Südafrika: Lebendige Literaturszene ist Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch

Wer Südafrika wirklich kennen lernen will, muss lesen: Die lebendigste Literaturszene des ganzen Kontinents – zwischen Krimis, historischen Stoffen und Milieustudien. Plus: Literaturtipps

Sie nennen ihn Madiba. Das ist Nelson Mandelas königlicher Clan-Name. „Ich fühle mich wie ein junger Mann von 15 Jahren“, sagte Madiba an diesem Tag vor sechs Jahren in Zürich, strahlte übers ganze Gesicht, und sein weißes Kraushaar leuchtete mindestens so wie sein goldfarbenes Hemd mit den Blütenornamenten. Gerade hatte der Chef der FIFA, Joseph Blatter, Südafrika die Fußball-WM 2010 zuerkannt. Madibas legendärer Charme soll viel zu Blatters Entscheidung beigetragen haben. Der Freudentaumel kannte keine Grenzen. Als junger Mann hatte Mandela geboxt, später als berühmtester politischer Häftling der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt Fußball gespielt – im Gefangenenfußballverband Makana Football Association.

Lebensgeschichte in acht Bänden

Damit ist man mittendrin in der zeitgenössischen südafrikanischen Literatur und bei „The Madiba Legacy Comics“, der Geschichte des Lebens von Nelson Mandela in acht Comic-Bänden. Die Bände – der erste erschien 2005 – wurden in einer Auflage von jeweils über einer Million frei im ganzen Land verteilt. Ein Massen-Comic als Ansporn in einem Land, das in Gewalt, Kriminalität und sozia­ler Ungleichheit versunken ist, das mit einem entfesselten HIV/Aids-Problem, mit Korruption, Massenarbeitslosigkeit, Flüchtlingsströmen aus Simbabwe und Somalia und den Gespenstern seiner totalitären Vergangenheit zu kämpfen hat.

Lebendige Literatur

All das spiegelt sich auch in Südafrikas Literatur, die die lebendigste auf dem ganzen Kontinent ist. Das evident Politische, das so lange ihr Hauptmerkmal war, hat mehr privatem Erzählen Platz gemacht. Insgesamt handelt es sich um eine Gemengelage, in der die Strömungen der Apartheid-Zeit – sprich die Exil­literaten wie Breyten Breytenbach oder Dennis Brutus, die schwarze Literatur mit Vertretern wie Zakes Mda und die weiße Literatur mit Namen wie Nadine Gor­dimer, J. M. Coetzee oder André Brink – auf eine ganz junge, quietschlebendige, urbane Literaturszene der 25- bis 35-Jährigen treffen, die einem neuen Sound und Geschichtsbewusstsein anhängen. Dazu gehören Künstler wie die international erfolgreiche Poetry-Performerin und Schauspielerin Lebogang Mashile, 31, die für ihre musikalischen Live-Auftritte berühmt ist. Gerade hat der deutsche Wunderhorn Verlag seine brandneue Serie mit zeitgenössischer afrikanischer Literatur mit Mashiles Gedichtband „Töchter von morgen“ eröffnet.

Suche nach der Wahrheit

Es gibt aber auch die, die wie der 47-jährige Bestsellerautor Damon Galgut der Meinung sind, „dass man die Wahrheit über Südafrika nur finden kann, wenn man aus den Städten, den Zentren, hinausfährt in die kleinen ländlichen Käffer“. Das Einzige, so Galgut, was sich dort geändert habe, sei „die Flagge über der Polizeistation“. In seinem Roman „Der gute Doktor“ (2006) treffen das Alte und das Neue in Gestalt zweier Ärzte in der heruntergekommenen Hauptstadt eines Homelands aufeinander: Der Alte ist ein Zyniker, der Junge voll Tatendrang. Galgut beherrscht das Spiel mit den Ambivalenzen seines Heimatlandes perfekt. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch Malla Nunns Kriminalroman „Ein schöner Ort zu sterben“. Nunn, als Tochter eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter in Swasiland geboren, emigrierte mit ihren Eltern in den 1970er- Jahren nach Australien.

Schwarze Sündenböcke

Ihr Krimi spielt in einem südafrikanischen Dorf der 50er-Jahre und beschreibt, was passiert, wenn weiße Herrenmenschen im Geheimen ihrer bigotten Fassade der Wohlanständigkeit zuwiderhandeln und deshalb schwarze Sündenböcke brauchen. Spuren des Alten überall: Erst 2001 etwa hob das Bildungs­ministerium nach lautstarken Protesten die Verbannung von Nadine Gordimers Roman „Julys Leute“ (1981) aus der Provinz Gauteng auf. Schon früh hatte die angesehene Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 1991 eine konsequente Anti-Apartheid-Haltung eingenommen, ihre Bücher befassen sich mit der Realität des ­sozialen Unrechts in ihrem Land.

Auch der Roman „Schande“ des zweiten südafrikanischen Literatur­nobelpreisträgers J. M. Coetzee konnte erst im selben Jahr auf die Bücherregale der Provinz zurückkehren: In „Schande“ (1999) beleuchtet Coetzee einmal mehr, wie die nationale Geschichte von Hass, Brutalität und Ungerechtigkeit in den Köpfen der Menschen weiterwirkt – auch unter den neuen Machtverhältnissen.

Kampf der Zensur

Mit der Zensur zu kämpfen hatte auch André Brink. Schon sein erster Roman wurde 1973 verboten. „Dem damaligen Regime gefiel nicht, dass ich über die Liebe eines Weißen zu einer Schwarzen erzählte.“ Brink schrieb und schreibt in seiner ersten Muttersprache Afrikaans: „Afrikaans war die Sprache des weißen Apartheid-Regimes, und ich wollte sie in ihrer eigenen Sprache ­treffen.“

Brink, der immer wieder historische Stoffe ­literarisiert, gilt auch als einer der Vertreter des südafrikanischen magischen Realismus: In seinem Roman „Kupidos Chronik“, in dem es um den ersten schwarzen Missionar der burischen Kolonie Südafrika geht, geschehen Wunder ebenso selbstverständlich wie in „Die andere Seite der Stille“, in dem ein geschundenes, vergewaltigtes deutsches Dienstmädchen, das sich in der Kolonie Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, eine bessere Zukunft erhofft, zur Leitfigur eines Rachefeldzugs der Unterdrückten wird. Es ist Brinks halluzinatorische, mitreißende Studie über südafrikanische Bigotterie und Unkultur, seine Art, „die Dunkelheit in uns selbst zu beschreiben“.

Krimiboom

Mit dieser dunklen Seite hat wohl auch der Krimiboom der südafrikanischen Literatur zu tun. „Es regnet Krimis, vielleicht weil die Gegenwart als dauerhaft bedrohlich gewalttätig empfunden wird, vielleicht weil es die einzige Möglichkeit ist, sich vom Schreiben zu ernähren“, sagt Ilija Trojanow, deutschbulgarischer Bestsellerautor („Der Weltensammler“) und großer Afrika-Reisender, der bis 2008 einige Jahre in Kapstadt gelebt hat und ­gerade den Klassiker der südafrikanischen Short Story, Herman Charles Bosman (1905–1951), mit dem Band „Mafeking Road“ erstmals auf Deutsch herausgegeben hat.

Held der Krimiszene ist der 1958 geborene Deon Meyer, der in Krimis wie „Dreizehn Stunden“ hochspannende, profunde Soziogramme einer in vielfältigen Umbrüchen befindlichen Gesellschaft zeichnet. Nicht weniger rasant mit der Zerstörung der Postkartenschönheit seiner Heimat beschäftigt ist Roger Smith, Jahrgang 1960, in „Blutiges Erwachen“: Sein Kapstadt ist das der Elendsviertel, der billigen Drogen und Bandenkriege, in dem ein jeder Lichtjahre entfernt ist von einem besseren Leben im neuen Multikulti-Südafrika. Wie hatte Mandela gesagt? „Wer Hass verspürt, kann nicht frei sein.“ So gesehen, kann es noch ein bisschen dauern mit einem freien Südafrika.

Julia Kospach

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