser Entwicklungsphase hat die Natur nicht vorgesehen, dass Menschen weiter Milch trinken, daher wurde die Produktion des Enzyms Laktase, das den Milchzucker Laktose spaltet, eingestellt.“

Neumodische Enzymdefekte
Im Zuge der Evolution kam es zu Ver­änderungen im Erbgut, vor allem bei Menschen in den nördlichen Ländern, die das in der Milch enthaltene Vitamin D zur Gesund­erhaltung der Knochen brauchten (wichtig für den Kalziumstoffwechsel), blieb die Laktase, die den Milchzucker spaltet, auch mit fortschreitendem Alter erhalten. Das Nord-Süd-Gefälle ist noch heute zu beob­achten: In den Sonnenregionen Südost­asien und Afrika fehlt nach wie vor 98 Prozent der Bevölkerung das Enzym Laktase, in Südamerika 70 Prozent, in Griechenland und in der Türkei rund 40 Prozent, in Österreich und Deutschland rund 20 Prozent. Die sekundäre Form der Laktoseintoleranz entsteht hingegen durch eine Fehlbesiedelung des Darms mit krank machenden Bakterien, die einen Enzymdefekt provoziert. Maier-Dobersberger: „In diesem Fall wird Laktase nicht mehr ausreichend produziert, der Milchzucker kann nicht mehr aufgespalten werden, es kommt zu typi­schen Symptomen wie Bauchschmerzen, Blähungen, Völlegefühl und Übelkeit.“

Ursachenforschung
Die genauen Ursachenmechanismen der Intoleranzen und Malabsorptionen sind Medizinern bis heute nicht vollständig bekannt. „Fest steht allerdings“, so Maier-Dobersberger, „dass es neben psychosomatischen Faktoren wie Stress einen Zusammenhang mit der Zusammensetzung und Qualität unserer Ernährung gibt.“ Der menschliche Körper sei nicht nur durch unter anderem über Lebensmittel und deren Verpackungen aufgenommene Pestizide, Schwermetalle, Kunststoffe und Hormonzusätze, sondern vor allem durch die steigende Zahl von Geschmacksverstärkern, Aromen, Farbstoffen und Süßungsmitteln belastet. „Unser Körper ist voll, wir sind in einen fatalen Kreislauf geraten, in einen Circulus vitiosus.“ Vermeintlich gesunde Waren aus dem Supermarkt können zu Dysregulationen wie etwa Lebensmittelunverträglichkeiten führen. Das oft in sogenannten Light-Produkten enthaltene Süßungsmittel Sorbit, ein Alkoholzucker, ist bewiesenermaßen Auslöser einer Fruktosemalabsorption. Er blockiert das Transportprotein Glut-5, den Rezeptor für den etwa in Obst, Trockenfrüchten, aber auch in Knoblauch, Zwiebeln und Bärlauch enthaltenen Fruchtzucker im Dünndarm.

Versteckte Krankmacher
Das Wissen um die Unverträglichkeiten hilft, macht das Leben im besten Fall beschwerdefreier – aber nicht unbedingt leichter: „Zumal die Betroffenen gar nicht wissen, in welchen Nahrungsmitteln zum Beispiel Laktose überall enthalten ist“, so Maier-Dobersberger. Laktose, ein Zweifachzucker, zusammengesetzt aus Glukose und Galaktose, ist nahezu omnipräsent: Laktose wird als Füllstoff in Medikamentenkapseln verwendet – selbst in zahlreichen Magen-Darm-Therapeutika, was oftmals sogar zu einer Verstärkung der Symptome führt. Weiters wird Laktose Broten beigemischt, damit sie beim Backen schön braun werden, und ist auch Bestandteil von Extrawurst. Laktose sorgt für die cremige Konsistenz von Puddings, Packerlsuppen und Senf. Wer sich nicht erkundigt, wird nicht darüber informiert: Auf den Produktetiketten fehlen meist genaue Inhaltsangaben. Maier-Dobersberger: „Meist wird nur ‚Zucker‘ angegeben. Aber Zucker ist nicht gleich Zucker. Gerade für Intoleranz-Betroffene wäre es wichtig, zu wissen, ob etwa Laktose, Galaktose oder Fruktose gemeint ist.“

Ampelsystem wird boykottiert
Selbst bei Gluten, das gesetzlich ausgewiesen werden muss, ist Achtsamkeit angesagt: Das Klebereiweiß findet sich oft dort, wo man es nicht vermutet – zum Beispiel in Backpulver. Auch Heinz Schöffl von der Arbeiterkammer kritisiert die mangelnde Lebensmittelkennzeichnung seitens der Industrie – nicht nur bezüglich Laktose & Co. Generell sind derzeit nur wenige Informationen verpflichtend, noch gibt es kein einheitliches Gesetz für Inhalt und Form der Nährwertangaben. „Das EU-weit diskutierte Ampelsystem, das zumindest Fett-, Zucker- und Salzgehalt farblich kennzeichnet und ein Vergleichen der Produktangaben erleichtert und in Großbritannien erfolgreich funktioniert, wäre zumindest ein Anfang, wird allerdings in Deutschland wie in Österreich von der Lebensmittel-Lobby boykottiert“, sagt Schöffl. Industrie und Handel verweisen auf die Eigenverantwortlichkeit der Verbraucher und verteilen Nährwerttabellen und Infobroschüren.

Die Lebensmittel-Illusion
Auf den Verpackungen wird zwar mit Qualität, Sicherheit und Gesundheit, Gütezeichen, Natürlichkeits- und Reinheitsgarantien sowie modernen Nährwert-Codes geworben, genauere Aufklärung wird von der Lebensmittelindus­trie aber hinausgezögert. Bei Skandalen wie dem erst vor kurzem bekannt gewordenen um Käseimitate und Schummelschinken ist es kein Wunder, dass an der Glaubwürdigkeit der Produktangaben gezweifelt wird. Der Blick hinter die Kulissen würde so manchem den Appetit verderben. Die jüngs­ten Enthüllungen zeigen, wie die Lebensmittelindustrie ihre Umsätze steigert: Mit Aromen, Geschmacksverstärkern und Imitaten werden die Herstellungskosten gedrückt; die synthetische Zitronennote in Süßwaren gleicht oft jener von WC-Duftkerzen. Allein die Aromenindustrie verbucht mit rund 2.700 in der EU zugelassenen Aromastoffen einen Jahresumsatz von rund zehn Milliarden Euro – 170.000 Tonnen Industriearomen werden jährlich europaweit für die Nahrungsmittelherstellung verwendet. Für Unklarheit sorgen auch die 316 konservierenden, stabilisierenden Zusatzstoffe mit den E-Nummern – viele haben sich bereits als „nicht unbedenklich“ entpuppt.

Betrug am Kunden?
Auch der FORMAT-Warencheck zeigt, dass der Kunde zunehmend geneppt wird: Das Barilla-Pesto ist nicht mit teurem Olivenöl, sondern mit Sonnenblumenöl zubereitet, die Schokomilch von Schärdinger wird mit billigem Kakaopulver angerührt, auf der asiatischen Nudelpackerlsuppe „YumYum“ springen jede Menge E-Nummern ins Auge – hinter dem auf der Verpackung abgebildeten Huhn steckt nur künstliches Aroma. Seit Jahrzehnten schauen österreichische und deutsche Verbraucherschutzorganisation wie der Verein für Konsumenteninformation, Stiftung Warentest, Ökotest und Foodwatch den Lebensmittelgiganten auf die Finger. „Nach Klagen unsererseits darf etwa das Kindergetränk Fruchttiger nicht mehr mit ,gesund‘ beworben werden, Actimel musste die Abbildung echter Vanilleschoten von der Verpackung nehmen“, berichtet Birgit Beck vom VKI. „Stattdessen schmückt jetzt eine exotische Blüte, die Vanille suggeriert, die Packung.“

Gefährdete Glaubwürdigkeit
Während die großen Lebensmittelkonzerne bei der Produktqualität sparen, investieren sie Millionen in Marketing und Werbung. Glaubt man den trickreichen Produkt-Slogans, steigern Frühstückscerealien die Leistungs­fähigkeit, stärken probiotische Joghurts die Abwehrkraft und könnten Süßigkeiten Vitaminspender und Chips der Bikinifigur zuträglich sein. Die 2007 EU-weite eingeführte Health-Claims-Verordnung, die irreführender Werbung vorbeugen sollte, hat es den von der Industrie beauftragten Kreativen nicht einfacher, aber nicht unmöglich gemacht. Insbesondere beim sogenannten Functional Food und bei Nahrungsergänzungsmitteln wird noch immer gerne und viel geschummelt: 2008 wurden 35,6 Prozent der von der amtlichen Lebensmittelkontrolle geprüften Nahrungsergänzungsmittel wegen „zur Irreführung geeigneter Angaben“ beanstandet. Alles darf sich die Werbung jedoch nicht mehr erlauben, will die Lebensmittelindus­trie nicht gänzlich ihren Ruf verlieren. „Die Konsumenten sind mündiger und gewitzter geworden“, warnt der Werber Mariusz Jan Demner, das Wissen der Kunden zu unterschätzen. Mehr denn je achten die Leute auf Frische, Bio, Qualität, Nachhaltigkeit und Regionalität – und auf die Glaubwürdigkeit der Informationen.

Das Geschäft mit der Intoleranz
Die zunehmende Aufklärung über die gängigen Methoden der Lebensmittelindustrie und mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit hat allerdings nicht nur Vorteile: Immer mehr Menschen diagnostizieren sich selbst eine Lebensmittelunverträglichkeit oder eine Allergie, meiden ohne fundiertes Wissen bestimmte Nahrungsmittel und damit Nährstoffe. Wieder andere investieren jede Menge Geld in fragwürdige Methoden, um ihren Problemen auf die Spur zu kommen. „Von zehn Menschen, die sich klinisch testen lassen, ist meist nur einer tatsächlich betroffen“, beruhigt Hertha Deutsch von der Arbeitsgemeinschaft für Zöliakie (Gluten-Intoleranz). Von unreflektierter Panik profitieren jedenfalls zahlreiche Anbieter, die vorgeben, Lebensmittelunverträglichkeiten austesten zu können. Auch die kostspieligen Diagnose- und Beratungsmethoden der neuen Trend-Diät Metabolic Balance, die sich auf Stoffwechseleigenheiten und Unverträglichkeiten bezieht, stehen heftig in der Kritik. Experten raten zu Erstinformation bei Intoleranzverbänden und zu umfassenden klinischen Tests. Aber auch die Alternativmedizin bietet Erfolg versprechende Methoden.

Lukrative Nische
Mit den Unverträglichkeiten werden neben den Testanbietern wieder Industrie und Handel das größte Geschäft machen. Der Markt für laktose-, gluten- oder fruktosefreie Produkte ist zwar klein, aber stark wachsend, ist sich der Handel einig. Ähnlich sah es vor fünf Jahren für den Bio-Markt aus. Auch dass die Preise der Spezialprodukte je nach Sparte zwischen 10 und stolzen 300 Prozent über jenen herkömmlicher Produkte liegen, scheint immer mehr Produzenten anzulocken. „Die Nische ist klein und immer stärker umkämpft“, sagt Caroline Thuile, Sprecherin des Südtiroler Unternehmens Dr. Schär, das sich auf die Herstellung glutenfreier Produkte spezialisiert hat. Zu Pionieren wie Schär oder der deutschen Molkerei Omira (Minus-L) haben mittlerweile auch die Eigenmarken heimischer Supermarktketten aufgeschlossen. Von den Rewe-Marken (Ja! Natürlich, Chef Menü) und NÖM (l.free) werden Intoleranzler schon länger versorgt. Jetzt tritt auch Spar mit einer eigenen Linie auf: Unter „free from“ werden 40 Produkte vertrieben, die frei von Gluten und Laktose sind. Spannend: Darunter findet sich auch Butter – ohnehin so gut wie laktosefrei. So wird das Geschäft noch zusätzlich aufgefettet.

Nina Kreuzinger, Martina Bachler

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