Rot-gelbe Vielfalt: Der Kaiser der Paradeiser züchtet 3.200 verschiedene Sorten

Mit Gemüse- und Obstkonserven für Gourmets und Spitzenköche ist Erich Stekovics berühmt geworden. Im burgenländischen Frauenkirchen unterhält er sein Paradies der Sortenvielfalt.

Es gibt Leidenschaften, die manifestieren sich schon ganz früh im Leben. Deshalb sieht eine der ältesten Erinnerungen von Erich Stekovics so aus: Er ist fünf, sitzt mit ein paar Kindergartenfreunden auf dem Dachboden seines Elternhauses in Frauenkirchen im Nordburgenland, und dicke Tränen rinnen ihm über die Wangen. „Wir haben ganze Nachmittage lang Gärtner gespielt. Dabei sind uns nicht selten die Tränen gekommen, weil wir uns mit den Fingern, mit denen wir vorher Chilisamen ausgelöst hatten, die Augen gerieben haben.“ Zur optimalen Lagerung steckte der Junggärtner-Zögling Chilisamen in alte Damenstrümpfe, die seine Mutter ausgemustert hatte.

Samensammler von Kindheitstagen an

„Die Kleinmaschigkeit von Nylonstrümpfen verhindert, dass die Samen von Insekten gefressen werden können. Gleichzeitig kommt aber genug Luft dazu“, erklärt er. Schon damals, als Bub, sammelte er Spezialwissen wie dieses zum Sammeln, Anbauen und Aufbewahren von Pflanzensamen. Jetzt, mit Anfang 40, hat Erich Stekovics’ Leidenschaft für dieses Thema keinen Deut nachgelassen. Wer ihn in seinem Betrieb in Frauenkirchen besucht, dem zeigt er begeistert seine Sammlung. Ein breites Schiebetür-Kastl, Regal für Regal dicht gefüllt mit kleinen Papiertütchen voller Pflanzensamen: Tausende Paradeiser und Chili, Kräuter und Blumen, verschiedenste Spezialgemüse. „So wie andere Briefmarken sammeln, hab ich mein ganzes Leben lang Samen gesammelt“, sagt Erich Stekovics und lacht fröhlich.

Gut eingekocht

Er geht im Verkaufsraum seines Betriebs auf und ab. Von nebenan, wo gerade eine neue Charge Marillen-Chili-Marmelade gekocht und in Gläser abgefüllt wird, zieht ein fruchtig-scharfer Geruch herüber. Auf einem Regal entlang der Wand stehen fein geordnet Hunderte Gläser der süß-sauer eingelegten Konserven, die Erich Stekovics berühmt gemacht haben und von denen er mittlerweile gut 100.000 im Jahr produziert: Paradeisertatar aus getrockneten Paradeisern mit Knoblauch, Kräutern, Meersalz und selbst gepresstem Sonnenblumenöl. Paradeispaprika-Chili-Fruchtaufstrich.

Ausgefallene kulinarische Vielfalt

Cocktail- und Wildparadeiser in Welschrieslingessig. Tapenade aus schwarzen Nüssen und getrockneten Paradeisern. Mini-Melothria-Gurken in Muskatessig. Bunte Chili-Variationen aus über 30 Sorten in Tramineressig. Leuchtend orange Physalis-Früchte in Wein von der Beerenauslese. „Madame Mieze Schindler“-Erdbeermarmelade. Marillenmarmelade mit Chili. Paradeiserpowidl aus 120 verschiedenen Sorten. Honig-Chili. Süße Paprika in St.-Laurent-Essig mit Mangalitza-Schweineschmalz.
Über siebzig verschiedene Produkte hat Erich Stekovics im Lauf der letzten zehn Jahre entwickelt.

Süße und saure, pikante und scharfe, raffiniert kombinierte und ganz und gar ungewöhnliche – edel verpackt in transparente Gläser mit schwarzem Deckel und dem vertikal aufgeklebten Schriftzug „Stekovics“. Er verkauft sie an die Spitzengastronomie, an Edel-Supermärkte, Delikatessenläden und berühmte Köche. Für einige seiner Partner wie das burgenländische Esterházy-Weingut stellt er eigene Spezialkreationen her, Spitzenköche beliefert er mit tiefgefrorenen Paradeisern, wieder andere mit frischen Erdbeeren und Gemüse.

Ein ständiges Ein und Aus

Und dann sind da noch die vielen Besucher, die ständig in seinem Verkaufsraum ein und aus gehen: Über 30.000 sind es pro Jahr. Sie kosten sich durch die Produkte, kommen im Mai zum Jungpflanzenverkauf von Paradeisern, Chili, Paprika und einigen anderen Sortenraritäten und reisen im Sommer busweise zu den Führungen an, die Erich Stekovics von Mitte Juli bis Mitte September anbietet. „Am späten Nachmittag, wenn das Licht am schönsten ist, führe ich durch die Felder. Ich erzähle die Geschichte einzelner Sorten, gebe Kulturtipps und beantworte Fragen. Jeder kann so viele reife Früchte direkt von der Staude essen, wie er will und kann. Noch nie hat jemand diesen Ort verlassen, ohne von Dutzenden Sorten gekostet zu haben.“ Darunter die winzigen gelborangen Johannisbeerparadeiser, die kaum größer sind als Ribiseln, oder Green Zebra, eine gelb-grüne Sorte, oder Black Cherry, eine obstig-süße braune Cocktailtomate.

Ein wandelndes Gemüse-Lexikon

Mit Erich Stekovics über seine Arbeit zu sprechen bedeutet, sich mit einem wandelnden Gemüse- und Obstlexikon zu unterhalten, mit einem Missionar in Sachen Sortenvielfalt und biologischer Anbau und mit einem Spezialwissensträger der beschwingten, großzügigen Art. Er ist keiner, der mit seinen Kenntnissen geizt. Im Gegenteil: Mit großer Geste wirft er sie unter die Leute. Vor ein paar Jahren hat „Arte“ einen Dokumentarfilm über diesen Vielseitigen gedreht: Er trug den Titel „Der Kaiser der Paradeiser“. Der Beiname ist ihm geblieben. „Auf meinen Feldern wachsen pro Jahr rund 50.000 Paradeiserpflanzen. Jedes Jahr kultivieren wir zirka 600 verschiedene Sorten, sodass ich meinen Besuchern in einem Fünfjahreszyklus die gesamte Vielfalt unserer 3.200 verschiedenen Sorten zeigen kann.“

40 Hektar Nutzfläche

Inzwischen bewirtschaftet Erich Stekovics im nördlichen Burgenland mit etwas mehr als einem Dutzend Mitarbeitern fast 40 Hektar. Natürlich wachsen darauf nicht nur Paradeiser, sondern auch andere alte Obst- und Gemüsesorten, darunter Erdbeeren, Maulbeeren, Knoblauch, Zwiebeln, Chilis, Paprika, Gurken, Melanzani, Physalis, Marillen, Weingartenpfirsiche, Ribiseln, Himbeeren und Nüsse. Der Großteil – nämlich 97 Prozent – wird zu Obst- und Gemüsekonserven verarbeitet.

Vorgezeichnete Wege

Erich Stekovics’ Weg zu dieser Vielfalts- und Nachhaltigkeitskarriere im Gartenbau war vorgezeichnet, aber alles andere als schnurgerade. „Groß geworden bin ich mit dem Geschmack und dem Geruch von Feld-
paradeisern“, erzählt er, „mein Vater, der Nebenerwerbslandwirt war, hat mich immer zum Anbau mitgenommen, und bei uns zuhause habe ich schon als ganz kleiner Bub mein Talent fürs Süß-Saure unter Beweis gestellt: Ich war fürs Anrühren der Salatmarinaden zuständig.“ Trotzdem kam es anders. Stekovics studierte Theologie und arbeitete jahrelang als Religionslehrer und Referent für Laientheologen.

Späte Berufung

Erst mit 35 gründete er seinen Betrieb und erfüllte sich den Kindheitstraum vom Gärtnern. „Für einen Theologen scheint es nur folgerichtig, dass er sich wie Noah mit seiner Arche um eine möglichst vollständige Sammlung bemüht. In meinem Fall sind es Obst- und Gemüsepflanzen“, scherzt er. Von Glashäusern und Plastiktunneln hält er nichts. Seine Pflanzen wachsen unter freiem Himmel, Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt. Im Fall der Feldparadeiser werden sie nicht einmal bewässert. Und auch nicht auf Stäben hochgebunden. Das hat sich bewährt und Stekovics’ Ernteerfolge nicht geschmälert. Im Gegenteil. Daher kann er sich unkonventionelle Überzeugungen leisten. Eine der wesentlichsten lautet: „Die besten Paradeiser sind fast nie rot.“

Julia Kospach

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