Trotz Aus im Semifinale: Deutschland ist die
Sensation der WM

Noch nie sind den Deutschen die Sympathien so zugeflogen wie in Südafrika. Eine Turniermannschaft waren sie immer. Aber eines der spielstärksten Teams selten. Deutschland neu braucht kein Glück und keine günstige Auslosung mehr.

Waren das noch Zeiten, als man in Südamerika über die Deutschen herzhaft lachte. Das Maracanã von Rio, Dezember 1987: Franco Foda darf im Freundschaftsspiel gegen Brasilien die letzten acht Minuten ran. Als die Einwechslung des Teamdebütanten über das Lautsprechersystem durchgesagt wird, kann sich das Publikum vor Prusten gar nicht mehr einkriegen. Erst später wird Franco Foda aufgeklärt: Aus dem Portugiesischen ins Plattdeutsche übersetzt, bedeutet sein Name „kostenlos Liebe machen“.

Heute bleibt allen Gegnern das Lachen im Halse stecken. Das Team von Joachim „Jogi“ Löw hat selbst die gnadenlosesten Piefke-Hasser und medialen Scharfrichter überzeugt: Deutschland 2010, das ist die Antithese zum schnoddrigen Rumpelfußball, Deutschland 2010 ist knackig, attraktiv, kreativ, offensiv. Jeweils ein Viererpack gegen Australien, England, Argentinien – die Torfabrik der WM genießt und schweigt: Auch Sprücheklopfen war gestern. Selbst Franco Foda, die Witzfigur von 1987, die heuer Sturm Graz zum Cupsieg coachte, hatte seinen Landsleuten den Höhenflug nicht zugetraut. Unmittelbar vor der WM standen andere Favoriten auf seinem Zettel – Spanien, Brasilien, Argentinien, England.

Vor Deutschlands EM-Revanche gegen Spanien im WM-Semi¬finale passierte selbst in Österreich etwas, was noch vor wenigen Wochen undenkbar schien: Die Zeitungsschlagzeile „Wir halten euch die Daumen!“. Ein Klimawandel, der sich in den Trainingslagern von Sizilien und Südtirol entfaltet haben muss. Der sonst österreichaff¬ine Löw dachte nicht im Traum daran, angesichts zahlreicher personeller Rückschläge, von Adler bis Ballack, in Suderei zu verfallen: „Deswegen brauche ich ja die Gesamtkonzeption nicht umstellen – die jungen Spieler müssen jetzt allerdings entschlossen in die Bresche springen und über sich hinauswachsen.“

Youngsters

Die dankten es dem 50-Jährigen aus Schönau im Schwarzwald – und wie! Schweinsteiger, erst 25, aber schon 80 Länderspiele alt, wuchs an der Seite von Neo-Kapitän Philipp Lahm zum Strippenzieher. Mesut Özil zauberte zum Auftakt gegen Australien und schoss ein Prachttor, als es wirklich wichtig war (1:0, Ghana). Thomas Müller, der noch in Südtirol mit dem Rad eine kapitale „Brezn“ gerissen hatte, erwies sich in Südafrika an allen Fronten als sattelfest: Ob im Mittelfeld rechts, links, zentral, halb hängend, voll im Sturm oder vor dem Mikro. Nach seiner Gala gegen England hatte der unbekümmerte Bayer beim TV-Interview die Chuzpe, seine Omas zu grüßen. Dass auch die viel gescholtenen Klose und Podolski ihre katastrophale Vereinsform nachhaltig abstreiften wie ein kratzendes Kunststoffleiberl, war das i-Tüpfelchen. Zufall ist das wohl alles nicht. Vertrauen macht sich bezahlt, Können sowieso. Und auch wenn Löw zwischendurch ausrastete – beim 0:1 gegen Serbien war fast alles schiefgelaufen –, am großen Bild änderte sich nichts. Tüftler und Ordnungsfanatiker Löw: „Unser Konzept für eine erfolgreiche WM ist vom Trainerstab bis ins kleinste Detail ausgearbeitet worden. Da ist nichts dabei, was mal eben so aus dem Bauch heraus entschieden wurde.“

Die hauseigene Leistungsdiagnostik ist top, der Fitness- Aufwand hoch. Das Gegner-Analysieren liegt in den Händen von Chefscout Urs Siegenthaler. Eine eigene Wissenschaft, wie der Schweizer FORMAT verrät: „Die Kunst ist es, 100 Infos auf zwei herunterzubrechen. Wenn Sie das schaffen, ist das die halbe Miete!“ Zuliefern ließ sich der gefragte Redner von einem Professor an der Sporthochschule Köln (Jürgen Buschmann), der mit 56 Studenten Dossiers über alle anderen 31 WM-Teilnehmer anlegte.

2007 durfte der ÖFB-Ex-Internationale Walter Kogler im Zuge seiner Trainerausbildung Löw, seinem ehemaligen Chef beim FC Tirol, in die Karten schauen – und da _ el ihm dessen Faible für Individualtraining auf: „Wenn jeder Einzelne gezielt an seinen Schwächen arbeitet, profitiert die ganze Mannschaft.“ In Wien bei der Austria wurde Löw selbst als Tabellenführer von Frank Stronach ins Handwerk gepfuscht – vorzeitige Trennung. Ein sportlicher wie menschlicher Verlust, findet der violette Pressechef Christoph Pflug auch noch sechs Jahre später: „Er war sehr korrekt, kollegial, hatte ein offenes Ohr für alles, lud sämtliche Betreuer zum Essen ein. Ihm ist es wirklich zu vergönnen, dass er mit den Deutschen nach den Sternen greifen darf!“

- Andreas Jaros

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