Sex unter Druck: Übermäßige Freizügigkeit lässt vor allem den Verkehrsstress wachsen

Stressfrei Sex zu haben ist nicht einfach, wenn überall erklärt wird, was auf der Fuck-List abgehakt gehört. Wie man Erotik-Fallen umgeht und trotzdem seinen Mann steht.

„Ich habe meine total unerfahrene Freundin so weit gebracht, dass sie bei allen sexuellen Experimenten mitmacht. Spaß macht es trotzdem nicht, weil sie keinen Mucks von sich gibt.“ – Die Erkenntnis, dass die Rea­lität im Boudoir mit den von Medien inszenierten Hochglanzwelten nicht wirklich zusammengeht, sorgt bei Männlein und Weiblein gegenwärtig für Ratlosigkeit. Das wird deutlich, wenn man den gesammelten Fragen-und-Antworten-Katalog durchliest, der Gerti Senger, ­Österreichs erste Anlaufstelle für Beziehungskummer aller Art, im Laufe der letzten Jahre so erreicht hat. In „Sorge dich nicht – liebe!“ (Amalthea Verlag) lässt sich die volle Ladung Verunsicherung nun in geballter Form nachlesen. „Meine Freundin, 23, sagte mir in einer schwachen Stunde, dass ihr bei einem Mann ein String-Tanga total gefallen würde. Ich finde das so was von grausig. Soll ich darüber hinweggehen?“

Verkehrsstress  
Es scheint so, als habe der völlig freizügige Umgang mit Sexualität und der unbeschränkte Zugang zu einschlägigen Inhalten auf allen medialen Kanälen das genaue Gegenteil von sexueller Aufklärung bewirkt. Niemand kennt sich mehr aus, keiner weiß genau, was er will, und der Erwartungsdruck sich und anderen gegenüber wächst. Stressfreier Verkehr? Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Zwischen den Leintüchern muss es heute das volle Programm sein. Alle Körperöffnungen sind zum Herzen da, im Swingerclub soll man gewesen sein, SM-Erfahrung gehört dazu, und auch ein flotter Dreier sollte irgendwann mal geschoben worden sein. Im Idealfall in einer Flugzeugtoilette, um so beim Vögeln gleich zwei (eigentlich vier) Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Alles geht rein, alles ist erlaubt, und ein Bekenntnis zur Missionarsstellung stempelt einen da schnell zum prüden, erotischen Fadgas. Sofern darüber gesprochen wird. Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Denn mit einer älteren Generationen völlig unbekannten Offenheit wird heute über Sex geplaudert. Auch über den langweiligen.

Sie weiß, was sie will
Ein derartiger Paradigmenwechsel geht an den Herren der Schöpfung nicht spurlos vorüber. „Dass Frauen genau wissen und deutlich machen, was sie wollen, und auch darüber reden, bringt tradierte Rollenbilder ins Wanken und erschüttert männliche Grundpositionen“, erörtert Gerti Senger. Untere Gefilde wurden zum Thema feuchtfröhlicher Prosecco-Damenrunden. Auch weil – zwar ein alter Hut – die US-Serie „Sex and the City“, bevor sie endgültig zur Präsentationsfläche von Product-Placement wurde, hier nicht unbedeutende mediale Aufklärungsarbeit geleistet hat. Themen wurden darin zur Sprache gebracht, über die bislang, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand unter bes­ten Freundinnen palavert wurde. Penis­längen, Ejaculatio praecox, Analverkehr. Popoklatsch und Tratsch fürs neue Jahrtausend. „Die Serie ist sicher ein Grund dafür, dass offener über Sex gesprochen wird, aber auch Formate wie Liebe Sünde oder Wa(h)re Liebe haben am Anfang zumindest dieses Thema gut aufbereitet“, fasst Sigrid Neudecker zusammen. Die österreichische Journalistin hat eben das Taschenbuch „Wie war ich?“ (Fischer) veröffentlicht und spürt darin dem Mythos vom perfekten Sex nach. „Ich habe mich gefragt, was heute ein sexuell aktiver Mensch so draufhaben muss“, erklärt Neudecker ihre Intention für dieses Buch. „Meine Beobachtung war, dass wir alle unter Druck stehen. Frauen müssen rasiert sein, Männer blind den G-Punkt finden.“

Öffentliche Intimbeichten
Das Muss der Freizügigkeit sorgt eben für Druck und auch dafür, dass man plötzlich viel mehr über seine Mitmenschen erfährt, als man ursprünglich eigentlich wissen wollte. „Der Mensch hat sich vom Nasentier, das sich von Gerüchen leiten ließ, übers Augentier, das auf Bilder reagiert, hin zum Geständnistier entwickelt“, erklärt Gerti Senger das unter Zeitgenossen grassierende Mitteilungsbedürfnis in Sachen Intim-sphäre und legt sozialpsychologisch nach: „Das scheint sich aus dem Beichtprinzip heraus entwickelt zu haben, die Medien multiplizieren das und erteilen gleich auch noch die Absolution.“ Und gebeichtet wird viel. „Ich will von Menschen eigentlich nicht wissen, wo es gerade juckt und brennt“, meint Sigrid Neudecker dazu, die in ihrem Buch eben auch den Grenzabbau des Intimen und ­Privaten, der von Print, TV und dem Internet forciert wird, thematisiert. Und wo es gerade juckt und brennt, erfährt man ­eigentlich rund um die Uhr.

Bett-Pannen
Penisbrüche bei Promis, Brustvergrößerungen an Sprechpüppchen oder die Inszenierung gecasteter Talkshow-Gäste, die der Peinlichkeit immer mehr neue Facetten hinzufügen. Das färbt auf Medienkonsumenten ab und lässt sich täglich aufs Neue überprüfen, wenn etwa wildfremde Menschen ihr Privatleben gut hörbar für die nähere Umgebung via Handy im öffentlichen Raum ausbreiten. „Du glaubst nicht, wen ich gerade in der Pilz-Ambulanz getroffen habe“ ist unter üblichen Gesprächsbedingungen schon ein heikler Satz. Ins Telefon gebrüllt, ist er Fremdschämen für Fortgeschrittene.
Ist also Kulturpessimismus angebracht, wenn man nachfragt, wo dies noch hinführt? „Ich bin keine Zukunftsforscherin, aber ich glaube, dass es als Antwort auf ­diese Strömungen einen Rückwärtssalto in Richtung Wiederentdeckung der Romantik geben wird“, meint etwa Senger. Und auch Sigrid Neudecker hat ein Rezept gegen medialen Dauerdruck in Sachen Sex parat: „Man muss sich die ganzen Messages und Einflüsterungen, die verbreitet werden, bewusst machen. Außerdem müssen wir lernen, uns wieder zu entspannen. Man darf durchaus auch Blümchensex haben!“

Von Manfred Gram

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