Nie mehr ohne meinen Guru: Die Akzeptanz ganzheitlicher Heilverfahren wächst rasant

Wenn der Job auf Dauer krank macht: Warum alternative Heilmethoden wie Ayurveda, Kinesiologie oder Traditionelle Chinesische Medizin bei Menschen mit Stressjobs boomen. Und wie sich Politiker, Unternehmer und Manager neue Lebensenergie holen.

Topfenwickel können Paradigmenwechsel auslösen. Als Ursula Plassnik das alte Hausmittel gegen Entzündungen im Wiener AKH verschrieben bekam und dieses Wirkung zeigte, wurde ihr klar, „dass vernünftige Ärzte sich nicht ­hinter Begriffen wie ,Schulmedizin‘ oder ,Komplementärmedizin“ verbarrikadieren oder deren Exklusivansprüche ernst nehmen“. Seitdem vertraut die Nationalratsabgeordnete und ehemalige Außenministerin auf die Kombination von konventioneller und traditioneller Medizin, die in ihrer Diagnostik und Praxis die Zusammenhänge von Körper, Seele und Geist berücksichtigt.

Plädoyer für mehr Ganzheitsmedizin
Nicht nur im Spitzensport, auch in den mental fordernden Führungspositionen der Wirtschaft und Politik bekennen sich immer mehr Leistungsträger zur Ganzheitsmedizin – Heillehren, die auf jahrhundertealtem Erfahrungswissen basieren, wie unter anderem Ayurveda, Kinesiologie, Homöopathie und Traditionelle Chinesische Medizin. Der ruhelose Zeitgeist, die unmittelbaren Kommunikationstechnologien und der stetig steigende Leistungsdruck lassen die Zahl der von chronischen Stress­erkrankungen Geplagten, bei denen die schulmedizinische Symptombehandlung oft erfolglos bleibt, in die Höhe schnellen. Vor allem Manager kennen das Problem: Nackenschmerzen, Beschwerden im Lendenwirbelsäulenbereich, Tinnitus, Magenkrämpfe und Schlafstörungen kehren trotz klassischer Massagen, Infiltrationen und Medikamente immer wieder.

Alles fließt!
Auch Arcotel-Vorstandsvorsitzender Manfred Mayer machte diese Erfahrung. Vor einem Jahr noch litt er unter starken Rückenschmerzen, die die Bewältigung seines Arbeitsalltags massiv erschwerten: „Ich dachte zuerst, das kommt vom vielen Sitzen. Die schulmedizinischen Therapien haben aber nicht geholfen“ ( siehe Dia-Show) . Genau hier setzen die ganzheitlichen Methoden an. Hier wird nicht in naturwissenschaftlichen, sondern in naturphilosophischen und metaphysischen Kategorien gedacht. Organe und Gelenke sind demnach durch Energiebahnen miteinander verbunden. Schmerzen und Symptome treten auf, wenn der Körper aus dem Ungleichgewicht gerät, der Energiefluss durch körperliche oder emotionale Blockaden gestört wird. Dass ein Energieleitsystem im Körper vorhanden ist, wurde bereits mittels Neuromonitoring, der Überwachung von Gehirnfunktionen, bei der Akupunktur gezeigt.

Ursachenforschung
In der holis­ti­schen Betrachtung ist die Ursache oft ganz woanders zu suchen als das Symptom. Rückenprobleme können also durch einen eingeklemmten Nerv entstehen, können aber auch von einem Lungenproblem herrühren. „Knieprobleme können demnach darauf zurückzuführen sein, dass der Energiefluss im Lungen- oder Nierenbereich gestört ist, was wiederum ein emotionales Problem, einen ungelösten Konflikt widerspiegeln kann“, erklärt Energetiker Martin Weber. „Lungenprobleme können ein Anzeichen für zu viel Enge sein, dass einem etwas zu viel ist, die Luft zum Atmen nimmt.“ Allgemeinmediziner und TCM-Arzt Georg Weidinger ergänzt: „Wenn das Symptom aus dem Weg geschafft wird, ohne dass die Ursache hinterfragt wurde – etwa durch eine Operation –, sucht sich das Problem im Körper oft einen anderen Ort. Im Extremfall tritt schließlich eine schwere Krankheit ein.“ Damit wird auch die Eigenverantwortung des Patienten deutlich: „In den Gesprächen mit Doktor Weidinger stellte ich fest, dass ich mich meiner Symptome nur durch eine Verhaltensänderung dauerhaft entledigen kann“, erzählt etwa Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner, der seine Lebensführung umstellte und nun beschwerdefrei ist.

Jeder ist sein eigener Heiler
Jede Art von Genesung passiert durch die jedem innewohnenden Selbstheilungskräfte. Körperliche Prozesse wie das Heilen einer Wunde oder das Nachwachsen eines Nagels werden selten hinterfragt, ganz selbstverständlich wird auf die Regenerationsfähigkeit des Körpers – ohne fremde Hilfe – vertraut. Auch Arzneimittel können im besten Falle nichts anderes, als die Reparaturmechanismen im Körper in Gang zu bringen. Letztlich sind es immer die Botenstoffe und Hormone, die die eigene „Gehirn-Apotheke“ auswählt, zusammenstellt und ausschüttet und die über Gesundheit und Krankheit entscheidet. „Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass sie aktiv zu ihrer Gesundheit beitragen müssen und echte Genesung nicht durch Passivität und Abhängigkeit von Medikamenten und Ärzten erreicht werden kann“, so Michael Frass, Schulmediziner und Leiter der Ambulanz „Begleitende Homöopathie bei KrebspatientInnen“ am Wiener AKH.

Krankes System
Dies wird derzeit noch wenig gefördert. Im Gegenteil: Die Passivität wird auch noch kräftig mit Werbung unterstützt. So greifen Konsumenten bei Rückenschmerzen selbstverständlich zu Voltaren, Kopfschmerz wird mit Adolorin betäubt, bei Impotenz wird zum Heilsbringer Viagra, bei Cellulite zur teuren Kosmetikcreme gegriffen. Das „Krankensystem“ ist zu einem großen Teil auch hausgemacht: Nicht folgenlos bleiben jedenfalls immer genauere Messmethoden, die immer mehr Krankheiten oder „Abnormalitäten“ diagnostizieren, synthetische Medikamente mit starken Nebenwirkungen oder schlichtweg Übermedikation – Profiteure sind in erster Linie Medizingerätehersteller und Pharmaindustrie. „Es müssten einmal alle Studienergebnisse auf den Tisch. Dass der unkritische Einsatz von Impfungen und Antibiotika das Immunsystem belastet und vermehrt zu Allergien und Autoimmunerkrankungen führt, ist längst erwiesen“, so Gerhard Hubmann, Allgemeinmediziner und Vizepräsident der Akademie für Ganzheitsmedizin.

Volkswirtschaftliche Kosten explodieren
Auch die chemische Nahrungsmittelindustrie trage ihren Anteil zu der fortschreitenden Volksverkrankung bei. Die westliche Hightech-Medizin hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Durchbrüche gefeiert. Dennoch ist sie überfordert. Die heimischen Krankenkassen stecken in einer Finanzmisere, laut Ärztekammer ist jeder zweite Schulmediziner Burnout-gefährdet, die Patienten werden in den Praxen am Fließband abgefertigt – ausgerechnet in Zeiten, in denen die Zahl der psychischen Erkrankungen zu explodieren droht. Laut Statistik Austria ist sie seit 1995 bereits um alarmierende 89 Prozent gestiegen und verursacht zudem jährliche volkswirtschaftliche Kosten von 7,6 Milliarden Euro. „Ein Brückenschlag zwischen Schulmedizin und traditioneller Medizin könnte in vielen Bereichen Abhilfe schaffen“, ist Wolfgang Marktl, Präsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, überzeugt.

Kompetenzbündelung im Alternativbereich
Die Komplementärmedizin punktet in wesentlichen Bereichen, an denen das aktuelle System krankt: Patientennähe sowie kostengünstige und nahezu nebenwirkungsfreie Medikamente. Im Rahmen des Programms Evaluation Komplementärmedizin (PEK) wurden an der Universität Bern die Kosten von Schul- und Komplementärmedizin in der Grundversicherung verglichen. Die Studie zeigt, dass die Behandlungskosten pro Patient in beiden Bereichen praktisch ident sind, aber unterschiedlich zusammengesetzt: 56 Prozent der Kosten der Komplementärmedizin entsprechen laut Untersuchung den sogenannten „direkten Behandlungskosten“, also dem Gespräch mit dem Patienten. Bei der technisierten Schulmedizin betragen diese 39 Prozent. „Dabei belegen zahlreiche Studien die Wirkung von menschlicher Beziehung und Vorstellungskraft: Kranke mit positiven Erwartungen und Vertrauen in die Behandlung haben eindeutig bessere Heilungschancen“, attestiert Peter Swoboda, Facharzt für Innere Medizin und Onkologie, der auch eine komplementärmedizinische Praxis betreibt.

Körpereigene Schmerzmittel freisetzen
Laut Fabrizio Benedetti, Neurophysiologe an der Universität Turin und einer der Pioniere der Placeboforschung, können schon beruhigende Worte des Arztes bei einem Schmerzpatienten den Hirnstoffwechsel derart positiv beeinflussen, dass sich das auf den gesamten Körper auswirkt. Benedettis Experimente belegen: Suggestion kann die Herzfrequenz senken, Endorphine – also körpereigene „Schmerzmittel“ – freisetzen sowie die Ausschüttung von Hormonen und das Immunsys­tem aktivieren. Fachleute schätzen, dass dieser Effekt bei einem Großteil der Erkrankungen etwa 30 bis 40 Prozent zum Nutzen medizinischer Maßnahmen beitragen kann – egal, ob Schul- oder Naturmedizin zur Anwendung kommt.

Kostengünstige Arzneien
Im Bereich der Medikamentenkosten verhält sich der Anteil umgekehrt: Bei der Komplementärmedizin machen diese nur 35 Prozent, bei der Schulmedizin 51 Prozent aus. Obwohl Pharmazeutika derzeit die größte Belastung für das heimische Gesundheitssystem darstellen, stehen die vergleichsweise kostengünstigen Homöopathika bis auf wenige Ausnahmen auf der Negativliste der Krankenkassen. Wolfgang Marktl: „Nur die Hersteller von Chemotherapeutika haben nichts gegen die homöopathischen Arzneimittel – weil diese die Chemo-Nebenwirkungen verringern.“ Auch die Übernahme von komplementärmedizinischen Therapien soll Krebspatienten vorbehalten bleiben.

Bildungsangebot in den Kinderschuhen
Ein Problem, das nicht nur in Österreich, sondern EU-weit verbreitet ist. Obwohl laut Erhebungen des Berliner Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitswirtschaft bereits mehr als 150 Millionen Europäer komplementärmedizinische Angebote in Anspruch nehmen, sind in nur wenigen EU-Staaten, wie etwa in Deutschland oder Italien, komplementärmedizinische Leistungen Teil der staatlichen Gesundheitsförderung. „Österreich ist im deutschsprachigen Raum das einzige Land, das noch keinen Lehrstuhl für Komplementärmedizin eingerichtet hat“, so Michael Frass von der Wiener Uniklinik. Für Schulmediziner gibt es ausschließlich Postgraduate-Ausbildungen im komplementärmedizinischen Bereich, die von der Ärztekammer akzeptiert werden. Das Interesse ist jedenfalls stark steigend: Seit 1995 ist die Zahl der Schulmediziner mit komplemen-tärmedizinischem Diplom von 1.054 auf 6.850 im Jahr 2010 gewachsen.

Zukunft mit Komplementärmedizin
In der Schweiz haben sich im Vorjahr die Patienten gegen die Blockierung der komplementärmedizinischen Angebote formiert: Via Volksabstimmung wurde die neue Verfassungsbestimmung „Zukunft mit Komplementärmedizin“ beschlossen. Seit 1. Jänner 2010 läuft das EU-geförderte 3-Jahres-Projekt CAMbrella (Complementary and Alternative Medicine), das Zahlen und Fakten erheben soll, um u. a. auch in Österreich die Integration der Komplementär- in die Schulmedizin, die in der westlichen Gesellschaft vorherrscht, voranzutreiben – auch mithilfe der Erkenntnisse der Quantenphysik. Diese hat die Existenz einer feinstofflichen Ebene längst anerkannt. Ziel ist auch, Parameter zur Qualitätssicherung zu finden, die der Klientel helfen, beim komplementärmedizinischen Angebot die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn ohne individuell-richtige Diagnose keine richtige Therapie. Im Gesundheitsbereich bahnt sich jedenfalls ein Umdenken an, das große Chancen in sich birgt. Die östlichen Kulturen machen es uns schon seit Jahrtausenden vor: Nach chinesischer Sitte wird für ärztlichen Rat nur bezahlt, solange man gesund ist.

Nina Kreuzinger

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