Sir Patrick Leigh Fermor entführt seine Leser auf die Peloponnes-Halbinsel Mani

Ein Besuch bei dem britischen Gentleman-Abenteurer und Reiseschriftsteller Sir Patrick Leigh Fermor auf der Peloponnes-Halbinsel Mani. Plus: Reiseliteraturtipps.

Es war in einer Aprilnacht des Jahres 1944, als der Wagen von General Heinrich ­Kreipe auf der Straße Richtung Heraklion aufgehalten wurde. Zwei Männer in deutschen Offiziersuniformen näherten sich, Türen wurden aufgerissen, Kreipe – Oberbefehlshaber des von Nazi-Deutschland besetzten Kreta – mit einem Messer an der Kehle auf den Rücksitz gedrängt. Einer der ­beiden Offiziere drückte sich Kreipes Generalshut tief in die Stirn, der andere übernahm das Steuer. In dieser Nacht passierten die tollkühnen Entführer unbehelligt 22 deutsche Checkpoints. Zwei Wochen später übergaben sie Kreipe dem Hauptquartier der Alliierten in Kairo.

Autor im Schafspelz

Der junge Mann, der in jener Nacht in Kreipes Haut geschlüpft war und Deutschland eine bittere ­Demütigung zufügte, war Major einer britischen Sabotage-Einheit, die hinter den feindlichen Linien den griechischen Wider­-
­stand unterstützte. Zwei Jahre hatte er als Schafhirte verkleidet in den kretischen Bergen gelebt. Die Kreipe-Entführung machte ihn zum von Briten und Griechen gleichermaßen bewunderten Kriegshelden. Berühmt wurde er in einem anderen Metier – als Reiseschriftsteller.

Adel verpflichtet

Sein Name ist Patrick Leigh Fermor oder auch Sir Patrick, seit die Queen den heute 95-Jährigen vor sechs Jahren in den Adelsstand erhoben hat. Die ­Geschichte der Kreipe-Entführung wurde 1957 mit Dirk Bogarde in der Rolle Fermors verfilmt. „Eine Mischung aus Indiana Jones, James Bond und Graham Greene“ nannte die BBC Fermor einmal. Und ein Lehrer aus Fermors Privatschuljahren in England sagte über ihn: „Er ist eine so gefährliche Mischung aus Kultiviertheit und Verwegenheit, dass man sich Sorgen wegen seines Einflusses auf andere Jungen macht.“ Das ist bis heute die Faszination, die von Fermor ausgeht.

Magische Mani
Fermor lächelt aus milchig-trüb gewordenen Augen. Ein schönes Altmännergesicht unter gewelltem weißem Haar, seine knorrigen Hände auf einen Stock gestützt. Durch die offenen Flügeltüren weht der Fresienduft und das Summen und Zwitschern eines südgriechischen Frühlingsvormittags in den Salon der Villa im spätbyzantinischen Stil, die Fermor in den 1960er-Jahren nach eigenen Plänen mit griechischen Freunden gebaut hat. „Die Steine für den Hausbau haben wir mit Maultieren von den Bergen heruntergetragen. Meine Frau Joan und ich lebten zwei Jahre in einem Zelt“, erzählt er. Nach dem Krieg waren sie über die Berge in die Mani gekommen, hatten das karge Land der Tausenden kleinen Kirchen, mit seinen Trutzburgen von Dörfern, mit seinen steini­gen Gebirgszügen und Schluchten, den terrassierten Olivenhainen und dem kurzen, frühlingshaften Blütenrausch an den Küsten kreuz und quer durchstreift.

Griechische Antike als Passion

Seit jeher liebte Fermor das antike Griechenland, und hier ließen sich noch Reste davon finden – in der den Manioten heiligen Gastfreundschaft, in den ­vielen Höhlen und Grotten, die noch immer von Satyrn und Nymphen bevölkert scheinen, in Orten wie Aeropoli, der Stadt des Kriegsgottes Ares, oder in Kardamili, das dem antiken Sparta als Hafen gedient hatte. ­Fermors Buch „Mani“, ein sehnsuchtsvoller, gelehrter Reisebericht über eine Spurensuche nach dem byzanti­nischen Erbe der Mani, das nun in einer exzellenten Neuübersetzung im Dörlemann Verlag erschienen ist, lockte viele auf die raue Halbinsel der Peloponnes. Auch eine ganze Reihe von jüngeren Reiseschriftstellern. Ihnen wurde Fermor zum Säulen­heiligen, zum letzten lebenden Fürsten der klassischen ­Reiseliteratur. Einer von ihnen war Bruce Chatwin, mit dem Fermor eng befreundet war.

Ausflug in magische Welten

Fermor erzählt auch von einer Party in London, auf der er Marlene Dietrich kennen lernte, vom Londoner Travellers’ Club auf der Pall Mall, von den Kriegsjahren auf Kreta, dem wunderbaren Menschenschlag der ­
Kreter und vom griechischen Wort „leventiá“, für das es keine adäquate Übersetzung gibt. Es beschreibt einen Menschentyp, eine Haltung und ein Bündel von Eigenschaften: Temperament, Mut und Kraft, heiteren Sinn, rasche Auffassungsgabe, Kultiviertheit, Gastfreundschaft, gutes Aussehen, ein Talent fürs Tanzen, Singen und Feiern, Begabung für Freundschaften, Kühnheit und – wenn es nötig ist – eine gewisse „I don’t give a damn“-Haltung. „Das ist herrlich“, sagt Fermor, und es ist, als beschriebe er sich selbst und seinen Umgang mit dem Leben.

Kreta als Abenteuerspielplatz

„Bei Ihnen klingen die Kriegsjahre auf Kreta wie ein großer Abenteuerspielplatz.“ „Ach, wissen Sie, es war eine Mischung aus beidem: Krieg und ­Abenteuer.“ „War es nicht auch schrecklich?“ „Nein. Ich liebte es. Ich hatte so wunderbare Gesellschaft. In den Dörfern, in die wir kamen, gaben sie uns alles, was sie hatten. Sie hungerten, damit wir etwas zu essen hatten.“ „War­um haben Sie sich dann hier auf der Mani niedergelassen und nicht auf Kreta?“ „Ich wollte schreiben. Auf Kreta wäre ich vor lauter Feiern nicht zum Arbeiten gekommen. Wenn ich dort bin, muss ich bis zu sechs Festessen pro Tag absolvieren.“ Fermor lacht. „Ich hatte Glück. Ich habe großartige Zeiten und Menschen erlebt.“

Weltenbummler

Im Lauf seines Lebens verbrachte Fermor Monate in französischen Klöstern, beobachtete Voodoo-Zeremonien auf Haiti, durchkletterte die Anden, erlebte in Moldawien eine große Liebesgeschichte mit einer rumänischen Prinzessin und durchschwamm noch als über 60-Jähriger die Dardanellen – als Hommage an seinen Helden Lord Byron. Über viele dieser ­Abenteuer hat er Bücher geschrieben, die zugleich elegant, lebenslustig und gelehrt sind. Sein berühmtester Reisebericht ist erst seit ein paar Jahren auf Deutsch zugänglich: die Beschreibung seiner einjährigen Fußwanderung
von Rotterdam nach Konstantinopel 1933/34. „Die Zeit der Gaben“ heißt der erste Band, der 2005 einen Glücks­taumel in den Feuilletons auslöste, der zweite „­Zwischen Wäldern und Wasser“ (2006). Am dritten Band arbeitet er gerade.

Quer durch Europa

Hatte der erste Band ihn durchs winterliche Holland, durch das Deutschland und Österreich der erstarkenden Nazi-Herrschaft und die Tschechoslowakei geführt, so führte Band zwei über Budapest durch die ungarische Tiefebene und in die Wälder Transsilvaniens bis zur bulgarischen Grenze. Der junge Brite wurde von Herrenhaus zu Herrenhaus und von Schloss zu Schloss weitergereicht.

Gute Figur

Bei seiner Ankunft eine wandelnde Säule aus Staub und Schweiß, machte er abends in Tweedjacket und Tennisschuhen auch in den Salons gute ­Figur. In einem Schlossgarten in Südostungarn spielte er Fahrradpolo. Mit einem Grafen und einem Erzherzog rauchte er eine ein Meter lange Wasserpfeife und ­fühlte sich dabei, als sei er „halb Pascha, halb paffende Raupe aus Alices Wunderland“. Er führte mit einem trans­silvanischen Franziskaner in Küchenlatein ein Gespräch übers Kegeln und balgte sich „in einem Gestöber aus Heu und Gerste und Gelächter“ splitternackt auf einem Feld mit zwei Bauernmädchen. Dazwischen übernachtete er in Heuschobern und unter Bäumen, wurde von Hirten bewirtet und teilte sein Essen mit Zigeunern.

An diesem Abend erzählt Fermor auch von einem frühen Morgen im April 1944 in den kretischen Bergen, wohin er seine Geisel, General Heinrich Kreipe, gebracht hatte. Es war kühl, und die Sonne ging gerade erst hinter dem Berg Ida auf. Als Kreipe angesichts des Gipfels einige Verse von Horaz murmelte, setzte Fermor genau dort ein, wo der General aufgehört hatte. Kreipe schwieg, sah seinen jungen Entführer lange an und sagte schließlich: „Ach so, Herr Major.“ „Ja, Herr General“, antwortete Fermor auf Deutsch. Von diesem Moment an sei ihr Verhältnis freundlich gewesen, erzählt ­Fermor: „Wir hatten aus derselben Quelle getrunken.“

Julia Kospach

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