Susie Orbach: "Wir nehmen den Körperhass nicht einmal als Problem zur Kenntnis"

Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach, 63, hatte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie auf der Couch. Hier spricht sie über aktuellen Diätwahn, Schönheitschirurgie & den immensen Druck, den Körper zu perfektionieren.

FORMAT: In Ihrem neuen Buch „Bodies“ beschreiben Sie, dass Körperhass und Schlankheitswahn explosionsartig angestiegen sind. Was ist Ihre Diagnose?
Orbach: Dass wir den Körperhass nicht einmal als Problem zur Kenntnis nehmen, weil sich unsere gesamte Kultur dieser Obsession verschrieben hat. Auf der anderen Seite stehen die Industriezweige, die mit den Körperunsicherheiten der Menschen immer mehr Geld machen: die kosmetische Chirurgie, die Schönheitsindustrie, die Diätindustrie.
FORMAT: Tatsächlich sind aber auch immer mehr Menschen fettleibig.
Orbach: Die Fettleibigkeit ist ein Teil dieser Essstörung. Wir sind zwanghaft fixiert auf richtige Ernährung. Wenn es so etwas wie „normales“ Essen nicht mehr gibt, wenn man – wie viele junge Mädchen – vor lauter Sorge um Gewicht und um Kleidergrößen kein Gefühl mehr dafür besitzt, wann man Appetit hat und wann man satt ist, dann kann das unregelmäßige Essen zu extremer Dünnheit führen. Gleichzeitig kann es genauso leicht ins Gegenteil, also in Fettleibigkeit, umschlagen. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Anorexie oder Bulimie sind nur weniger sichtbar als Fettleibigkeit, aber sie sind deswegen nicht weniger verbreitet.

Der Preis für mehr Öffentlichkeit
FORMAT: Überrascht Sie dieser Körperkult? Drei Jahrzehnte nach Ihrem Buch „Fat is a Feminist Issue“ hat er sichtlich auch die Männer erfasst.
Orbach: Ich wünschte, ich wäre überrascht – aber man hätte diese Entwicklung schon damals vorhersagen können. In den 1980ern geschah Folgendes: Die Frauen kauften sozusagen ihre Körper zurück. Man gab ihnen mehr Rechte und mehr Platz im öffentlichen Leben – aber dafür mussten sie auch einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Diese Änderungen auf dem Arbeitsmarkt in den 80er-Jahren waren sichtbar, was dann umgekehrt dazu führte, dass Männermagazine anfingen, wie Frauenmagazine auszusehen. Plötzlich begannen auch die Männer, sich zu stählen, um sich in ihren trainierten Körpern besser zu fühlen.
FORMAT: An welchem Punkt ist die Sache schiefgelaufen?
Orbach: Der Feminismus wollte das Wesen der Arbeit ändern. Stattdessen arbeiten Frauen mehr und mehr. Es ging nicht einfach nur darum, dieselben Jobs wie Männer zu machen. Auf diesem Gebiet haben wir verloren. Und auf dem Gebiet des Körpers auch.

"Wir warnen nicht vor bearbeiteten Bildern"
FORMAT: Sie schreiben, dass jeder von uns wöchentlich bis zu 5.000 Bildern von Körpern ausgesetzt ist, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden.
Orbach: Wir schreiben Gesundheitswarnungen auf jedes Päckchen Zigaretten, aber wir warnen nicht vor bearbeiteten Bildern. Das ist ein Problem. Gegen diese Monokultur der Körperdarstellungen hilft nur eine Gegenbewegung. Vor allem Eltern müssen versuchen, nicht zu sehr von ihren eigenen Körpern besessen zu sein, damit die Kinder weniger von der Bilderflut gefangen genommen werden können. Die Tatsache, dass Probleme wie Körperhass, Körperkult, Essstörungen und Diätwahn so explodiert sind, lässt mich aber glauben, dass wir derzeit keine Körper heranziehen, die sich sicher fühlen. Die Instabilität setzt sich über die Jahre fort.
FORMAT: Dann treten Schönheits-, Kosmetik- und Diätindustrie auf den Plan …
Orbach: … die sich das zunutze machen und den Menschen bei ihren Problemen helfen. Denn die Leute denken sich ja nicht: „Das ist eine schreckliche Industrie!“, sondern: „Eine Nasenoperation oder eine Diät wird mir sicher helfen!“

An der Grenze zum Körperfetischismus
FORMAT: Geht es Ihnen da anders?
Orbach: Nein, durchaus nicht. Ich sehe eine Werbung für eine neue batteriebetriebene Wimperntusche und denke mir: „Oh, das ist ja super!“ Dann lache ich über mich und denke an die drei Wimperntuschen, die ich schon in der Tasche habe.
FORMAT: Wo genau liegt denn die Grenze zwischen harmloser Beschäftigung mit der Schönheit und ungesundem Körperfetischismus?
Orbach: Ich kann die Frage nur über einen Umweg beantworten. Im Vorjahr wurde Barbies 50. Geburtstag gefeiert. Als meine Tochter, die jetzt 20 ist, klein war, dachte ich, es sei kein Problem, wenn sie mit Barbie-Puppen spielt. Ein Spielzeug wie jedes andere: ein Ort der Imagination, kein wirkliches Vorbild, einfach ein Gegenstand, der einen zum Träumen bringt und die Fantasie anregt. Nicht anders als das Spielen mit einem Kinder-Postbüro. Irgendwann lässt das Interesse daran nach. In der Zwischenzeit aber sieht man viele Frauen, die wie lebende Barbies aussehen. Damit kommen wir zur Frage nach der Grenze zurück: Sie ist fließend, aber sie ist überschritten, wenn die Beschäftigung mit dem Körper keine Quelle der Freude mehr ist, sondern anfängt, einen zu quälen. Ich meine nicht das Auftragen von Lippenstift. Für viele Leute ist ihr Körper ein riesiges Projekt.

"Druck anerkennen und darüber schmunzeln"
FORMAT: Würden Sie eine Schönheitsoperation bei einem Ihrer Klienten auf jeden Fall als Problem betrachten?
Orbach: Nicht automatisch. Ich bin keine Malen-nach-Zahlen-Therapeutin. Ich denke, ich würde mich aufs Zuhören verlegen. Was tut ein Psychoanalytiker? Er hilft einem Menschen, über seine Verhaltensweisen, Motivationen und Gefühle nachzudenken. Ich hatte Leute in meiner Praxis, die schönheitsoperiert waren. Es ist verzwickt. Außerdem hat sich die Schönheitschirurgie tatsächlich zu etwas ziemlich Alltäglichem entwickelt. Sie hat eine andere Bedeutung bekommen.
FORMAT: Wenn es also keinen „normalen“ Körper gibt, dann bleibt als einziges Beurteilungskriterium für ein positives Körperverhältnis, ob man sich in seinem Körper gut fühlt?
Orbach: Richtig. Anders gefragt: Was wäre eine nicht-psychotische Position gegenüber dem eigenen Körper? Das hieße, den Druck von außen anzuerkennen und sich dessen bewusst zu sein, darüber zu schmunzeln, sich meinetwegen auch Gedanken zu machen, sich aber trotzdem auf einer fundamentalen Ebene in seinem Körper stabil zu fühlen.

"Dove-Werbung funktioniert über Erleichterung"
FORMAT: Sie haben für die Kosmetik-Marke „Dove“ eine Werbekampagne mitkonzipiert, die ganz normale Frauen zeigt. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Orbach: Die Menschen sehnen sich nach etwas anderem. Ich glaube, am Anfang haben sie die Plakate gesehen und sich gefragt: „Was ist denn das? Da stimmt was nicht.“ Aber es funktioniert. Es funktioniert über eine Art Erleichterung.
FORMAT: Was war Ihre Vision?
Orbach: Die Frage, ob es möglich ist, die Sehgewohnheiten zu verändern. Ich glaube allerdings, dass wir noch nicht sehr weit gekommen sind damit.
FORMAT: Die berühmteste Patientin Ihrer Analysepraxis war Prinzessin Diana, die Sie wegen ihrer Bulimie behandelt haben. Sind Prominente mehr gefährdet als andere Menschen, Essstörungen zu bekommen – einfach, weil sie mehr unter Druck stehen?
Orbach: Nein, das glaube ich nicht. Der Druck mag größer sein, aber das ist nicht der entscheidende Faktor. Die ganze Zeit fotografiert zu werden kann es schwieriger machen. Es ist aber kein wesentliches Kriterium für die Entwicklung von Bulimie.

Keine Körper-Kritik vor der Tochter
FORMAT: Was haben Sie getan, damit Ihre eigene Tochter keine Körperunsicherheiten entwickelt?
Orbach: Ich war sehr streng mit allen, die Zeit mit ihr verbrachten, mit Au-pair-Mädchen oder Babysittern. Ich sagte ihnen: Ich möchte nicht, dass ihr in Gegenwart meiner Tochter vor dem Spiegel steht und „Ich hasse meinen Körper“ sagt oder „Mein Busen ist zu klein“. Ich wollte nicht, dass sie erlebt, wie Erwachsene ihren eigenen Körper kritisieren. Gleichzeitig habe ich immer wieder mit ihr über ihren Körper, wie er ist, gesprochen. Ich wollte, dass sie ihren Körper als Anlass zur Freude wahrnimmt und sie so ein bisschen geschützt ist gegen den Druck von außen.

Interview: Julia Kospach

Susie Orbach
Die britische Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin Susie Orbach, 63, wurde 1978 mit ihrem ersten Buch „Fat is a Feminist Issue“, das sich mit den Einstellungen von Frauen zu Ernährung, Übergewicht und Diäten beschäftigt, schlagartig bekannt. Sie gründete das „Women’s Therapy Centre“ in London und New York und hat eine Professur an der renommierten London School of Economics. Sie behandelte Prinzessin Diana wegen deren Bulimie. Orbach war Mitentwicklerin der seit 2004 laufenden Werbe- und Marketingkampagne der Kosmetikfirma „Dove“, in der „normale“ Frauen verschiedener Altersgruppen die Vielfalt von Frauenkörpern abseits des Fotomodell-Klischees repräsentieren. In ihrem neuen Buch „Bodies. Schlachtfelder der Schönheit“ (Arche, 200 S., € 18,40) untersucht sie den Körperfetischismus der industrialisierten Welt und zeigt, wie sehr unser Selbstwertgefühl durch unser Körpergefühl geprägt und oft destabilisiert wird.

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