Pornetration: Dank Neo-Cocooning boomt die 100-Mrd-Euro-Branche auch in der Krise

Ob in der Werbung von Agent Provo­cateur, Kunstperformances oder MTV-Videos, Pornografie flutet den Mainstream. Wo und warum das Business mit den nackten Tatsachen auch in der Krise boomt und wie es die Gesellschaft verändert.

Als Regiestar Steven Soderbergh beim Sundance Film Festival seinen neuen Film „The Girlfriend Experience“ vorstellte, waren die dort versammelten Cineasten überrascht. Immerhin war in der Hauptrolle die 20-jährige Sasha Grey zu sehen, die bislang vor allem in einem anderen Genre ihr schau­spielerisches Talent unter Beweis stellen konnte. Sie drehte in drei Jahren 150 Sexfilme und zählt zu den wenigen wirklichen Superstars der inter­nationalen Porno­szene. Für Aufregung oder gar biedere Entrüstung sorgte die Wahl der Besetzung bei Publikum und Kritikern freilich nicht, denn Pornografie ist längst im massentauglichen Mainstream angekommen.

Fließende Grenzen
Gerne greifen Film, Literatur, Popkultur, Kunst oder Werbung (siehe auch Chic und Schock: Pornos im Kunstbetrieb ) auf die einschlägigen Codes und Ästhetizismen der Pornoindustrie zurück, durchdringen so unseren Alltag und machen eine Grenzsetzung schwierig. Wo fängt hört Erotik auf, wo fängt Pornografie an? So sind Werbekampagnen wie die vom Edelreizwäsche-Fabrikanten Agent Provocateur in puncto Bildsprache kaum mehr von Erotikmagazinen zu unterscheiden. Aber auch der oft diskutierte Überraschungsbestseller „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche hätte wohl ohne derb explizite Beschreibungen um die Vorgänge in unteren Körperregionen kaum jemanden interessiert. Dass junge Epigonen wie die 18-jährige Rebecca Martin bei ihrem ­Debütroman „Frühling und so“ mit einer ähnlich gelagerten Thematik ihren ersten Erfolg feiern, passt dabei ebenso ins Bild wie die räudigen Schnauzbärte der Hipps­ters in urbanen Subkulturen, die die Pornostars der 70er-Jahre zitieren.

Überall Sex
„Wir sind ein Volk der Pornophilen, und die Pornografie hat auf­gehört, ein Randphänomen zu sein“, findet der deutsche Sexualpsychologe Jakob ­Pastötter dafür deutliche Worte. Alles scheint möglich, alles praktizierbar, und so etwas bleibt nicht ohne tiefe gesellschaftliche Ver­änderungen. 50 Prozent der Burschen zwischen 13 und 21 werden mittlerweile über Pornos aufgeklärt. „Die unrealistischen sexuellen Inhalte in der Pornografie können bei Jugendlichen, aber auch Erwachsenen ­Ängste, Stress, Lustlosigkeit und Minderwertigkeitskomplexe auslösen“, warnt die Wiener Psycho­therapeutin Christina Raviola. Das Körperbild, das Jugend­liche im Kopf ­haben, ist weit von der Realität entfernt. Die Unterscheidung zwischen Liebe, Sex und Porno wird für sie ­immer schwieriger. Immer mehr und vor allem immer mehr junge Menschen fühlen sich so im Bett unter Druck gesetzt. Die Porno- und Erotikmaschinerie produziert und liefert indes weiter.

Online-Versand floriert
Mehr als 100 Milliarden Euro (ohne Grauzone Prostitution) werden weltweit jährlich umgesetzt, und selbst in Zeiten der Wirtschaftskrise scheint die Branche relativ stabil. Einzelne Sparten verzeichnen, ähnlich wie im Lebensmittelhandel oder bei Energieversorgern, sogar Zuwächse. So floriert etwa der Online-Versand, Sexshops sind gut besucht, und im Internet, eigentlich ein Eldorado für Raubkopierer, boomt der Verkauf von mobilen Videos. Bis 2011 sollen damit prog­nostizierte 2,4 Milliarden Dollar umgesetzt werden. „Konsumschwäche macht sich natürlich bemerkbar, dennoch ist Erotik ein Produkt, das sich immer verkaufen lässt. Es gehört zum Leben wie Essen und Trinken“, fasst Serge van der Hooft, Geschäftsführer von Beate Uhse Deutschland, zusammen. Der Erotikkonzern ist zwar in den letzten Jahren ein wenig ins Wanken gekommen – 17 Geschäfte mussten im Vorjahr in Deutschland schließen; bei den österreichischen Franchisenehmern entwickelt sich der Umsatz aber prächtig. Acht Stores wurden 2008 neu eröffnet, Mitte Februar folgt Nummer neun. „Der 60-jährige Bahnhofssexkunde fällt flach, neues Zielpublikum sind vor allem Pärchen und Frauen“, erklärt Alexander Kloiber, Österreich-Sprecher von Beate Uhse, die neue Firmenstrategie. Auch diese Entwicklung lässt sich durchaus in Korrelation mit der Weltwirtschaft sehen.

Häuslicher Krisen-Sex
Eine aktuelle Studie ergab, dass bedingt durch die ­ökonomisch unsichere Zeit acht von zehn Personen sich wieder intensiver mit dem eigenen Partner beschäftigen. Das soll ablenken und zudem das Haushaltsbudget schonen. Von dieser Entwicklung zum Neo-Cocooning profitiert auch der Erotikhandel. „Bei typischen Pärchen-Bestellungen haben wir momentan einen kräf­tigen Anstieg von über 40 Prozent“, weiß Thomas Schwabe, Geschäftsführer des Erotik- und Hardcore-Versenders LustundLiebe.at, zu berichten. Massageöle, hochwertige Lingerie und Hilfsmittel für zweisame Stunden stehen bei der Kundschaft hoch im Kurs. Ein Eindruck, der auch von der berühmt-berüchtigten Durex-Studie bestätigt wird. Auf beinahe jedem dritten österreichischen Nachtkästchen finden sich mittlerweile nicht vibrierende Sextoys, auch auf Abwechslungsreichtum beim Liebesspiel wird viel Wert gelegt. Durchschnittlich üben Herr und Frau Öster­reicher 5,6 verschiedene Sexualpraktiken aus. Nur in Griechenland zeigt man sich da angeblich experimentierfreudiger.

Beglückt mit einer Feder
„Im Bereich der Sextoys gibt es sicher noch Wachstumspotenzial“, ortet Thomas Janisch, Chef der österreichischen Sex-­Institution ÖKM, Marktlücken. „Vor allem reicht es nicht mehr, sich nur auf eine Sparte zu konzentrieren“, so Janisch. Auch bei ÖKM hat man daher die Frau als Kundin für sich entdeckt und veranstaltet regelmäßig in Shops Abendveranstaltungen ausschließlich für Frauen. „Unsere Ladys Nights sind ausgesprochen gut besucht.“ Und was wandert bei Frauen nun vorwiegend so in den Einkaufskorb? „Hauptsächlich Massageöle, Bücher, Liebeskugeln und kleinere Vibratoren. Kundinnen gehen aber auch beglückt mit einer Feder nachhause“, weiß Ingrid Mack ( im Bild ), Betreiberin der beiden Wiener Shops „Condomi“ und „Liebenswert“. In ihren Geschäftsräumen werden Sex-Accessoires sehr dezent und diskret in Szene gesetzt, denn trotz gesunkener Schamgrenzen und offenerem Zugang zur Sexualität ist der Besuch im Erotikladen nach wie vor ein Vorstoß in ­intime Grenzbereiche. Aber auch gegen ­diese Schwellenangst ist ein Kraut gewachsen. LustundLiebe.at-Gründer Thomas Schwabe rief im vergangenen Herbst das Projekt „Engel9“ ins Leben. Mit Verkaufspartys sollen so, frei nach dem Tupperware-Prinzip, ein Erotiksortiment und Dessous direkt im heimischen Wohnzimmer an Frau und Freundin gebracht werden. Mit Erfolg. „Wir veranstalten gut 30 Partys im Monat“, so Schwabe, der wegen der hohen Nach­frage im Moment 109 Beraterinnen in ­Österreich sucht.

Porn in Austria
Für einen anderen Weg, im Erotik-Business mitzumischen, hat sich Österreichs einziger weiblicher internationaler Pornostar, Renee Pornero, entschieden (siehe auch Interview ). Die gebürtige Grazerin spielte in über 200 Hardcore-Filmen und avancierte in kurzer Zeit in den USA zum Topstar im Adult-Entertainment. Sie kehrte aber vor drei Jahren nach Österreich zurück und entschied sich für einen Seitenwechsel. Nunmehr produziert die 29-Jährige mit ­ihrer Firma Six Inch Snails Hardcore-­Pornos. Wirtschaftlich durchaus ein gewagter Schritt, denn neben dem Printmarkt sind es vor allem die Verkäufe von DVDs, die stark im Schwinden sind.
Das veranlasste Pornotycoon Larry Flynt zu Jahresbeginn gar zu einer ebenso medienwirksamen wie ironi­schen Forderung, der US-Staat solle doch der Pornoindustrie dringend fünf Milliarden Dollar Finanzhilfe zuschießen. Allerdings nicht, weil die Branche vor dem Bankrott stünde, sondern weil die Ame­rikaner bedingt durch die Krise zu len­denlahm geworden sind. Das ändert aber letztlich nichts daran, dass zu viel billig produziertes Angebot den Markt überschwemmt und die Gratiskonkurrenz aus dem Internet Verkaufszahlen zusätzlich einbrechen lässt.

Fortpflanzung der Besten
„Man muss ein qualitätsvolleres Angebot schaffen, dann stimmt auch der Absatz“, meint die Unternehmerin Pornero, die gut versteckt im Simmeringer Industriegebiet ihren Firmensitz hat. Maximal zwei Filme jährlich produziert Pornero hier; sie verkaufen sich ausgesprochen gut und werden meistens auch nachgepresst. Das Budget dafür kommt von der deutschen Filmfirma Magmafilm, die dann Porneros Filme exklusiv vertreibt. Bis zu 40.000 Euro Produktionsbudget stehen ­dafür zur Verfügung. Darsteller kriegen 300 Euro pro Sexszene, sind sie bekannter, wird es natürlich mehr. Pornero dreht aber auch Dokus und Musikvideos und betreut die Webpages von Pornostars. Sechs Mitarbeiter helfen ihr dabei. „Innovation und Kreativität sind sehr wichtig, um im Business bestehen zu können“, erzählt die Steirerin, die als Branchenkennerin die Probleme des DVD-Marktes nicht überbewerten will. „Für die zahlreichen Billig­anbieter und Semiprofis wird es wirtschaftlich sicherlich schwieriger werden, dadurch bereinigt sich aber auch der Markt.“ Ähnlich sieht es auch Thomas Janisch: „Langfristig werden sich nur die besten Erotikanbieter erfolgreich fortpflanzen, wir sind darauf vorbereitet.“ Die Probleme in der Videosparte sind zudem auch hausgemacht. Viele Produzenten, vor allem in Deutschland, haben einfach zu spät das Internet als schnellen und anonymen Vertriebsweg entdeckt, und es mangelt an den großen, glamourö­sen Namen in der Branche. Dennoch: „Es gibt Stammkunden und Sammler, die nach wie vor Videos kaufen und archivieren.“ Die könnten demnächst ihren Star Renee Pornero in neuem Umfeld bewundern: Denn Regisseur Michael Glawogger sicherte sich die Dienste der Grazerin und gab ihr in seiner Verfilmung von Josef Haslingers Roman „Vaterspiel“ eine Sprechrolle. Willkommen im Mainstream!

Von Manfred Gram und Birgitt Kohl

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