Philippe Starck: 'Ich werde nur noch Konzepte entwickeln, keine Produkte mehr.'

Philippe Starck ist der berühmteste Designer der Welt. Mit nonchalantem Understatement stärkt er seine Position als Ikone des „New Design“. Wie das mit Demokratie, Wirtschaftskrisen und Küchen zusammenhängt, erklärt er FORMAT.

Es sind oft die Kleinigkeiten, die sich zu Riesen auswachsen. Als der französische Star-Designer Philippe Starck Ende der 80er-Jahre für den italienischen Haushaltswarenhersteller Alessi die Saftpresse „Juicy Salif“ kreierte, ahnte niemand, dass aus dem futuristisch anmutenden Guss­aluminium-Ding ein echter Designklassiker werden sollte. Der kleine Küchenhelfer spaltete die Gemüter, verkaufte sich aber millionenfach und fand gar seinen Weg ins Museum of Modern Art in New York. Ein Ritterschlag für so etwas Banales wie eine Saftpresse. Und gleichzeitig ein Karrierehöhepunkt für den Franzosen. Allerdings nicht, dass es vorher an ihm entgegengebrachter Aufmerksamkeit gemangelt hätte.

Die Masse macht’s
Die Restaurants und Cafés, die er im Laufe der Jahre gestaltete, sind Legion, und dereinst wollte auch François Mitterrand ­seine Privaträumlichkeiten im französischen Regierungspalast von Starck gestaltet wissen. So ist der Sohn eines Flugzeugkons­trukteurs, 1949 in Paris geboren, mit seinem Ansatz, Design den elitären Touch zu ­nehmen, die Formensprache zu reduzieren, wo es nur geht, schnell zu Ruhm und Ehren ­gekommen. Starck kreierte für den Massenmarkt und nennt das Resultat „demokratisches Design“. Schöne Dinge für alle – auch in Zeiten ökonomischer ­Krisen. „Ich habe dem Kapitalismus immer misstraut. Jetzt ist es Zeit, das System zu überdenken. Und es liegt an Menschen wie mir, die Idee des Teilens und Miteinanders neu zu erfinden“, erörtert Philippe Starck seine Philosophie. Dementsprechend gibt es auch Dinge, die Starck niemals machen würde. „Als ich vor 30 Jahren mein Unternehmen gegründet habe, hielt ich in einer Charta fest, nie für Ölkonzerne, die Tabakindustrie, Produzenten von hochprozentigen Getränken, das Militär oder Religionen zu arbeiten“, stellt er nochmals ethische Grenzen fest.

Designkochstellen für Miele
Diesen Ansatz beherzigte er also in den letzten drei Jahrzehnten seines Kreativschaffens, das unter anderem Nudelsiebe, Lampen, Uhren, Klobürsten, Computer, Schuhe, Badewannen und Waschbecken auf die Welt brachte. Manches, wie das ­Mo­torrad Motó 6.5 von Aprilia, floppte dabei kommerziell, anderes, wie sein Stapelstuhl oder der Telefonhörer „Alo“, avancierte zum formidablen Verkaufsevergreen. Gute Ideen meist, die noch dazu gerne ­kopiert werden. Zu Epigonen hat Starck ein besonderes Verhältnis: „Es ist ein wenig masochistisch, aber wenn ich in Geschäften von mir Abgekupfertes sehe, kaufe ich es sofort. Ich habe schon eine ganze Kollek­tion von meinen Nachahmern.“ Neu im Starck-Sortiment, und da werden es dreiste Kopierer ein wenig schwerer haben: das Küchenkonzept „Starck by Warendorf“. Der Meister kreiert für „Miele die Küche“, die ab nächstem Jahr den Markennamen „Warendorf“ tragen wird, vier Kombüsen-Modelle. Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden die Designkochstellen übrigens auf der Wohndesign-Messe in Wien (bis 18. 10., Hofburg).

Kleine Widersprüchlichkeiten
Starcks Portfolio ist also umfangreich. Zu umfangreich für viele Kritiker, die ihm ein unüberschaubares Output-Konvolut an Beliebigkeiten attestieren. „Design ist die einzige Möglichkeit, mich mitzuteilen, ich kann nichts anderes, und es ist einfach für mich, so zu kommunizieren. Aber auch diese Position ist zu überdenken“, kokettiert der Franzose mit seinem Status als wohl berühmtester Produktgestalter der Welt. Erklärt aber auch, wie er sich sein zukünftiges Schaffen als Kreativ-Pensionist so vorstellt; schließlich kündigte er bereits 2001 seinen Rückzug aus der akti­ven Designwelt an: „Ich werde nur noch Konzepte entwickeln, keine Produkte mehr, Materialismus ist tot. Aber vorher muss ich noch Aufträge, die ich angenommen habe erledigen. Aber ganz ehrlich, Design interessiert mich eigentlich gar nicht wirklich!“ Das offenkundige Desinteresse und lässige Understatement schlägt sich jedenfalls nicht schlecht auf die Auftragslage seiner Firma „Starck Productions“ nieder.

Luxusprojekte als Testpiloten
Vor allem, weil der umtriebige 60-Jährige immer wieder mit merkwürdig anmutenden Monsterprojekten für Schlagzeilen sorgt. Für seinen Freund, den exzentrischen Milliardär und Chef der Virgin-Group Richard Branson, gestaltete er etwa den Innenraum eines Flugzeugs, das – so der Plan – ab dem nächsten Jahr Weltraumtouristen für wenige Minuten ins All befördern soll. Und für schlappe 240 Millionen Euro designte Starck dem russischen Geschäftsmann und Physiker Andrej Melnichenko eine Luxus­yacht auf den Leib. Ziemlich elitär auf den ersten Blick. „Das ist kein Widerspruch zum ‚demokratischen Design‘. Ich teste bei solchen Projekten neue Technologien aus und versuche, die für den Massenmarkt nutzbar zu machen“, meint Starck. So wohl auch demnächst auf der Ferieninsel Mallorca, wo nach seinen Plänen eine neue, riesige Anlegestelle für Luxus- und Motoryachten im Entstehen ist. Einkaufspassagen, Edel-Restaurants, Tauch- und Segelschulen sind in diesem exklusiven, 80 Millionen Euro teuren Projekt selbstverständlich berücksichtigt. Und irgendwie wird sich das für die Masse dereinst wohl auch einmal ausgehen.

Von Manfred Gram

Im Bild: Starcks ­Küchenentwurf „Primary“ ist ein verspielter, verspiegelter Materialmix, den es ab € 27.000.– gibt.

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