Frag doch einfach die Inder: FORMAT testet ein Service für privates Outsourcing

Dass Konzerne ihre Buchhaltung und EDV-Technik nach Indien auslagern, ist nicht neu. Nun kann man auch sein Privatleben outsourcen: Assistenten in Bangalore schicken Blumen, kaufen online ein und kümmern sich um die Garagenräumung. Ein Test der Agentur GetFriday.

Stellen Sie sich vor, dass wir ein regelmäßiger Assistent sind, der im nächsten Zimmer sitzt. Bloß, dass das nächste Zimmer in einem anderen Land liegt. Wir können Ihnen Ihre tägliche Tasse Kaffee nicht in die Hand geben, aber wir können sie liefern lassen.“ So wirbt die Agentur GetFriday. Das andere Land ist Indien, die Assistenten sitzen in Bangalore und bieten an, das Privatleben von überarbeiteten Menschen zu organisieren, deren To-Do-Listen Deadlines von vor drei Jahren aufweisen. Ich fühle mich ertappt.

Plan "Basic" für 10 Dollar im Monat
Dass Konzerne ihre Buchhaltung und Callcenter nach Indien auslagern, wissen wir. Aber das Privatleben outsourcen? Zu absurd, um nicht getestet zu werden. Ich nehme den Plan „Basic“: 10 Dollar Grundgebühr im Monat, 15 Dollar pro Stunde. Nach einer Stunde ruft Rajan an und fragt mit leichtem Ruhrpott-Akzent nach, was ich genau brauche. Ich bin zu unorganisiert, um zu wissen, was ich organisiert haben will. Rajan findet, dass Sneha die richtige Assis­tentin für mich ist.

Seit Juli arbeiten vier der 200 Mitarbeiter auf Deutsch, alle haben am Goetheinstitut in Bangalore studiert. GetFriday erledigt Buchhaltung, Korrespondenz, Recherchen, Terminvereinbarungen. Sie haben aber auch schon Ehen geschlichtet, gestresste Karrierefrauen an ihren Diätplan erinnert oder Hochzeiten organisiert. Die schrägste Aufgabe erledigten sie für einen Amerikaner: Sie fanden innerhalb von vier Wochen einen neuen Job für ihn. Sein Arbeitsplatz war nach Indien ausgelagert worden.

E-Mail-Inbox umgehend aufgeräumt
Meine erste Bitte an Sneha ist, mich vor meiner urlaubsbedingt überfluteten E-Mail-Inbox zu retten: 4.000 Mails, 80 Prozent davon Massenware. Ich richte einen Gmail-Account ein und bitte sie, Nachrichten her­auszufiltern, die nach einer Antwort schreien. Plötzlich wird mir klar, warum Menschen ihr Privatleben nach Indien auslagern: Niemals würde ich jemanden in Österreich bitten, meine Mails zu lesen. Da erfahre ich lieber nicht, was drinsteht.

Nach 30 Minuten kommt ein Anruf: 1.200 Mails sind schon gelöscht, 20 persönliche Nachrichten in einen Ordner „Bitte antworten“ verschoben, ein anderer enthält „persönliche Einladungen“. Sneha schätzt die gesamte Arbeit auf vier Stunden und fragt nach, ob sie die Hauptverstopfer gleich abbestellen soll: „Liebe Eduscho-Freunde! Vielen Dank für Ihren Newsletter. Ich möchte allerdings ab sofort keine Newsletter mehr erhalten. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Internationales Flair weht aus dem Computer, garniert mit einem eisigen Hauch globalen Wettbewerbs. Womit Amerikaner schon länger kämpfen, wird nun auch für Deutschsprachige wahr: bes­tens ausgebildete, vielsprachige Profis, die zum Kampfpreis ihren Job von Indien aus erledigen.

Treffen mit viel beschäftigten Freunden
Beim nächsten Telefonat stoße ich folgerichtig auf mein soziales Gewissen. Beute ich eine indische Arbeitskraft in einem Sweatshop aus? Sneha lacht und sagt, sie verdient gut und mag ihren Job. Sie hatte einmal ein Stipendium in Berlin, aber leben will sie da nicht, danke. Sie koste auch niemanden den Job, weil man Dinge, die sie erledigt, sonst wohl selbst (nicht) macht. Stimmt, denke ich und bitte sie, ein Treffen mit Freunden und deren voll gestopften Terminkalendern zu koordinieren.

Sneha bekommt vier freie Termine, fünf Namen mit Telefonnummern und die Bitte, zu einem Abendessen zu laden. Sneha findet das normal – sie würde mir wohl auch einen Menüvorschlag für Milchallergiker zusammenstellen und die Zutaten liefern lassen. Ich hingegen habe Zweifel und warne alle per SMS vor. Wenig später kommt eine Excel-Liste zurück: 20 Minuten haben die Telefonate gedauert, ein gemeinsamer Termin ist gefunden.

"Tut mir leid, Corinna ruft gerne zurück"
Die Testpersonen rufen allesamt sofort an und fragen, wie ich auf die schräge Idee komme, sie von einer Assistentin einladen zu lassen. Sneha hingegen finden sie wunderbar professionell: „Eine Wohltat nach der Telekom-Hotline.“ Dass die Assistentin in Indien sitzt, fiel nicht auf. Auf die Frage, ob man mit mir selbst sprechen könnte, antwortet sie freundlich: „Tut mir leid, Corinna ruft gerne zurück, sie ist gerade nicht hier.“ Stimmt. Ich bin selten in Bangalore.

Dort – im Outsourcing- und IT-Zentrum Asiens – ist das Arbeiten in globalen Zusammenhängen Alltag. 20 Milliarden Dollar ist das Outsourcing-Business schwer. Womit früher nur gro­ße Konzerne aus den USA und Europa Geld sparten, wird nun zum breiten Trend: Immer mehr KMUs besorgen sich Dienstleistungen im Web. In Indien entsteht so eine relativ gut verdienende Mittelschicht von jungen Frauen. GetFriday ist Teil des Konzerns TKK, der im Jahr 2004 die erste Tochterfirma für privates Outsourcing gründete: YourManInIndia richtet sich an Auslands-Inder, die etwa ihrer Mutter Blumen schicken oder der Tante Essen nachhause liefern lassen. Für Nicht-Inder entstand GetFriday. Englisch, Spanisch, asiatische Sprachen und Portugiesisch sind Standard. Deutsch ist neu.

Härtetest mit tiefstem Wienerisch
Ich beschließe einen Härte­test für Snehas gepflegtes Hochdeutsch und bitte um die Transkription eines Interviews. Der Politiker nuschelt in tiefstem Wienerisch und rasender Geschwindigkeit. Nach einer Stunde gibt Sneha bekannt, dass sie pro zehn Minuten Interview eine Stunde brauchen wird. Ich danke und transkribiere selbst. Neue Aufgaben fallen mir mittlerweile ohnehin zuhauf ein: Snehas VoIP-Anrufe sind so normal geworden, als säße sie tatsächlich „next door“. Aber kann sie etwas erledigen, wo man eigentlich anwesend sein müsste?

„Liebe Sneha, in meiner Garage steht ein Auto ohne TÜV (heißt hier „Pickerl“), sehr ros­tig. Kannst du es irgendwie verschwinden lassen? Gratis?“ Postwendend kommt die Antwort: „Aber klar. Sag mir nur, wann du zuhause bist.“ Ich gebe Type und Baujahr durch und bekomme eine Excel-Liste zurück: 18 Wiener Firmen mit Ansprechpersonen, Telefonnummern und dem Ergebnis aller Telefonate. Herr Ofner ist fett markiert. Er holt das Auto morgen ab. Eine unsichtbare Hand, 6.618 km Luftline entfernt, hat meine Garage freigeräumt.

Outsourcing: nicht für wirklich Privates
Fazit des Tests: Im echten Leben kann man die Dienstleis­tungen, die GetFriday anbietet, wohl auch über Studentenjobs erledigen lassen – nur würde man es nicht tun. Im wirklich privaten Bereich ist die Zeit für das globalisierte Privatleben wohl noch nicht reif: Wer das abendliche Date von der indischen Assistentin absagen lässt, muss vermutlich mit schwer beleidigten Reaktionen rechnen. Den Versöhnungsblumenstrauß könnte allerdings wiederum Sneha schicken.

Von Corinna Milborn

Webadressen: Outsourcing auf die Schnelle
www.getfriday.com  Seit Anfang Juli werden Kunden auch auf Deutsch bedient.
www.yourmaninindia.com  Ein Klassiker im Outsource-Business.
www.freemytime.de  Ihr Mann in Berlin ist rund um die Uhr erreichbar – zum Kampfpreis.
www.pullhorse.com  Unter Firmenkunden eine gern gewählte Adresse.
www.getfreelancer.com  Hier gibt’s kreatives Jungvolk. Etwa zum Homepage-Pimpen.

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