Schummeleien sind en vogue: Die meisten Lügengeschichten sind harmlos und nützlich

Notlügen, Geltungslügen, Betrug & Selbsttäuschung: Die Lüge ist aus unserem Dasein nicht mehr wegzudenken. Wie und warum wir lügen und wie man sich schützt.

„Lügen – aber richtig!“ empfiehlt Peter Stiegnitz, Soziologe, jedem Menschen. Mit der Einschränkung, dass die Lüge niemandem Schaden zufüge und moralische Grenzen nicht überschreite. Für Stiegnitz ist die Lüge nämlich dazu da, einfacher durch den Alltag zu kommen. „Die Lügerei beginnt üblicherweise schon früh am Morgen, wenn man sich zum Beispiel nach dem Wohlergehen der werten Kollegen am Arbeitsplatz erkundigt, obwohl es einen überhaupt nicht interessiert“, spricht Stiegnitz gelassen. Auch weil er weiß, dass die übliche Antwortfloskel darauf – „Danke, gut!“ – meistens ebenso gelogen ist und nicht wirklich zutrifft. „98 Prozent unserer Lügen sind harmlos und aus psychohygienischen Gründen notwendig und nützlich“, erklärt der Lügenprofi, der in seinem Buch "Lügen – aber richtig" in die Welt des Schwindelns einführt. (siehe Buchtipps)

Lügen, bis sich die Balken biegen
Auf diese Weise kommt der Mensch auf beachtliche 200 Lügen täglich. Festzuhalten dabei wäre: Nicht die Frauen sind das verlogene Geschlecht, sondern die Männer. Die lügen nämlich um rund 20 Prozent häufiger. In der männlichen Lügen-Hitliste ganz oben steht das Vortäuschen von Kenntnissen beim Auto, gefolgt von Schönfärberei, die eigene Job-Description betreffend. Und man stellt sich gerne sportlicher und aktiver dar, als man ist. „Ganz anders die Frauen: Trotz Emanzipation lügen Frauen am häufigsten bei Alter und Gewicht. An dritter Stelle steht die partnerschaftliche Treue“, so Stiegnitz. „Diese harmlosen Lügen und kindischen Flunkereien sind das Schmiermittel unserer Gesellschaft, sofern man die moralischen Grenzen nicht aus den Augen verliert“, meint der Experte.

Die Gier als Lügenmotor
Diese Grenze ist schnell definiert und ebenso schnell überschritten. Sie verläuft nämlich da, wo einem anderen durch Lügen bewusst Schaden zugefügt wird. So schlägt sich eine der kostspieligsten Lügen aller Zeiten mit 50 Milliarden US-Dollar zu Buche. „Ich habe Investoren mit Geld bezahlt, das eigentlich gar nicht da war“, gab im Vorjahr der Börsenmakler Bernard Madoff zu Protokoll, als sein aufgezogenes Schneeballsystem ins ökonomisch Bodenlose rutschte. Lächerlich dagegen nehmen sich die 4,9 Milliarden Euro aus, die der Franzose Jérôme Kerviel bei der Großbank Société Générale an fremden Geldern verspekuliert hat. Und der volkswirtschaftliche Schaden, den Schwarzarbeit, kleine Bilanz-Kosmetik, Insiderhandel, geheime Absprachen oder Steuerbetrug anrichten, lässt sich gar nicht beziffern.

Drang nach Geltung und Macht
Geltungsdrang hält wiederum den Motor in Politik und Gesellschaft am Laufen. Unvergessen, wie sich US-Präsident Richard Nixon in den 70er-Jahren öffentlich durch die Watergate-Affäre log. Und dass die Administration George W. Bush jun. den Irakkrieg mit ominösen Massenvernichtungswaffen legitimierte, ist längst in die Annalen der Lügen-„Geschichte“ eingegangen. Da nehmen sich nicht eingehaltene Wahlversprechen (als Dritter in die Opposition, Abschaffung der Studiengebühren, keine Steuererhöhungen) als tolerierbare Schummeleien aus, die zum politischen Tagesgeschäft, zum „nona part of the game“ (© Uwe Scheuch), gehören. „Es ist ein alter Topos, dass man dem Volk die Wahrheit nicht zutrauen kann. Aber wenn man das Richtige macht, darf man es belügen. Das steht schon bei Machiavelli“, fasst der Philosoph Konrad Paul Liessmann (siehe Interview) diese viel diskutierten Formen der Lüge zusammen. Generell besteht die große Kunst des Lügens eben darin, widerspruchsfrei zu lügen, wozu man viele kognitiven Fähigkeiten braucht – egal ob im privaten oder beruflichen Alltag.

Münchhausen lügt sich nach oben
Erfolgreicher im Berufsleben ist man jedenfalls, wenn die Kulturtechnik des Lügens einigermaßen beherrscht wird. „Jemand, der lügen kann, hat immer zwei Möglichkeiten und kann zwischen Wahrheit und Lüge wählen. Und eine Wahl zu haben ist immer besser, als keine zu haben“, spezifiziert Liessmann. Die kleinen Schummeleien des Berufsalltags beginnen meist schon beim Frisieren des Lebenslaufs und beim Motivationsschreiben. Und auch so mancher Jobkandidat, eingehüllt in feinstes Tuch, könnte bei genauerem Hinsehen bereits beim Bewerbungsgespräch als kleiner Hochstapler entlarvt werden. Hat man den Job, geht das muntere Spielchen erst richtig los. Harmlos ist da noch, wer sich selbst belügt und sein eigenes Licht unter den Scheffel stellt. Auch nicht ganz so schlimm, wenn man sich im Berufsleben ein wenig selbst überschätzt und kräftig auf die Schnauze fällt. „Problematisch wird es, wenn im kollegialen Bereich unterdrückt, gemobbt und intrigiert wird, um die Konkurrenz auszuschalten“, analysiert Peter Stiegnitz.

Tricksern auf der Spur
Wenn er nicht mit 33 Jahren gekreuzigt werden will, kommt der Mensch an der Mogelei nicht vorbei. Hilfreich ist es daher, das unaufrichtige Gegenüber zu durchschauen, auch wenn es schwierig ist, da laut Statistik 40 Prozent aller Menschen richtig gut schwindeln können. Körperliche Signale werden trotzdem unbewusst ausgesendet. Greift sich ein Gesprächspartner etwa oft an die Nase, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass er Sie hinters Licht führen will. Dieses Phänomen entsteht durch eine erhöhte Durchblutung in der Nase, die durch Hormonausschüttung beim Lügen entsteht. Berühmtes Beispiel: Bill Clinton fummelte eine Minute lang nervös an seinem Zinken herum, als es beim Kreuzverhör in Sachen Monica Lewinsky ans Eingemachte ging und er sexuelle Handlungen mit seiner Praktikantin vehement leugnete. Anleitung für das Überführen von Lügnern verspricht auch die neu angelaufene TV-Serie „Lie to me“.

Vorsicht bei Anwendung ist geboten
Tim Roth mimt in der Serie einen wissenschaftlichen Experten, der mit genauer Beobachtung und technischen Videoanalysen Tatsachenverdreher überführt. Sein Charakter basiert auf den jahrzehntelangen Forschungen des US-Wissenschaftlers Paul Ekman. Ekman richtet dabei seinen Fokus auf nonverbale Gesten und Mimik. Vor allem in den sogenannten "Mikrobewegungen“ des Gesichts, die unwillkürlich Emotionales widerspiegeln, sieht er den Schlüssel zur Wahrheit. Vorsicht beim Konsum der Serie ist trotzdem geboten, denn Mikrobewegungen kann der Mensch mit freiem Auge gar nicht erkennen. Und nicht jeder, der die Fäuste ballt, zu oft blinzelt, einfach mal stottert oder sich an der Nase kratzt, lügt und steht auf Praktikantinnen. Echt jetzt.

Dina Elmani, Manfred Gram

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